Mit E-Zigaretten hören fast doppelt so viele Raucher auf

Die Dampfgeräte zeigen bei der Rauchentwöhnung gute Ergebnisse. Aber wie gefährlich sind die E-Zigaretten? Eine Schweizer Studie soll das nun klären.

In der Studie halfen E-Zigaretten besser als Nikotinersatzprodukte bei der Entwöhnung. Foto: Getty Images

In der Studie halfen E-Zigaretten besser als Nikotinersatzprodukte bei der Entwöhnung. Foto: Getty Images

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Die Mehrheit der Raucherinnen und Raucher möchte damit aufhören. Das zeigen Zahlen des Suchtmonitors Schweiz, die auch belegen, dass der Rauchstopp alles andere als einfach ist: Demnach hat es jeder vierte Raucher im vergangenen Jahr versucht – und ist gescheitert. Ausstiegs­willige setzen dabei zunehmend auf elektrische Zigaretten. Bereits haben diese Geräte in dem Bereich bewährten Produkten wie Nikotinkaugummi und -pflaster den Rang abgelaufen. Allerdings ist umstritten, ob mit den Nikotinverdampfern der Ausstieg ähnlich gut gelingt.

Nun zeigt die bis jetzt qualitativ beste Studie zum Thema: E-Zigaretten können tatsächlich helfen. Und sie führen unter Umständen sogar zu besseren Ergebnissen. Das Team um Peter Hajek von der Universität London teilte 900 Raucherinnen und Raucher zufällig in zwei Gruppen und verglich so E-Zigaretten mit herkömmlichen Nikotinersatzmitteln wie Pflaster, Kaugummi oder Sprays. Zusätzlich erhielten die Probanden viermal im Wochenabstand eine Beratung. Das Resultat: Nach einem Jahr hatten in der E-Zigaretten-Gruppe 18 Prozent mit dem Rauchen von Zigaretten aufgehört – in der Gruppe mit herkömmlichen Produkten waren es 10 Prozent.

Gängige Empfehlungen sollen überdacht werden

«Ein Meilenstein» sei die im angesehenen Fachblatt «New England Journal of Medicine» veröffentlichte Studie, sagte Onno van Schayck von der Universität Maastricht dem deutschen Science Media Center. «Es ist die erste Publikation, die echte Beweise dafür liefert, dass es einen Mehrwert gibt, E-Zigaretten zur Rauchentwöhnung zu verwenden», so der niederlän­dische Präventivmediziner, der auf dem Forschungsgebiet seit Jahren aktiv ist.

In der Schweiz lobt Reto Auer vom Institut für Hausarztmedizin der Universität Bern die Studie: «Die Ergebnisse bestätigen, was uns Aufhörwillige schon lange sagen.» Er geht davon aus, dass nun hierzulande gängige Empfehlungen zum Rauchstopp überdacht werden.

Die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz, die unter anderem von der Krebs­liga Schweiz, der Lungenliga und der Schweizerischen Herzstiftung getragen wird, rät heute, bei einer Entwöhnung zuerst erprobte Nikotinersatzprodukte oder andere Medikamente zu verwenden. «Ausser wenn jemand bereits mit E-Zigaretten begonnen hat oder unbedingt mit deren Hilfe aussteigen möchte», erklärt Geschäftsführerin Verena El Fehri. Aus ihrer Sicht braucht es dann aber unbedingt den Hinweis auf Unsicherheiten zu längerfristigen Risiken und Nebenwirkungen. «Im Gegensatz zu E-Zigaretten sind die erprobten Mittel gut erforscht und seit vielen Jahren in Anwendung», sagt El Fehri. «Betroffene müssen auch wissen, dass ein paralleler Konsum von E- und normalen Zigaretten kein Gewinn ist.» Die Krankheitsrisiken bleiben dann ähnlich hoch wie mit ausschliesslichem Zigarettenrauchen.

Grosse Schweizer Studiezu den Langzeitrisiken

Die Empfehlung der Arbeitsgemeinschaft könnte sich künftig tatsächlich ändern, glaubt Reto Auer. Er tendiert allerdings dazu, mit der Empfehlung von ­E-Zigaretten weiterhin zurückhaltend zu sein. «Ich mache das generell bei Medikamenten, dass ich in erster Linie etablierte Präparate verschreibe», sagt der Hausarzt und Forscher.

Weil E-Zigaretten keine Medizinprodukte sind, werden sie auch nicht standardisiert. Für einen Entzug ein Problem: «Die verschiedenen Hersteller sind nicht alle gleich sorgfältig», sagt Auer. So würden bei gewissen Vanille- und Zimtaromen sehr krebserregende Substanzen entstehen, andere seien aber unproblematisch. Der Mediziner weist auch darauf hin, dass die Wirksamkeit der neusten E-Zigaretten der Marke Juul für einen Rauchstopp unsicher sei. «Sie sind dafür in Europa und der Schweiz wahrscheinlich zu tief konzentriert, da diese viel weniger dampfen als andere E-Zigaretten auf dem Markt», sagt Auer.

