Das stärkere Geschlecht

Frauen im fruchtbaren Alter haben ein besseres Immunsystem als Männer. In der Medizin wird das Geschlecht allgemein aber noch zu wenig berücksichtigt – das soll sich ändern.

Die Unterschiede zwischen Mann und Frau spielen bei der Wirkung von Medikamenten eine Rolle. Dieses Bewusstsein sickert dank der Gendermedizin langsam durch. Foto: Getty Images

Die Unterschiede zwischen Mann und Frau spielen bei der Wirkung von Medikamenten eine Rolle. Dieses Bewusstsein sickert dank der Gendermedizin langsam durch. Foto: Getty Images

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Über die Frage, ob Mann oder Frau das stärkere Geschlecht sei, lässt sich lange diskutieren. In einem Punkt jedoch hat der Wettstreit eine klare Siegerin: Frauen haben ein stärkeres Immunsystem als Männer. Diese Tatsache beeinflusst auch die Wirkung von Impfungen, wie neue Erkenntnisse von Forscherinnen der Johns Hopkins University in Baltimore (USA) zeigen. Vor allem jüngere Frauen haben eine bessere Immunantwort als Männer, wenn sie sich gegen die Grippe impfen lassen.

Für ihre Studie untersuchten die Ärztinnen zwei Altersgruppen. In die erste Gruppe teilten sie Erwachsene zwischen 18 und 45 Jahre ein, für die zweite Gruppe wählten sie ältere Menschen ab 65 Jahren. Alle Testpersonen liessen sich gegen die Grippe impfen, anschliessend überprüften die Forscherinnen anhand von Blutwerten, wie das Immunsystem der Probanden reagiert hatte. Die Frauen in der jüngeren Gruppe hatten nach drei Wochen deutlich mehr Antikörper und Zytokine im Blut als die Männer der gleichen Altersgruppe. Zytokine sind körpereigene Botenstoffe, die etwa bei Entzündungsprozessen eine wichtige Rolle spielen.

Anders sah die Situation bei der zweiten Gruppe aus: Mit dem Alter schwächt sich der Unterschied stark ab. Frauen, die nicht mehr im fruchtbaren Alter sind, entwickeln nach der Impfung einen kaum besseren Schutz als ältere Männer. Daraus zogen die Forscherinnen einen naheliegenden Schluss: Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen trägt entscheidend zur starken Immunabwehr von Frauen bei. Gerade umgekehrt verhält es sich beim männlichen Hormon Testosteron: Es schwächt die Immunantwort eher ab. Männer mit hohen Testosteronwerten zeigen die schlechtesten Immunreaktionen. Männer, die äusserlich dem Bild des starken Kerls entsprechen, sind häufig anfälliger auf Infektionen.

Die Antikörper der Mutter schützen auch das Neugeborene

Um die Rolle der Geschlechtshormone noch weiter zu untersuchen, hängten die Immunologinnen eine Versuchsreihe mit Mäusen an. Entfernten sie den jungen Mäusen die Eierstöcke beziehungsweise die Hoden, unterschied sich die Immunantwort auf die Impfung zwischen weiblichen und männlichen Tieren praktisch nicht mehr.

Wie die Geschlechtshormone genau mit dem Immunsystem zusammenarbeiten, weiss man allerdings noch nicht. Vermutungen gibt es jedoch, warum sie das tun. «Dass Frauen Kinder bekommen, ist einer der wichtigsten Gründe für diesen biologischen Unterschied», sagt Jakob Nilsson, Immunologe am Universitätsspital Zürich (USZ).

Das Immunsystem von Neugeborenen ist nicht entwickelt, deshalb braucht das Baby in den ersten Monaten immunologischen Schutz von seiner Mutter. Mütter übertragen Antikörper nicht nur beim Stillen auf ihre Kinder, sondern schon während der Schwangerschaft über die Plazenta. Die mütterlichen Antikörper helfen dem Neugeborenen über die heiklen ersten Monate, bis sein eigenes Immunsystem die Aufgaben Schritt für Schritt übernehmen kann. Damit eine Frau wirksame Antikörper über die Plazenta an das Ungeborene weitergeben kann, braucht sie selbst ein kräftiges Immunsystem.

Das Herz einer Frau altert anders als das eines Mannes

Schon in einer früheren Studie hatte die Hauptautorin und Immunologin Sabra L. Klein aufgezeigt, dass Östro­gen vor schweren Lungenentzündungen schützen kann, die sich als Komplikation bei einer Grippe entwickeln.

Für das stärkere Immunsystem zahlen Frauen jedoch einen Preis: Deutlich häufiger als Männer leiden sie an Autoimmunkrankheiten, Störungen also, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift. Bei der Autoimmunkrankheit Lupus beispielsweise sind 90 Prozent der Betroffenen Frauen. Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel mit dem Alter, dann werden auch sie anfälliger für Autoimmunerkrankungen.

«Es ist eine gut gemachte Studie», sagt USZ-Arzt Nilsson zu der Arbeit der Amerikanerinnen, «gerade in der Immunologie ist es wichtig, das Geschlecht wegen der grossen Unterschiede mit einzubeziehen.»

Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten noch immer als Krankheiten, die eher Männer betreffen.

