Welche Mittel gegen zu viel Süssgetränke helfen

Der Bund will eine Lebensmittelampel, Migros und Coop sperren sich dagegen. Eine grosse Studie zeigt nun, welche Instrumente überhaupt wirken.

Das Risiko für Diabetes, Karies und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, je mehr Süssgetränke jemand trinkt. Foto: Benoit Tessier (Reuters)

Das Risiko für Diabetes, Karies und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, je mehr Süssgetränke jemand trinkt. Foto: Benoit Tessier (Reuters)

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Softdrinks machen dick. Das haben zahlreiche internationale Studien in den letzten Jahren gezeigt. Sie haben viel Zucker, stillen aber den Hunger nicht. Auch das Risiko für Diabetes, Karies und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, je mehr Süssgetränke jemand trinkt. Deshalb engagiert sich die Weltgesundheitsorganisation WHO dafür, dass wir auf kalorienfreie, gesunde Varianten umsteigen. Die grosse Frage ist jedoch, wie sich Konsumenten motivieren lassen.

Weil gute Vorsätze meist nichts Langlebiges sind, gibt es verschiedene andere Ansätze. Um herauszufinden, welche dieser Massnahmen am erfolgreichsten sind, haben sich Epidemiologen des renommierten Forschernetzwerkes Cochrane durch 58 Studien mit mehr als einer Million Probanden zum Thema gewühlt. Als Softdrinks gelten alle Getränke, die gesüsst sind, also beispielsweise Cola, Rivella, Limonaden, Energydrinks oder Eistee. Die gute Nachricht: Es gibt erfolgversprechende Ansätze. Die schlechte: Die Schweiz setzt bisher, nur teilweise, auf jene, die am meisten Erfolg versprechen.

Lebensmittelampeln

Positive Auswirkungen haben vor allem Massnahmen, die auf das Portemonnaie, die Verfügbarkeit der Drinks oder die Aufklärung der Kunden zielten. Als eine der wirksamsten Massnahmen erwiesen sich in der Cochrane Review diverse Formen der Lebensmittelampel, also farbige, intuitiv zu verstehende Kennzeichnungen auf der Verpackung. Mehrere Studien zeigten, dass Menschen weniger Süssgetränke kaufen, wenn ihnen deren hoher Zuckergehalt in Signalfarbe verdeutlicht wird. Prominentestes Beispiel ist der in Frankreich entwickelte Nutri-Score, der den Nährwertgehalt verarbeiteter Lebensmittel mit bunten Buchstaben, von grünem A bis zum rotem E, bewertet. Das Label ist in mehreren europäischen Ländern wie Frankreich oder Spanien im Einsatz.

Das Risiko für Diabetes, Karies und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt, je mehr Süssgetränke jemand trinkt. Foto: Keystone

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) setzt sich dafür ein, dass die Hersteller den Nutri-Score auch in der Schweiz auf ihre Produkte drucken. Dabei setzt das BLV bisher aber, mit mässigem Erfolg, auf Freiwilligkeit. Wie die «SonntagsZeitung» am letzten Wochenende berichtete, weigern sich die Grossverteiler Migros und Coop, bei der Umsetzung des Nutri-Scores mitzumachen. Und auch der Dachverband der Schweizer Nahrungsmittelindustrien will erst mal abwarten.

In der Schweiz setzen die Zuständigen bisher allgemein auf Freiwilligkeit. Unter dem Label «Swiss Pledge» haben sich Getränkehersteller wie Coca-Cola oder Rivella beispielsweise dazu verpflichtet, ihre Werbung nicht auf die Zielgruppe der unter 12-Jährigen auszurichten. Im Rahmen der «Erklärung von Mailand» arbeitet das BLV mit Nahrungsmittelproduzenten wie Nestlé, Migros oder Coop daran, den Zuckergehalt in Joghurts und Müslis freiwillig zu reduzieren.

«Ich finde, die Schweiz macht beim Thema Softdrinks zu wenig.»
David Fäh, Epidemiologe, Universität Zürich

Das Problem dabei: Freiwillige Massnahmen schneiden in der Cochrane Review schlecht ab. «Tatsächlich konnten wir keine verlässlichen Belege dafür finden, dass freiwillige Selbstverpflichtungen der Industrie zu einem Rückgang des Süssgetränkekonsums oder zu einer Reduktion im Zuckergehalt der Getränke führen», sagt Peter von Philipsborn, Autor der Cochrane Review und Epidemiologe an der LMU München. Studien, die einen Effekt gefunden hätten, genügten den wissenschaftlichen Anforderungen nicht.

