Das Baby auf Eis legen

Mit Anfang zwanzig ginge es am ringsten mit dem Baby. Doch das ist vielen Frauen zu früh. Kann das Einfrieren von Eizellen eine Lösung sein?

Viel Zeit mit dem Kind verbringen: Das ist für viele Frauen  zwischen 30 und 40 nicht so einfach. Foto: Imago

Viel Zeit mit dem Kind verbringen: Das ist für viele Frauen zwischen 30 und 40 nicht so einfach. Foto: Imago

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Wer bei Google, Apple oder Facebook arbeitet, muss sich um seine biologische Uhr keine Sorgen mehr machen. Zumindest ist das der Eindruck, der bei vielen Menschen 2014 entstanden ist. Damals begannen die Konzerne ihren Mitarbeiterinnen anzubieten, dass sie die Kosten dafür übernehmen, wenn die Frauen sich Eizellen entnehmen und sie für später einfrieren lassen.

Dank dieses Social Freezing, so glauben seither viele, könnten Frauen ihrer Karriere nachkommen, um die Welt reisen oder auf den passenden Partner warten, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass sie auf diese Art zu alt fürs Kinderkriegen werden. Wenn ein Kind dann in ihr Leben passt und es auf natürliche Weise nicht mehr mit der Schwangerschaft klappt, könnten sie auf die in jungen Jahren eingefrorenen Eizellen zurückgreifen.

Aber wie sicher ist die Methode? Bleiben die Eizellen im eingefrorenen Zustand wirklich jung? Und welche Folgen hat diese Technik für das Leben von Männern und Frauen, für die Gesellschaft als Ganzes?

Fruchtbarkeit sinkt schnell

Viele Menschen glauben, erst ab 40 Jahren werde es für eine Frau schwieriger, ein Kind zu bekommen, sagte Christian Thaler, Leiter des Hormon- und Kinderwunschzentrums an der Uniklinik in München. Die Realität sehe jedoch anders aus. Bereits mit 30 Jahren werde es schwierig, mit 40 Jahren sei für Frauen in der Regel das Ende der Fertilität erreicht und mit 50 Jahren befinden sich die meisten Frauen mitten in den Wechseljahren. Es handle sich dabei zwar nur um Durchschnittswerte, so Thaler, komplizierter werde es für die meisten Frauen mit dem Kinderkriegen aber trotzdem bereits ab Ende 20.

Bei einer 22-jährigen gesunden Frau liegt die Wahrscheinlichkeit, in einem Monat schwanger zu werden, Thaler zufolge natürlicherweise nur bei 25 Prozent. Und «mit steigendem Lebensalter sinkt die monatliche Schwangerschaftsrate weiter». Im Alter von 38 Jahren ist sie nur noch halb so hoch wie mit 22. In dieser Zeit hat sich «nur und ausschliesslich das Alter der Frau verändert», gibt Thaler zu bedenken. Mit den Jahren sinke aber nicht nur die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Wege schwanger zu werden, zugleich steige das Risiko für Fehlgeburten und chromosomale Störungen. Und das liegt zum grossen Teil daran, dass mit der Frau ihre schon im Mutterleib angelegten Eizellen altern.

Da hört sich Social Freezing wie eine gute Lösung an. Denn das sekundenschnelle Einfrieren, die sogenannte Vitrifikation, kann die Eizellen konservieren, ohne dass sie etwa durch Kristalle Schaden nehmen. Selbst wenn die Zellen daraufhin jahrzehntelang in flüssigem Stickstoff aufbewahrt werden, altern sie nicht.

Auf Eis gelegt: Eizellen werden in einem Zentrum für Fortpflanzungsmedizin in Zürich in flüssigen Stickstoff eingelegt. Foto: Gaetan Bally, Keystone

Wenn eine Frau also mit Mitte 20 noch keine Kinder wolle oder keinen Partner habe, mache das Social Freezing die «räumliche und zeitliche Entkoppelung des Fortpflanzungsvorgangs» möglich. So drückte es Viktoria von Schönfeldt aus, die leitende Embryologin am Kinderwunschzentrum. Ein Garant für eine Schwangerschaft sei das aber trotzdem nicht.

Zuerst die Karriereziele erreichen

Doch warum passen Kinder eigentlich immer später in die Lebensplanung von so vielen Frauen? Martin Bujard spricht von der «Rushhour des Lebens». Der Bevölkerungsforscher hat festgestellt, dass der Kinderwunsch immer häufiger mit dem Berufseinstieg, befristeten Jobs und der beruflichen Etablierung kollidiert. Erst wenn Frauen ihre Karriereziele erreicht und soziale Sicherheit erlangt hätten, würden sie an die Familienplanung denken. Das habe zur Folge, dass heute 55 Prozent aller 35-jährigen Akademikerinnen noch kinderlos seien, viele blieben es ihr Leben lang, so Bujard: «Akademikerinnen sind besonders betroffen.»

