So funktioniert das Grippe-Frühwarnsystem

Das Netzwerk Sentinella der Schweizer Hausärzte sammelt Daten zu häufigen Krankheiten. Das dient dem Erkennen von Grippewellen – und vielem mehr.

Das Netzwerk eignet sich auch für wissenschaftliche Studien: Ein Hausarzt macht bei einer Patientin einen Speichelabstrich. Foto: Keystone</a>

Das Netzwerk eignet sich auch für wissenschaftliche Studien: Ein Hausarzt macht bei einer Patientin einen Speichelabstrich. Foto: Keystone

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Yasemin Yüksel steht im weissen Kittel vor einem Schrank beim Eingang ihres Behandlungszimmers und nestelt in einer flachen Kartonschachtel. «Labortests, die nichts kosten, sind beliebt», sagt sie und zeigt in der Schachtel Probenröhrchen, Tupfer und Formulare für verschiedene Nachweisuntersuchungen von Grippe über Keuchhusten bis Borreliose. Für die Patienten sind die Tests zwar gratis, trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass sie einwilligen. Bei Influenza braucht es zum Beispiel einen Nasenabstrich, der nicht gerade angenehm ist. Zudem dauert es mindestens zwei Tage, bis das Resultat bekannt ist. «Die meisten Patienten sind dann bereits wieder auf dem Weg der Besserung», sagt Yüksel.

Die 57-jährige Schweizerin ist eine Hausärztin, wie man sie sich vorstellt, im Gespräch pragmatisch und immer irgendwie auf dem Sprung, wohl zum nächsten Behandlungstermin. Yüksel führt eine eigene Praxis in Winterthur und ist seit über 15 Jahren Mitglied des Sentinella-Meldesystems. Das Netzwerk von 160 bis 180 Haus- und Kinderärzten erstreckt sich über die ganze Schweiz und sammelt Daten hauptsächlich zu häufigen Infektionskrankheiten. Koordiniert wird das Ganze vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Während der Influenzasaison sind die Sentinella-Daten eine wichtige Grundlage für die wöchentlichen Lageberichte, die das Anrollen der Grippewelle mit gut einer Woche Verzögerung dokumentieren. Aktuell ist der Schwellenwert seit vier Wochen überschritten. Wie heftig die Welle dieses Jahr ausfällt, wird sich erst zeigen. In der vergangenen Saison war sie sehr lang und infizierte ungewöhnlich viele Personen. Das Jahr davor kam es wegen der Grippe sogar zu 1600 zusätzlichen Todesfällen.

Google ist mit seinem Projekt gescheitert

Gäbe es die Sentinella-Daten nicht, wüsste niemand so genau, wann und wie stark die Influenzaviren bei uns wüten. Die Grippe­welle hat schliesslich noch niemand gesehen. Trotzdem kann man sich fragen, wofür die engmaschige Datensammlerei gut sein soll. Die Viren kommen ohnehin jedes Jahr, und, einmal angesteckt, lassen sich bestenfalls die Symptome lindern.

Daniel Koch, Leiter der Abteilung «Übertragbare Krankheiten» beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), hält das Grippemonitoring selbstredend für «sehr hilfreich». Tatsächlich erleichtert es den Ärzten die Diagnose, wenn sie wissen, dass aktuell das Influenzavirus zirkuliert. Bei unkomplizierten Fällen können sie die Patienten beruhi­gen und gewisse ­Untersuchungen und Medikamente weglassen.

Auch ausserhalb der Arztpraxen können die Menschen profitieren. «Wenn man während der Grippesaison krank wird, sollte man sich nicht ins Büro schleppen und andere anstecken», sagt Koch. «Es kann auch sinnvoll sein, in dieser Zeit einen Spitalbesuch zu verschieben.» Personen, die aufgrund anderer Krankheiten oder ihres Alters besonders anfällig sind, können in dieser Zeit eher zu Hause bleiben.

