Eine Psychotherapie, die gar keine ist

Basler Forscher haben ein Placebo kreiert, das die Stimmung hebt. Es funktioniert allerdings nur unter bestimmten Umständen.

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Nein, abendfüllend ist der Film «Green Morph» nicht. Eine grüne Fläche wechselt langsam den Farbton ins Gelbliche, dann ins Olivgrün und wieder zurück. Zwischendurch tauchen immer wieder hell- oder dunkelgrüne Kreise auf und verschwinden. Das Ganze dauert gerade mal sieben Minuten und soll gut für die Psyche sein. Studien hätten gezeigt, dass die Farben Grün und Gelb einen tief greifenden positiven Einfluss auf die Stimmung hätten, insbesondere bei depressiven Patienten, behauptet ein freundlicher Psychologe vor dem Filmstart. «Lassen Sie alle Gedanken und Bilder zu und versuchen Sie, in die grüne Farbe und die Bewegung einzutauchen. Je mehr Sie sich darauf einlassen, desto mehr werden Sie davon profitieren.»

Alles nur Täuschung. «Green ­Morph» war Teil eines Experiments von Psychologen um Jens Gaab, Leiter der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Basel. Die Forscher verwendeten den grünen Film mit erfundener Wirkung, um nachzuweisen, dass so etwas wie ein psychologisches Placebo existiert. Auf diese Weise versuchten sie den Wirkmechanismen von Psychotherapien auf die Schliche zu kommen. Ihre Erkenntnisse haben sie unlängst im Fachblatt «Scientific Reports» veröffentlicht. «Unsere Versuche belegen, dass der Placeboeffekt nicht nur bei der Behandlung mit Medikamenten, sondern auch in der Psychotherapie auftritt», sagt Jens Gaab.

Placebo-Effekt auch bei Psychotherapien

Damit widerspricht der Basler Wissenschaftler der gängigen Ansicht seiner Kollegen. Viele Psychotherapeuten finden, dass der Begriff Placebo in ihrem Fach nichts zu suchen habe, sondern vorzugsweise in der Biomedizin sinnvoll sei. «Die Wirkung von Psychotherapie beruht unter anderem gleich wie der Placeboeffekt auf positiver Therapieerwartung und der vertrauensvollen Beziehung zum Therapeuten», sagt Mario Pfammatter, der an der Berner Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie zu Wirkmechanismen der Psychotherapie forscht. In der pharmazeutischen Forschung gälten diese psychologischen Faktoren als Störelemente, welche die eigentlich gewünschte Wirkung von Medikamenten überdeckten. «In der Psychotherapie sind sie hingegen zentral und gewollt.»

Für Jens Gaab ist hingegen klar, dass sich der Placebo-Begriff nicht nur auf die Biomedizin beschränkt: «Unsere Versuche zeigen eindeutig, dass es möglich ist, etwas als Psychotherapie zu verkaufen, das keine ist.»

Freundlicher Versuchsleiter sorgt für die Wirkung

Die Basler Psychologen zeigten über 400 gesunden Probanden Filme wie «Green Morph» zusammen mit der erfundenen, aber plausiblen Aussage, dass die grüne Farbe sie beruhige. Wenn diese Erklärung – Psychologen sprechen von Narrativ – von einem freundlich-empathischen Versuchsleiter präsentiert wurde, konnten die Forscher bei den Probanden mittels standardisierten Fragebogens tatsächlich eine Wirkung feststellen. Der Effekt liess sich sogar noch nach einer Woche nachweisen. Die Stärke der Wirkung war dabei gemäss Gaab vergleichbar mit jenen von echten psychotherapeutischen Interventionen.

Ein Teil der Probanden erhielt diese Erklärung nicht, andere Teilnehmer erhielten das Narrativ von einem neutralen statt freundlich-empathischen Versuchsleiter präsentiert. In beiden Fällen war das psychologische Placebo wirkungslos. «Ein plausibles Erklärungsmodell reicht nicht für eine Wirkung», sagt Gaab. «Es braucht eine gute Beziehung zum Therapeuten und eine erwartete Wirkung.»

«Eine innovative Studie», sagt der Berner Psychologe Mario Pfammatter. Sie zeige, dass auch ein fiktives psychologisches Theoriegebäude therapeutisch wirksam sein könne, wenn es genügend plausibel sei. «Das wurde schon vor 50 Jahren vermutet, ist nun aber meines Wissens erstmals mit einem Experiment nachgewiesen worden.» Pfammatter ist allerdings weiterhin der Ansicht, dass der Begriff Placebo nicht in die Psychotherapie gehört.

