Das müssen nette Gene sein

Menschliches Verhalten wird zu einem winzigen Teil vom Erbgut bestimmt. Trotzdem herrscht die Ansicht, es gebe grosse Unterschiede zwischen dem Einfluss der Gene auf Gut und Böse.

Entscheiden die Gene darüber, ob man sich für jemanden einsetzt oder ihn im Stich lässt? Foto: iStock

Entscheiden die Gene darüber, ob man sich für jemanden einsetzt oder ihn im Stich lässt? Foto: iStock

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Ein Mann liegt auf dem Boden eines Parkplatzes. Eine Frau läuft an ihm vorbei – und statt zu fragen, ob er Hilfe brauche, nimmt sie das Geld aus dem vor ihm stehenden Becher. In einer anderen Szene dagegen schreitet eine Passantin ein, als eine Gruppe einen Einzelnen massiv bedrängt. Das Urteil über die beiden Frauen dürfte einhellig ausfallen: Erstere verhält sich unsozial, Letztere handelt anständig.

Komplizierter wird es jedoch, fragt man nach den tiefer liegenden Ursachen der unterschiedlichen Verhaltensweisen. Was entscheidet darüber, ob sich jemand für Hilfsbedürftige einsetzt oder sie kaltblütig ausnutzt? Ist das soziale Verhalten eines Menschen vor allem von seinen Erfahrungen, seiner Erziehung, seinem Umfeld geprägt – oder von seinen Genen?

Oft ist die Ansicht falsch, dass Gene unwiderruflich das Verhalten und den Charakter eines Menschen bestimmen.

Als Wissenschaftler um Mat­thew Lebowitz von der Columbia University in New York ihren Probanden diese Frage stellten, fiel die Antwort auf den ersten Blick erstaunlich aus. Benimmt sich ­jemand anständig, halten das viele Menschen zu einem wesentlichen Teil für ein Resultat von ­Genen, die vermeintlich für gute Taten prädestinierten. Im Gegensatz dazu sind Menschen seltener bereit, Rüpeleien auf entsprechend nachteilige Gene zu schieben. Benimmt sich jemand schlecht, liegt das nicht am Erbgut, so lautete die mehrheitliche Meinung der Studienteilnehmer. Und diese Auffassung ist offenbar neu: Vergleichbare Studien hätten bislang keine eindeutigen Ergebnisse erbracht, schreiben die Autoren im Fachjournal «Nature Human Behaviour».

Dabei ist die Fragestellung durchaus relevant, etwa wenn Richter die Tatmotive eines Angeklagten beurteilen. Ist es gerechtfertigt, einen Menschen sozusagen als Opfer seiner Gene zu sehen, die ihn unwiderruflich in ein bestimmtes Schicksal hineinschubsen? Auch wenn es darum geht, gegen die Stigmatisierung von Krankheiten vorzugehen, ist die allgemeine Auffassung über deren Ursachen von Bedeutung.

Komplexe Zusammenhänge

Die Antwort der Wissenschaft steht unterdessen schon fest: Zwar spielt das Erbgut tatsächlich in alles hinein, was ein Mensch ist und was er tut – in seine Handlungen, seine Persönlichkeit, seine Körpermasse, seine Neigungen zu bestimmten Krankheiten und Ähnliches. Wie stark der Einfluss der DNA jeweils ausfällt, variiert jedoch abhängig vom betrachteten Merkmal. Und immer gilt, dass Gene nicht wie ein Knopf funktionieren, der Menschen, einmal gedrückt, in willenlose, ferngesteuerte Wesen verwandelt. Stattdessen liegt einer Person ein konkreter Wesenszug oder ein Verhalten vielleicht näher als ein anderer. Doch geschieht auch dies nicht nach einem vorbestimmten Schema, sondern in steter Wechselwirkung mit dem, was ein Mensch erlebt, was er lernt, wo er wohnt, mit wem er sich umgibt. Kurz gesagt: Die Zusammenhänge sind äusserst vielschichtig.