Und schliesslich schreibt der Pandemieplan des Bundes eine Grippeüberwachung vor. Wenn tatsächlich einmal ein gefährliches Influenzavirus auftreten sollte, ist es wichtig, die Ressourcen am richtigen Ort einzusetzen. Für Koch ist das Sentinella-Meldesystem «ein grosser Erfolg». Es funktioniere stabil und auf freiwilliger Basis. Auch weil der Aufwand entschädigt wird und sich mit täglich rund zehn Minuten in Grenzen hält.

Andere Versuche der Grippeüberwachung sind gescheitert. Insbesondere «Flu Trends» von Google. Das Unternehmen versuchte, die Intensität der Grippewellen anhand von Onlineabfragen in Echtzeit zu erfassen. 2015 wurde das Experiment eingestellt. «Das Problem bei solchen Systemen ist, dass sie sich aufschaukeln», erklärt Koch. Wenn die Medien über Grippe berichten, steigt die Anzahl der Google-Abfragen, auch wenn das Virus gar nicht aktiv ist. Besser als Sentinella funktionieren hingegen die Systeme in Ländern wie Grossbritannien, Schweden oder den Niederlanden. Dort ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen weiter fortgeschritten, und medizinische Daten aus den Arztpraxen können fast in Echtzeit zentral ausgewertet werden.

«Die Bevölkerung sensiblisieren»

Mumps, Keuchhusten und Gürtelrose heissen die anderen Infektionskrankheiten, die derzeit über Sentinella gemeldet werden. Zusätzlich erfassen die Ärzte Verschreibung von Antibiotika. «Es geht vor allem darum, Krankheiten zu überwachen, die relativ häufig sind», sagt Koch. Seltene Infektionen wie zum Beispiel Starrkrampf, Tuberkulose oder Syphilis sind hingegen für alle Ärzte meldepflichtig.

Das andere regelmässige Meldethema, das in den Medien ähnlich grosse Beachtung findet wie die Grippe, sind Zecken. Die Sentinella-Ärzte melden seit gut zehn Jahren Zeckenbisse und -infektionen mit Lymeborreliose, denen sie in ihrer Praxis begegnen. Seit einigen Jahren publiziert das BAG im Sommerhalbjahr dazu monatliche Berichte, kombiniert mit den Fällen von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die auch von allen Nicht-Sentinella-Ärzten gemeldet werden müssen. «Mit den ­Berichten wollen wir die Bevölkerung dafür sensibilisieren, sich durch ihr Verhalten und mit einer FSME-Impfung zu schützen», sagt Koch.

Schlaflosigkeit, Zeugnisse, Rauschtrinken

Bei der Gründung von ­Sentinella vor über 30 Jahren ging es ausschliesslich um Infektionen. Später wurden die Aktivitäten ausgeweitet. Zudem verfolgt das Netzwerk immer wieder auch Themen über nur einige wenige Jahre – Schlaflosigkeit zum Beispiel, Arbeitsunfähigkeitszeugnisse oder Rauschtrinken.

Inzwischen kommen Forschungsprojekte zunehmend aus den Haus­arztinstituten der Universitäten. «Wir haben realisiert, dass sich das Sentinella-Netzwerk ideal für Studien eignet», sagt Andreas Zeller, der seit einigen Jahren sowohl als Hausarzt als auch als Leiter des Zentrums für Hausarztmedizin an der Universität Basel mitwirkt. «2013 starteten wir mit der ersten nicht-infektiologischen Studie zur Work-Life-Balance von Hausärzten», erinnert er sich. Inzwischen ist die Zahl der Fachveröffentlichungen beträchtlich. «Sentinella ist für die Hausarztforschung sehr wertvoll», sagt Zeller.