Dies ist auch der Einwand von Christoph Flückiger, Leiter der Allgemeinen Interventionspsychologie und Psychotherapie am Psychologischen Institut der Universität Zürich, der die Studie sonst ebenfalls lobt. Für ihn zeigen die Basler Experimente, dass «nicht die Behandlungsmethode alleine den grossen Unterschied macht». Wichtiger sei die Beziehung zum Therapeuten in Kombination mit der Proaktivität von Personen, die ihre Ressourcen und ihren Willen für das Erreichen ihrer Ziele nutzten. Für die Behandlungspraxis sei die Studie allerdings nur beschränkt relevant, weil mit gesunden Probanden gearbeitet wurde.

Etablierte Therapieverfahren sind ähnlich wirksam

Gaab findet hingegen sehr wohl, dass die Befunde seiner Studie auch für die konkrete Therapie Konsequenzen haben könnten. «Als Behandler müssen wir reflektieren, dass auch in der Psychotherapie Placeboeffekte möglich sind», sagt Gaab, der selbst psychotherapeutisch tätig ist. «Wir müssen das akzeptieren und auch den Patientinnen und Patienten gegenüber transparent machen.» Das muss nicht bedeuten, dass dadurch die Therapie ihre Wirkung verliert, wie unter anderem Forschungen aus Basel zeigen. «Die Psychotherapie ist eine gute Behandlung, deren Wirksamkeit in zahlreichen Studien nachgewiesen wurde», sagt Gaab. «Offen ist jedoch immer noch, warum und wie sehr sie wirkt.»

So scheint die Art der Psychotherapie bei den etablierten Verfahren in vielen Fällen keine Rolle zu spielen. Ob Verhaltenstherapie, psychodynamische Therapie oder humanistische Gesprächspsychotherapie – die Wirksamkeit ist vergleichbar. «Vielleicht wirkt die Psychotherapie ganz anders, als wir das eigentlich glauben», sagt Gaab.

Erstellt: 27.03.2019, 07:02 Uhr

Placebos wirken auch, wenn ein Patient Bescheid weiss

Eine Tablette oder Salbe ohne Wirkstoff kann wirken – selbst wenn der Patient oder die Patientin weiss, dass es sich nur um ein Placebo handelt. Neuere Forschungsarbeiten konnten dies unter anderem bei chronischen Rückenschmerzen, Reizdarmsyndrom, Heuschnupfen oder ADHS zeigen.

«Richtig durchgeführt, ist der Effekt gleich gross, wie wenn nicht gesagt wird, dass das Medikament ein Placebo ist», sagt Jens Gaab, klinischer Psychologe an der Universität Basel. Unter der Leitung seiner Mitarbeiterin Cosima Locher und zusammen mit Kollegen der Harvard Medical School haben er und sein Team 2017 erstmals die offene und verdeckte Abgabe eines Placebos direkt verglichen.

Ethisch vertretbare Behandlungen sind möglich

In der im Fachblatt «Pain» veröffentlichten Studie mussten sich 160 gesunde Teilnehmer mit Hitze selbst Schmerzen am Unterarm zufügen und sie anschliessend mit einer Salbe ohne Wirkstoff behandeln. Die erste Gruppe wurde im Glauben gelassen, dass es sich dabei um eine wirkstoffhaltige Creme handelt. Die zweite Gruppe erhielt die Scheinbehandlung offen deklariert: Die Verpackung war gut sichtbar mit «Placebo» beschriftet, und es gab zusätzlich eine fünfzehnminütige allgemeine Information über den Placeboeffekt, sein Zustandekommen und seine Wirkungsmechanismen. Eine dritte Gruppe erhielt die beschriftete Placebo-Creme ohne Erläuterungen.

In den ersten beiden Gruppen berichteten die Teilnehmer von einem Rückgang der Schmerzen, bei der dritten war das Gegenteil der Fall.

Die Befunde zeigen, dass es möglich ist, Placebos abzugeben, ohne Patienten zu täuschen und damit gegen die ärztliche Ethik zu verstossen. «In der Praxis muss ein Behandler dem Patienten im Wesentlichen nur vier Dinge sagen, um ethisch vertretbar eine Wirkung zu erzielen», so Gaab: Das Mittel ist ein Placebo (1), es wirkt über Erwartung und Lernen (2), Patienten müssen nicht an eine Wirkung glauben (3), das Placebo aber regelmässig nehmen (4). (fes)

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