Zürcher Leibarzt von Julius Caesar

An der Uni Zürich findet Francesco Galassi in historischen Schriften und Bildern Hinweise auf die Krankheiten unserer Vorfahren.

Fruchtbarkeitsgott Priapus wird auf diesem Fresko in Pompei mit überdimensioniertem Penis und Phimose abgebildet – ein Zeichen einer Vorhautverengung. Foto: Mondadori Portfolio, Getty Images

Fruchtbarkeitsgott Priapus wird auf diesem Fresko in Pompei mit überdimensioniertem Penis und Phimose abgebildet – ein Zeichen einer Vorhautverengung. Foto: Mondadori Portfolio, Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Julius Caesar hatte wohl keine Epilepsie, sondern litt im Alter an den Folgen mehrerer kleiner Schlaganfälle. Alarich I., der Anführer der Westgoten, der im Jahr 410 Rom plünderte, starb an Malaria. Der italienische Dichter Dante Alighieri hatte Narkolepsie und beschrieb in ­seiner berühmten «Göttlichen Komödie» eine Fight-or-Flight-Reaktion – und zwar lange bevor der US-Physiologe Walter Bradford Cannon 1915 die Stressreaktion des Körpers als «Kampf-oder-Flucht-Reaktion» bezeichnete. Zu diesen Schlüssen kommt Francesco Galassi von der Universität Zürich. Der Mediziner liefert für seine Thesen stichhaltige Argumente. Beweisen kann er seine Erkenntnisse aber meist nicht, denn seine Patienten sind lange tot und deren sterbliche Überreste in der Regel verbrannt, verschollen oder verwest.

Prominente sind am besten dokumentiert

Galassi ist Paläopathologe. Bisher arbeitete er nicht mit Experimenten. «Ich suche in alten Quellen nach typischen medizinischen Fällen», sagt der junge Forscher in seinem kargen Büro, das er sich mit dem Ägyptologen Michael Habicht auf dem Campus Irchel teilt. Galassi ist seit sieben Monaten in Zürich im interdisziplinären Team von Mumienforscher Frank Rühli. Sein Deutsch ist recht gut. Doch wenn der gebürtige Italiener über seine Forschung redet, wechselt er zu Englisch mit britischem Akzent. In flottem Tempo und mit ansteckendem Enthusiasmus erzählt er über seine Arbeit.

Es sei nicht das Ziel der Paläopatholo­gen, Krankheiten von historischen Prominenten aufzudecken, sagt er. Sondern es gehe darum, generelle Schlussfolgerungen zu ziehen, worunter die Zeit­genossen damals litten. Da aber vielfach nur das Leben von berühmten Personen beschrieben wurde, werten die Wissenschaftler historische Schriften aus.

Zweifel an alten Diagnosen

Galassi verlässt sich aber nicht auf überlieferte Diagnosen. Er deutet zusammen mit seinen Kollegen beschriebene Symp­tome neu. So zum Beispiel solche, die Plutarch in seiner historischen Biografie über Julius Caesar festhielt. Der Schriftsteller bezeichnete Caesars Kollaps in der Schlacht von Thapsus als einen epileptischen Anfall. «Epilepsie galt damals als eine von den Göttern gesandte Krankheit», sagt Galassi. Die Symptome, die Caesar ab etwa 52 Jahren zeigte, ­weisen jedoch eher auf mehrere kleine Schlaganfälle hin. Der Staatsmann litt an einer Depression, und seine Persönlichkeit hatte sich verändert, er wurde aufbrausend, hatte Kopfschmerzen und Schwindel.

Zudem schrieb Plinus der Ältere, dass sowohl Caesars Vater als auch ein weiterer Vorfahre an einem plötzlichen Tod gestorben seien. Das deute auf einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hin, also auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie, so Galassi. Caesar wurden allerdings nicht seine Krankheiten, sondern seine Feinde zum Verhängnis. Sie erdolchten ihn 44 vor Christus.

Schon als Kind von Caesar fasziniert

Galassi hat schon als Kind Bücher über Caesar gelesen. Jetzt hat er zusammen mit Hutan Ashrafian vom ­Imperial College in London, wo er einige Wochen als Arzt arbeitete, selbst ein Buch über den berühmten römischen Feldherrn verfasst. Ob die Thesen von Ashrafian und Galassi über dessen Leiden stimmen, ist empirisch nicht nachzuprüfen. Caesars Leichnam wurde verbrannt.

Auch das Grab des Heerführers der Westgoten, Alarich I., wurde nie gefunden. Auf der Höhe seines Erfolgs verschied der etwa 40-Jährige bei Consenza in Süditalien plötzlich an hohem Fieber. Der Legende nach hätten Sklaven den Fluss Busento geteilt, den Toten im Flussbett vergraben und das Wasser wieder darüber geleitet. Die Sklaven wurden umgebracht, so blieb die genaue Stelle geheim. «Italien war bis in die 1970er-Jahre ein Malariagebiet. Erkrankungen mit dem Wechselfieber sind in antiken Schriften immer wieder beschrieben worden», sagt Galassi. Alarich I. könnte besonders anfällig gewesen sein, weil er als Nordländer zuvor wahrscheinlich nicht mit Malariaerregern in Kontakt gekommen war, vermutet Francesco Galassi.

Litt Dante wirklich an der Schlafkrankheit?