Wenig überraschend mangelt es nicht an Ideen für neue Vorhaben. «Wir müssen jeweils aufpassen, dass wir nicht zu viel reinnehmen», sagt Zeller. «Wenn der Aufwand zu gross ist, melden die Ärzte weniger zuverlässig.» Welche Meldethemen und welche Projekte wie umgesetzt werden, bestimmt die Sentinella-­Programmkommission, die sich dreimal pro Jahr trifft. Darin sind neben Vertretern der Ärzte der sechs Melderegionen auch das BAG sowie die ­Hausarztinstitute. Auch Andreas Zeller für die Universität Basel und Yasemin Yüksel als Regionalvertreterin für die Nordostschweiz.

Jeder dritte chronisch Kranke hat mehr als zwei Krankheiten

Obwohl die Winterthurer Ärztin schon lange dabei ist, denkt sie nicht ans Aufhören. «Ich interessiere mich nach wie vor für Epidemiologie und Infektionskrankheiten», sagt Yüksel, die nach ihrer Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin einen Master in Public Health angehängt hat. «Als Sentinella-Mitglied kann ich Verantwortung übernehmen und etwas bewegen.»

Das Sentinella-Netzwerk interessiert zunehmend auch Versorgungsforscher an den Hausarztinstituten der Schweizer Universitäten. Eine erste grosse Studie, die nicht Infektionskrankheiten zum Thema hatte, beschäftigte sich mit der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben bei Hausärzten und wurde 2013 veröffentlicht. Federführend war Andreas Zeller, der heute das Zentrum für Hausarztmedizin an der Universität Basel leitet. Gemäss der Befragung waren die teilnehmenden Sentinella-Ärzte mehrheitlich «ziemlich zufrieden», fühlten sich jedoch von den Patienten oft nicht geschätzt.

Ein anderes, noch nicht abgeschlossenes Projekt, diesmal von der Universität Bern, beschäftigt sich mit der Darmkrebsfrüherkennung. Diese kann ab 50 mit zwei fast gleichwertigen Methoden erfolgen: entweder mit einer Darmspiegelung alle zehn Jahre oder mit einem Stuhltest alle zwei Jahre. «Die Studie will klären, wie das Informationsgespräch mit dem Arzt die Entscheidung des Patienten beeinflusst», sagt Zeller.

Eine weitere Untersuchung ­erfasste mithilfe von Sentinella erstmals, wie oft Mehrfacherkrankungen in Schweizer Hausarztpraxen vorkommen. Demnach hat dort jeder zweite Patient mehr als eine chronische Erkrankung gleich­zeitig, jeder dritte mehr als zwei. Verbreitet waren dabei Bluthochdruck und Depression. «Es ist wichtig zu wissen, wie häufig Multimorbidität vorkommt und dass sich nicht Spezialärzte, sondern vorwiegend Hausärzte um diese Patienten kümmern», sagt Zeller.

Studie zum Kerngeschäft der Hausärzte

Aktuell läuft ein Projekt des ­Instituts für Hausarztmedizin Luzern zu Hausbesuchen, «ein Kerngeschäft von Allgemeinpraktikern», wie Zeller es ausdrückt. Die Sentinella-Ärzte erfassen, wie häufig, wie lange, zu welcher Tageszeit und aus welchem Grund sie Patienten daheim aufsuchen.

Einen anderen Weg schlägt seit ein paar Jahren das Institut für Hausarztmedizin der Universität Zürich mit seinem Projekt Fire («Family Medicine ICPC Research Using Electronic Medical Records») ein. Fast 500 Grundversorger nehmen inzwischen daran teil. Sie liefern anonymisiert medizinische Routinedaten wie Diagnosen, Laborwerte oder verschriebene Medikamente und stellen sie für Forschungsprojekte des Instituts zur Verfügung. Im Gegenzug erhalten sie Rückmeldungen zur Qualität und Quantität ihrer Arbeit im ­Vergleich zu anderen teilnehmenden Ärzten. Die Fire-Datensammlung sei schweizweit ­einmalig, heisst es bei der Universität Zürich.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.02.2019, 15:07 Uhr

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