Weil die Langzeitrisiken eines Rauchstopps mithilfe von E-Zigaretten noch unbekannt sind, haben Forscher um Auer eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie gestartet. 1200 ausstiegswillige Raucher sollen bei der Entwöhnung mit verschiedenen Methoden verfolgt werden. Neben Befragungen kommen dabei der Nachweis von schädlichen Substanzen im Urin und Gesundheitschecks wie ein Lungenfunktionstest zum Einsatz. Interessierte im Einzugsgebiet von Bern und Genf können sich für eine Teilnahme noch melden (rauchstoppstudie@insel.ch).

In Laborversuchen mit Tieren zeigten sich eindeutig schädliche
Auswirkungen.

Bis dato existieren erst wenige Untersuchungen zur Rauchentwöhnung. Bereits im Jahr 2016 kam eine Übersichtsarbeit des Netzwerks Cochrane zum Schluss, dass E-Zigaretten beim Ausstieg helfen könnten. Die Cochrane-Wissenschaftler bemängelten jedoch die dünne Datenlage und sahen deshalb von einer Empfehlung von Verdampfern als Entwöhnungsmittel ab.

An der herkömmlichen Praxis festhalten möchten auch die Autoren eines Kommentars im «New England Journal of Medicine», Belinda Borrelli und George O’Connor von der Boston University und dem Boston Medical Center. Sie heben hervor, dass 80 Prozent der Studienteilnehmer in der E-Zigaretten-Gruppe ein Jahr nach dem Entzug noch dampften. Das traf auch auf 20 Prozent der Nikotinersatzgruppe zu. Es stelle sich deshalb generell die Frage nach der Langzeitwirkung des E-Zigaretten-Konsums. Zwar würden weniger Giftstoffe freigesetzt als bei herkömmlichen Zigaretten. Dennoch beobachte man in Laborversuchen mit Tieren und Zellkulturen eindeutig schädliche Auswirkungen.

In den USA rauchen wenigerals 10Prozent der Jungen

Unklar seien zudem die Folgen des Entzugs mit E-Zigaretten für Kinder und Jugendliche. «Die Anwendung durch Erwachsene kann Kinder nicht nur dem Dampf aussetzen, es ist auch ein Vorbild für Suchtverhalten», schreiben die beiden Mediziner und warnen: «Es gibt stichhaltige Belege dafür, dass der Gebrauch von E-Zigaretten durch Jugendliche das Risiko des Rauchens von brennbaren Tabak­zigaretten erhöht.» Tatsächlich ist in den USA bereits die Rede von einer «E-Zigaretten-Epidemie» unter Jugendlichen. (Zu diesem Schluss kommt auch unser Kommentar zum Thema: Der Dampf trügt)

In der Schweiz konsumieren allerdings immer noch weniger als 1 Prozent der Erwachsenen wöchentlich E-Zigaretten. Die meisten geben an, diese als Ausstiegshilfe zu verwenden. Bei den Jugendlichen sind es noch weniger. Reto Auer von der Uni Bern betont deshalb, dass hierzulande der Fokus vor allem auf einer massiv stärkeren Prävention des herkömmlichen Zigarettenkonsums liegen müsste. «In den USA rauchen weniger als 10 Prozent der Jugendlichen Zigaretten, in der Schweiz ist es ein Viertel», sagt der Mediziner. Das sei eindeutig auf die zu schwach regulierte Werbung zurückzuführen. «Die Schweiz ist unter den OECD-Staaten das Schlusslicht – eine unhaltbare Situation.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 31.01.2019, 21:12 Uhr

Das neue Tabakgesetz lässt auf sich warten

In der Schweiz wird seit längerem um ein griffiges Tabakgesetz gerungen, das auch E-Zigaretten regeln würde. Nach einer Vernehmlassung überwies der Bundesrat dem Parlament im November 2015 den ersten Entwurf. 2016 folgten sowohl Ständerat als auch Nationalrat dem Antrag auf Rückweisung des Entwurfs. Das Parlament verlangte unter anderem eine Verankerung des Mindestalters von 18 Jahren für den Erwerb von Tabakprodukten sowie ein Verbot von speziell an Minderjährige gerichteter Werbung. Zudem sollten die wichtigsten Punkte der Tabakverordnung ins Gesetz überführt werden, nicht jedoch zusätzliche Einschränkungen im Bereich Werbung, Verkaufsförderung und Sponsoring, was von Ärzten und anderen Fachleuten stark kritisiert wird. Zu streichen sei insbesondere die Pflicht, Aufwendungen für Werbung und Marketing publik zu machen. Auch verlangte das Parlament eine Regelung von Alternativprodukten wie E-Ziga­retten und Snus. Ende November 2018 hat der Bundesrat dem Parlament einen zweiten Gesetzentwurf überwiesen. Mit dessen Inkraftsetzung wird bis Mitte 2022 gerechnet. (red)

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