Trotzdem möchte der Bund vorerst an seiner Strategie festhalten. «In der Schweiz funktioniert die Zusammenarbeit mit der Lebensmittelindustrie auf freiwilliger Basis gegenwärtig gut», sagt Nathalie Rochat vom BLV. «Aktuell stellt sich die ­Frage einer gesetzlichen Regelung nicht.»

Als wirkungsvoll identifizierte das Cochrane-Team auch Preiserhöhungen auf Softdrinks in Restaurants, Läden und Freizeiteinrichtungen. Kindermenüs in Restaurants sollten standardmässig nicht ein Süssgetränk, sondern etwas Gesünderes enthalten. Auch an die Supermärkte appelliert die Studie. Die bessere Platzierung und Vermarktung von gesünderen Getränken in den Läden habe Erfolg.

Zuckersteuern helfen

Diskussionen gibt es immer wieder um die Einführung einer Zuckersteuer, wie sie in verschiedenen Ländern bereits existiert. «Es gibt verlässliche Belege, dass Preiserhöhungen beispielsweise durch steuerliche Massnahmen funktionieren», sagt Studienautor von Philipsborn. In Grossbritannien habe die Ankündigung einer Süssgetränkesteuer dazu geführt, dass Hersteller wie Coca-Cola den Zuckergehalt in ihren Softdrinks innerhalb kurzer Zeit um bis zu fünfzig Prozent reduziert hätten.


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Ein anderes Cochrane-Team arbeitet momentan an einer separaten Analyse zur Wirksamkeit der Zuckersteuer. Sie soll gegen Ende des Jahres fertig sein. «Es gibt Hinweise, dass freiwillige Initiativen der Industrie vor allen dann etwas bringen, wenn die Regierung gleichzeitig an verbindlichen Massnahmen arbeitet», sagt von Philipsborn. Eine englische Studie, die letztes Jahr im Fachmagazin «The Lancet» erschien, zeigte zudem, dass gerade Menschen mit tiefen Einkommen, entgegen der Erwartungen, von einer solchen Steuer profitieren.

«Die Review scheint mir gut gemacht, die Schlussfolgerungen sind einleuchtend», sagt David Fäh, Epidemiologe und Ernährungsexperte von der Universität Zürich. «Ich finde, dass die Schweiz beim Thema Softdrinks zu wenig macht», sagt Fäh. Handlungsbedarf gäbe es nicht nur beim Zucker, sondern allgemein bei der Süsse der Getränke. «Ideal wäre, wenn der Gesetzgeber Hersteller dazu zwingen würde, den Zuckergehalt und vor allem auch die Süsse der Getränke kontinuierlich zu reduzieren.» In Grossbritannien haben die Hersteller den Zucker nämlich mit Süssstoffen ersetzt, doch auch bei den Süssstoffen ist umstritten, ob sie in grosser Menge gesund sind. Deshalb hat Fäh auch Vorbehalte, ob der Nutri-Score eine gute Lösung wäre. Dass künstlich gesüsste Getränke dann ein Grün bekämen, fände er problematisch.

In einem Punkt schneidet die Schweiz deutlich besser ab als Deutschland. Auch die Schulen stehen auf dem Forderungskatalog der Cochrane Review. Softdrinks sollten dort nicht im ­Angebot sein. Trotzdem sei das in Deutschland noch immer in 41 Prozent der Schulen der Fall. In der Schweiz gibt es solche Zahlen nicht, weil die Schulen auf Kantons- oder Gemeindee­bene organisiert sind.

Trotzdem sagen die Verantwortlichen in den Kantonen Zürich und Bern auf Anfrage, dass das Bewusstsein, dass Kinder am besten Wasser trinken, an den Volksschulen allgemein hoch sei. Einzig an den Kantons- und Berufsschulen stünden Getränkeautomaten, die Softdrinks im Angebot hätten.

Erstellt: 12.06.2019, 21:01 Uhr

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