In den 1960er-Jahren hätten Frauen ihr erstes Kind im Durchschnitt noch mit Anfang zwanzig zur Welt gebracht, mittlerweile sei es erst mit etwa dreissig so weit. Schwierig sei das vor allem deshalb, weil viele Paare sich eigentlich mehrere Kinder wünschen, dafür sei es dann oft zu spät. «Es gibt eine riesige Kluft zwischen Wunsch und Realität», sagte Bujard. Er befürchtet, Social Freezing könne dazu führen, dass immer mehr Frauen ihren Kinderwunsch aufschieben und am Ende doch ungewollt kinderlos bleiben – oder nicht die Zahl von Kindern bekommen, die sie gerne hätten.

Auch eine Frage des Einkommens

Zudem ist die bereits jetzt niedrige Geburtenrate von 1,59 Kindern pro Frau nach Bujards Ansicht auch für die Gesellschaft problematisch. Er kann es Frauen allerdings nicht verübeln, dass sie priorisieren: «Frauen, die sich mit Ende 20 für zwei bis drei Kinder entscheiden, werden vom Arbeitsmarkt bestraft.»

Kann das Einfrieren von Eizellen vor diesem Hintergrund für mehr Gleichberechtigung sorgen? Mariacarla Gadebusch-Bondio glaubt das nicht. «Das Problem der Chancengleichheit ist viel grösser», sagte die Direktorin des Instituts für Medical Humanities. Für einige Frauen könne das Social Freezing zwar eine Chance sein. «Letztlich wird ein sozio-politisches Problem aber nur verlagert und nicht gelöst.»

Medizinische Unterstützung für Paare, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können – das findet der Augsburger Weihbischof Anton Losinger «grundsätzlich begrüssenswert». Vom «Silicon-Valley-Modell» hält Losinger, der auch Mitglied des Ethikrats ist, allerdings wenig. «Ein klares Ja zu einer kinderfreundlichen Sozial- und Arbeitsmarktpolitik» lautet stattdessen seine Devise. So reiche Länder wie Deutschland oder die Schweiz müssten es Frauen ermöglichen, dann schwanger zu werden, wenn die Natur es vorsehe – und nicht erst dann, wenn es die Arbeit zulasse.

Angst vor Diskriminierung

Schätzungen gehen davon aus, dass mittlerweile in jeder Schulklasse ein Kind sitzt, das nicht auf natürlichem Weg gezeugt worden ist. Verlässliche Daten hierzu gebe es allerdings bislang zu wenige, sagte Petra Thorn. Was sie aus ihrer langjährigen Erfahrung als Vorsitzende einer Gesellschaft für Kinderwunschberatung weiss: Die Inanspruchnahme von Kinderwunschbehandlungen ist für viele Paare noch stets ein Tabu. «Es schwingt immer die Angst vor Diskriminierung mit», so die Therapeutin.

Wann immer über die Möglichkeiten durch Social Freezing gesprochen werde, müsse man auch fragen, welche Frau sich das überhaupt leisten könne, sagte Gadebusch-Bondio. Tatsächlich koste die Entnahme der Eizellen mehrere Tausend Euro, die Lagerung noch einmal mehrere Hundert Euro pro Jahr, hinzu kommen das Befruchten und Einsetzen der Eizelle. Die Kosten müssen die Patientinnen in aller Regel selbst tragen. Social Freezing bleibt somit auch eine Frage des Einkommens.

Künstliche Befruchtung: Ein Fortpflanzungsmediziner setzt mittels Katheter eine Eizelle in die Gebärmutterhöhle ein und überwacht den Eingriff am Ultraschall-Gerät. Foto: Gaetan Bally, Keystone

Gerade weil sich oftmals Frauen ohne Partner dafür entscheiden, liegt die Verantwortung – finanziell wie emotional – damit in der Regel immer noch bei den Frauen, beklagte Gadebusch-Bondio. Für die Einzelne kann das Einfrieren der eigenen Eizellen deshalb zwar eine Lösung sein – für das eigentliche, das gesellschaftliche Problem ist es das aber nicht, da waren sich alle Experten einig. Ausserdem müssten Frauen offen über die Risiken und Chancen der Methode informiert werden, das finde in kommerziellen Praxen aber nicht immer statt. Denn das Social Freezing mag zwar im Einzelfall auf teure Art die Chancen auf eine Schwangerschaft erhöhen, eine Garantie für ein Kind gibt es aber nicht. Womöglich wiegen sich die Frauen fälschlicherweise in Sicherheit.

Erstellt: 20.07.2019, 18:01 Uhr

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