Die Gebeine des 1321 verstorbenen Dante Alighieri sind hingegen noch vorhanden. Sie befinden sich in einem Sarkophag in Ravenna. Vielleicht könnten sie etwas darüber verraten, ob der italienische Dichter tatsächlich an Narko­lepsie litt, der Krankheit mit den plötzlichen Schlafanfällen. In seiner «Göttlichen Komödie» beschreibt er Schlaf, Halluzinationen, luzide Träume, Muskelschwäche – und eine durch Emotionen aus­gelöste körperliche Reaktion. In einer Schlüsselszene trifft Dante auf eine Wölfin. Sein Herzschlag erhöht sich, was eine typische physiologische Körperantwort auf Angst ist, eine Fight-or-Flight-Reaktion. Bei Menschen mit Narkolepsie können starke Emotionen wie Angst zu einer Schlafattacke führen.

Galassi nutzt aber nicht nur alte Schriften. Er nimmt auch Gemälde genau unter die Lupe. Beispielsweise ist auf einem Fresko aus Pompeji der Fruchtbarkeitsgott Priapus abgebildet, wie er seinen überdimensionierten Penis wiegt, der ihm bis zum Knie reicht. Was der Mediziner dabei sieht: Der Sohn von Aphrodite und Adonis leidet an einer Vorhautverengung im fortgeschrittenen Stadium. Anatomische Defekte der Genitalien wie die Phimose seien seit ­Beginn der Menschheit selbst in prähistorischen Zeichnungen abgebildet worden, weiss Galassi. Dass ausgerechnet der Gott der Fruchtbarkeit eine Vorhautverengung zeigt, könne bedeuten, dass die Krankheit zu der Zeit in der Region um Pompeji weit verbreitet war.

Babys mit Fischschwänzen

Galassi interessiert sich auch für medizinische Besonderheiten. Das sehr seltene Phänomen von missgebildeten Babys, die statt Beinen einen Fischschwanz entwickelt zu haben scheinen, wurde bereits im 19. Jahrhundert untersucht. Zwei Fälle von sogenanntem Meerjungfrauensyndrom, der Sirenomelie, sind als kunstvolle anatomische Wachsnachbildungen in der medizinischen Sammlung in Bologna zu sehen. Galassi hat die Exponate zusammen mit Kollegen in einer seiner zahlreichen Veröffent­lichungen beschrieben. Bei der Fehlbildung sind die unteren Extremitäten zusammengewachsen, und oft sind Uro­genitaltrakt und Darm nicht richtig ­ausgebildet. In der Regel sterben die Neugeborenen nach ein bis zwei Tagen. Als Student führte Galassi Besucher durch die Ausstellung mit den anatomischen Wachsnachbildungen.

Galassi lernte früh Latein und vertiefte sich in alte Quellen. «Ich verfolgte als Jugendlicher mit Begeisterung, wie Forscher die Mumie Tutanchamuns medizinisch untersuchten», sagt der Forscher. Mit dabei war damals sein heutiger Chef Frank Rühli. Wenn Galassi seine Kindheit erwähnt, wird erst beim Blick auf seinen Lebenslauf klar: Das ist noch gar nicht so lange her. Der Postdoc wirkt älter und reifer als ein 26-Jähriger, was nicht unbedingt an Brille, Jackett, Hemd und Krawatte liegt. Es ist die Ausstrahlung des jungen Wissenschaftlers, die Begeisterung für die Forschung, die Zielstrebigkeit eines blitzgescheiten Menschen. «Er ist sehr gut», bescheinigt ihm Rühli und gibt ihm die Gelegenheit, falls möglich, sich in einigen Jahren in Zürich zu habilitieren. «Ich habe jetzt mein akademisches Hobby zum Beruf gemacht», nennt es Galassi.

Erstellt: 31.03.2016, 20:07 Uhr

Seine Patienten sind seit Jahrhunderten tot: Francesco Maria Galassi. Foto: PD

Artikel zum Thema

Der Schatzsucher

Traditionelles Wissen aus China könnte für die westliche Medizin eine ergiebige Quelle sein. Pharmazeut Paul Unschuld sucht in alten Rezepturen nach wertvollen Wirkstoffen. Mehr...

Pflanzenpeptid könnte Multiple Sklerose stark bremsen

Wiener Wissenschaftler hoffen, die Erkrankung bereits in einer frühen Phase stoppen oder ihre Entwicklung zumindest stark verlangsamen zu können. Mehr...

Stress bremst Heilungsprozess bei Zebrafischen

Die Herzen von Zebrafischen erreichen nach einem Infarkt nach kurzer Zeit wieder den Normalzustand. Allerdings nur, wenn sie keinem Stress ausgesetzt sind. Mehr...

Organe von Mumien

Spezielle Forschungsobjekte

Eine Besonderheit für Paläopathologen ist, wenn sie jahrtausendealte Verstorbene auf Krankheiten untersuchen können. Da kann den Wissenschaftlern der Zufall helfen – wie bei der Gletschermumie Ötzi – oder die Tradition wie bei den alten Ägyptern, die ihre Toten konservierten, statt sie wie die Römer zu verbrennen. Frank Rühli und sein Team an der Uni Zürich haben nun einen neuen Ansatz gewählt, um Krankheiten zu erforschen. Sie sind dabei, den Inhalt von sogenannten Kanopen zu analysieren. Wenn Bestatter im alten Ägypten Tote balsamierten, so entnahmen sie zunächst die inneren Organe. Lunge, Magen, Leber und Gedärme lagerten sie oft ausserhalb des Leichnams in kunstvollen Gefässen, den Kanopen. Rühli hat bereits Proben von Kanopen aus Museen in der Schweiz, Deutschland, Italien oder den USA erhalten. Weitere werden hinzukommen, und sogar im Ägyptischen Museum in Kairo werden die Zürcher forschen dürfen. Das Ziel ist, die Kanopen zu röntgen, um den Inhalt zu analysieren und eventuelle Auffälligkeiten der Organe festzustellen. Zudem sind Erbgutanalysen geplant. Die uralte DNA könnte Hinweise auf genetische Defekte oder Besonderheiten der Verstorbenen geben. (afo)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...