Angesichts einer solchen Komplexität verwundert es kaum, wenn in der öffentlichen Wahrnehmung meist subjektive Faktoren darüber entscheiden, wie stark und unter welchen Umständen ein Mensch als genetisch geprägt gilt. Wichtig scheint vor allem zu sein, ob sich der Betreffende fair verhält. Das legt zumindest die Studie der Psychologen aus New York nahe. Für ihre Untersuchung teilten die Forscher ihre Probanden in zwei Gruppen ein und machten sie mit der fiktiven Protagonistin Jane bekannt. Die eine Gruppe erfuhr zum Beispiel, wie Jane den Obdachlosen beklaut. In der Geschichte für die andere Gruppe schützte die Frau dagegen die zweite Person vor dem übergriffigen Verhalten der Gruppe.

Diese Versuchsanordnungen variierten die Forscher mehrmals, doch am Ergebnis änderte sich nichts. Im Fall der sozialen Jane waren die Probanden eher bereit, ihr Verhalten auf Gene ­zurückzuführen, als sie es im Fall der kaltherzigen Jane waren. ­Diese gegensätzlichen Über­zeugungen blieben selbst dann bestehen, als die Forscher den ­Befragten ausdrücklich eine schlüssige genetische Erklärung für Janes unsoziales Verhalten lieferten – beziehungsweise eine solche Disposition für ein soziales Verhalten von Jane verneinten. «Wie die Leute verhaltensgenetische Erkenntnisse interpretieren, hängt nicht nur von den wissenschaftlichen Belegen ab, sondern auch von der moralischen Qualität des entsprechenden Verhaltens», folgert die Gruppe um Lebowitz.

Aus freien Stücken handeln

Erklären lasse sich das mit dem Wunsch, einen Übeltäter für sein Verhalten umfassend verantwortlich machen zu können. Gemäss dem üblichen Gerechtigkeitsempfinden ist dies nur möglich, wenn die betreffende Person bewusst und aus freien Stücken gehandelt hat. Dem stünde jedoch die Überzeugung entgegen, das Erbgut könne sogar Verhaltensweisen auf unausweichliche Art und Weise determinieren. Um diesen Widerspruch aufzulösen, mussten die Probanden einen genetischen Einfluss auf schlechtes Benehmen also abstreiten – andernfalls hätten sie ihrer inneren Logik zufolge auch Rüpel-Jane ihr schlechtes Verhalten nicht wirklich übel nehmen dürfen.

Was sich in der Studie von ­Lebowitz und seinen Kollegen ­offenbart, bezeichnen Ilan Dar-Nimrod und Steven Heine von der University of British Columbia im Fachmagazin «Psychological Bulletin» als «genetischen Essentialismus»: die – in den allermeisten Fällen falsche – Ansicht, Gene bestimmten unwiderruflich über Verhalten, Charakter, Eigenarten und ganz allgemein das Schicksal eines Menschen.

Auch bei den meisten Krankheiten entscheiden nicht die Gene allein darüber, ob sie ausbrechen.

Auch bei den meisten Krankheiten entscheiden nicht die Gene allein darüber, ob sie ausbrechen. Dennoch können biologische Erklärungen helfen, das Stigma mancher Leiden zu verringern, wie unter anderem eine Metastudie des Teams um Erlend Kvaale von der University of Melbourne im Fachblatt «Clinical Psychology Review» gezeigt hat. Erklärt man zum Beispiel psychische Krankheiten als erblich bedingt, werden die Patienten seltener stigmatisiert. Sie gelten dann eher als Opfer eines unabwendbaren Schicksals, als dass man sie als irre betrachtet.

Allerdings hat der biologisch orientierte Erklärungsansatz auch seine Schattenseite: Sowohl Aussenstehende als auch Patienten zeigen sich pessimistisch, wenn es um die Aussicht auf Besserung geht. Gegen die Macht der Gene lasse sich nichts ausrichten, heisst es dann oft.

Doch was folgt daraus für ­Forscher, die den Einfluss von Genen auf Verhalten und Gesundheit untersuchen? Vielleicht hilft ihnen schon das Wissen um die häufigen Fehlinterpretationen ihrer Erkenntnisse, um diese «mit beträchtlicher Vorsicht» zu vermitteln, wie Dar-Nimrod und Heine raten.

Erstellt: 08.09.2019, 18:43 Uhr

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