Die Erkenntnis, dass das Geschlecht in der Medizin eine wichtige Rolle spielt, hat sich in den letzten Jahren zaghaft durchzusetzen begonnen. Im deutschsprachigen Raum gibt es inzwischen einige Expertinnen für Gendermedizin, doch im medizinischen Alltag wird das Geschlecht noch wenig berücksichtigt. Dass sich Frauen und Männer körperlich unterscheiden, bestreitet niemand. Dass diese Unterschiede aber auch bei der Wirkung von Medikamenten eine Rolle spielen oder dass sich Krankheitsbilder bei Mann und Frau unterschiedlich zeigen können, dieses Bewusstsein sickert erst langsam durch.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen gelten noch immer als Krankheiten, die eher Männer betreffen. Die Schweizer Zahlen zeigen jedoch ein anderes Bild. Im Jahr 2016 waren Herz-Kreislauf-Leiden bei 29,9 Prozent aller verstorbenen Männer die Todesursache, bei den Frauen lag der Anteil mit 33,7 Prozent höher. Verschiedene Studien konnten in den letzten Jahren nachweisen, dass Frauen im Fall eines Herzinfarktes eine schlechtere medizinische Versorgung bekommen als Männer. Gleichzeitig weiss man inzwischen, dass das Herz der Frauen anders altert als jenes der Männer.

Auch Medikamente wirken nicht bei beiden Geschlechtern gleich. Doch in der Entwicklung testen die Forscher die Präparate vor allem an Männern, weil sie dann den Zyklus der Frauen in der Versuchsanlage nicht berücksichtigen müssen. Sogar die Labor­tiere sind meist männlich.

Weibliche Nieren nicht gleich leistungsstark wie männliche

Geschlechtsunterschiede gibt es auch beim Stoffwechsel. Frauen und Männer bauen Medikamente nicht immer gleich gut ab. Die Enzyme in der Leber, die dafür sorgen, dass Medikamente wirken oder nicht wirken, sind bei Frauen teilweise andere. Auch gibt es Unterschiede, wie sich die Medikamente im Körper verteilen. Frauen sind meist kleiner, haben aber einen grösseren Fettanteil. Weil sich manche Medikamente im Fettgewebe ansammeln, kann das einen Einfluss auf deren Wirkung haben. Und die weiblichen Nieren erreichen beim Abbau von Stoffen nur 80 Prozent der Leistung der männlichen Nieren.

Ein bekanntes Beispiel in diesem Zusammenhang ist das Schlafmittel Ambien, das die US-Behörden erst spät mit einer Warnung versehen haben. Weil es bei Frauen stärker wirkt, kam es am Morgen nach der Einnahme vermehrt zu Verkehrsunfällen. Der Grund: Die Wirkung des Medikaments war noch nicht abgeklungen, obwohl die Frauen die vorgeschriebene Dosis eingenommen hatten.

Die US-Studie zeigte jedoch auch, dass es neben den klaren Geschlechtsunterschieden auch grosse individuelle Unterschiede gibt. Einige wenige Männer reagierten gleich stark wie die jüngeren Frauen auf die Impfung, einige wenige junge Frauen reagierten nicht so stark wie der Durchschnitt der Frauen. «Auch die jeweilige genetische Ausstattung eines Menschen beeinflusst, wie stark ein Immunsystem arbeitet», sagt Nilsson.

Die Geschlechter werden nicht in allen Studien gleich berücksichtigt

Eine besondere Situation für das Immunsystem ist die Schwangerschaft. Weil das Kind 50 Prozent fremde Zellen hat, die vom Vater stammen, würde es der Körper der Mutter eigentlich abstossen. Normalerweise wehrt sich unser Körper gegen fremdes Gewebe, weshalb auch Empfänger von Spenderorganen meist lebenslang Medikamente nehmen müssen, die das Immunsystem unterdrücken.

Doch bei einer Schwangerschaft reguliert sich das Immunsystem der Frauen in gewissen Bereichen herunter, damit das Ungeborene nicht abgestossen wird. Deshalb sind Schwangere beispielsweise stärker gefährdet durch eine Grippeerkrankung. Das Immunsystem könnte auch bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch mitbeteiligt sein. Es gibt Vermutungen, dass bei Frauen, bei denen es mehrmals zu Fehlgeburten sehr früh in der Schwangerschaft kam, eine zu starke Immunantwort auf das ungeborene Kind eine Rolle spielen könnte.

Das Allen-Institut für künstliche Intelligenz in Seattle durchkämmte kürzlich 43'000 medizinische Studien und fand dabei vor allem fünf Gebiete, in denen Frauen stark unterrepräsentiert waren: bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hepatitis, HIV, Nierenleiden und Krankheiten des Verdauungstraktes. Bei neurologischen Störungen waren hingegen die Männer in den Studien untervertreten.

Bei Kindern spielt all dies noch weniger eine Rolle. Die Impfungen im Kindesalter wirken deshalb bei Jungen und Mädchen gleich gut.



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Erstellt: 11.08.2019, 15:00 Uhr

Gendermedizin hilft auch den Männern

In den meisten Bereichen der Medizin galten die Männer bisher als Norm und erhielten deshalb eine besser auf sie zugeschnittene Behandlung. Doch für ein wichtiges Gebiet gilt das nicht: In der Psychiatrie und besonders in der Behandlung von Depressionen sind Männer gemäss verschiedenen ­Studien benachteiligt. Die Krankheit zeigt sich bei ihnen mit anderen Symptomen, die nicht in den Klassifizierungen auftauchen, weil sich diese eher an der weiblichen Depression orientieren. Bei Männern kann sich eine Depression etwa durch Gereiztheit, Gewalt, Suchtmittelkonsum oder körperliche ­Beschwerden äussern, wie eine US-Studie 2015 feststellte. Dass vermutlich viele Männer an einer nicht diagnostizierten Depression litten, zeigten auch die Suizidzahlen, schreiben die Studienautoren der ­Brigham Young University. Auch in der Schweiz sind drei Viertel der Suizidopfer Männer, Depressionen gelten als einer der Hauptrisikofaktoren. (abr)

Hilfe: www.reden-kann-retten.ch

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