Das beste Mittel gegen Krebs

Mit einem angestachelten Immunsystem lassen sich viele Tumore weitaus wirksamer behandeln als mit gängigen Therapien.

Das Immunsystem in Aktion: Eine Krebszelle wird von weissen Blutzellen angegriffen. Foto: Stockphoto

Das Immunsystem in Aktion: Eine Krebszelle wird von weissen Blutzellen angegriffen. Foto: Stockphoto

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Im Kampf gegen den Krebs gibt es seit über hundert Jahren eine an sich bestechende Idee: Nutze das Immunsystem und rüste es so auf, dass es bösartige Geschwüre und Krebsableger im Körper bekämpfen und eliminieren kann. Lange Zeit blieb es bei der Idee, auch noch, als vor rund 15 Jahren Forscher des Universitätsspitals Zürich versuchten, mit einer Impfung dem schwarzen Hautkrebs den Garaus zu machen. Die Studie erlitt Schiffbruch, es gab sogar einige Ungereimtheiten, einen kleinen Skandal.

Dieses Scheitern war für die Immuntherapie von Krebs ein herber Rückschlag, es zwang die Forscher quasi zurück auf Feld eins. Aus heutiger Sicht hat sich der zusätzliche Effort aber mehr als gelohnt. Denn die Immuntherapien sind zurück, und wie! Ohne gross zu übertreiben, erleben wir derzeit eine eigentliche Revolution in der Behandlung vieler Krebsformen. Dazu gehört auch die bahnbrechende Zelltherapie gegen Blutkrebs, für die Novartis in Kürze die Zulassung der US-Arzneimittelbehörde FDA erhalten wird. «Dank der Immuntherapien gibt es heute bei Krebs wirklich Hoffnung», sagt der Immunologe Burkhard Becher von der Universität Zürich.

Dass die heutigen Strategien so viel besser funktionieren als die Hautkrebsimpfung vor 15 Jahren, hat vor allem mit der Grundlagenforschung zu tun. Dank ihr hat man heute ein viel besseres Verständnis des Immunsystems. Dieses sorgt eigentlich dafür, dass viele Tumore erst gar nicht entstehen. Doch Tumorzellen können das Immunsystem austricksen. In den letzten Jahren haben Forscher viele dieser Tricks durchschaut. Und besonders wichtig: Die neuen Erkenntnisse konnten die Forscher auch in wirkungsvolle Therapien ummünzen.

Ganz zuvorderst stehen derzeit die sogenannten Checkpoint-Inhibitoren. Checkpoint-Eiweisse sorgen normalerweise dafür, dass das Immun­system nicht überreagiert. Gewisse Krebszellen tragen nun solche Checkpoint-Eiweisse auf ihrer Oberfläche und signalisieren dem Immunsystem damit, dass sie harmlos sind – die fast perfekte Tarnung oder Täuschung. Doch diesen Mechanismus durchbrechen die Checkpoint-Inhibitoren. Indem sie die Checkpoints blockieren, lösen sie quasi die Handbremse des Immunsystems. Seit Ende 2014 sind mehrere Checkpoint-Inhibitoren auf den Markt gekommen. Diese Medikamente haben die Therapie von schwarzem Hautkrebs und teilweise auch von Lungenkrebs auf eine neue Ebene gehievt. So brachten sie bei einigen Patienten selbst Hautkrebs-Metastasen vollständig zum Verschwinden, die sonst nicht mehr therapierbar waren.

Extrem hohe Erwartungen

Als zweiten Pfeiler der neuen Immuntherapien etablieren sich die zellbasierten Behandlungen. Dabei handelt es sich nicht um klassische Wirkstoffe, die dem Patienten gespritzt oder als Tablette verabreicht werden, sondern um aufwendige Verfahren, mit denen Immunzellen des Patienten ausserhalb des Körpers und zum Teil mit gentechnischen Veränderungen gegen den Krebs «scharfgemacht» werden. Eines dieser neuen Verfahren hat sich in verschiedenen Studien mit Blutkrebspatienten als so erfolgreich erwiesen, dass die erste Therapie mit derart veränderten Immun­zellen kurz vor der Marktzulassung steht. Für den Hersteller Novartis und andere Firmen, die ebenfalls an Zelltherapien gegen Blutkrebs arbeiten, öffnet sich damit ein Milliardenmarkt. Und dies nicht nur, weil die Therapien sündhaft teuer sein werden. Denn die jetzt lancierten Zelltherapien funktionieren bei rund 80 Prozent aller Leukämien und Lymphomen.

Die Hoffnungen, welche die neuen Therapien wecken, sind extrem hoch. Doch auch wenn jetzt viele Experten gar euphorisiert das Wort Heilung in den Mund nehmen, muss man die Erwartungen relativieren. Ja, einzelne Patienten, deren Ärzte bisher am Ende des Therapielateins angelangt waren, können mit den neuen Methoden tatsächlich geheilt werden. Aber halt nicht alle. Trotzdem gilt: Die Immuntherapien haben für viele Patienten das Potenzial, aus einer zwingend tödlichen Krankheit eine chronische, nicht tödliche zu machen. Das ist die eigentliche Revolution.

Erstellt: 27.07.2017, 21:00 Uhr

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