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«Das war nicht einfach Schicksal»

Der Berner Architekt Charly Schäfges erlitt vor einem halben Jahr einen Herzinfarkt. Sein Kardiologe Martin Fluri erklärt, wie es dazu kommen konnte und sagt, worauf Betroffene nach einem Infarkt achten müssen.

Herr Fluri, Ihr Patient Charly Schäfges ist jung, schlank, treibt Sport und raucht nicht. Wie kommt es, dass ein so gesunder Mann einen Herzinfarkt erleidet? Martin Fluri: Herr Schäfges wirkte vielleicht gesund und hatte selber auch das Gefühl, es zu sein. Er war es aber nicht. Er leidet unter Arteriosklerose, einer Blutgefässverengung, die normalerweise erst im Alter auftritt. Seine Cholesterinwerte waren erhöht. Und er hat bis vor drei, vier Jahren geraucht. Das sind alles Risikofaktoren für einen Herzinfarkt. Das Perfide: Der Betroffene selber merkt meist nicht, dass er gefährdet ist, weil er keine Beschwerden hat.

War also der Infarkt einfach Schicksal? Nein, das war nicht einfach Schicksal. Eine Garantie, dass nichts passiert, gibt es zwar nicht, aber Herr Schäfges hätte – er ist aber da beileibe kein Einzelfall – das Risiko zumindest minimieren können.

Wie das? Indem er zum Beispiel aufs Rauchen verzichtet hätte. Das ist ein Hauptrisikofaktor. Und er hätte seine Cholesterin- und Blutdruckwerte untersuchen lassen können.?Das ist ab etwa 40 Jahren ohnehin sinnvoll. Im konkreten Fall umso mehr, als Herr Schäfges «vorbelastet» ist:?Sein Vater hatte bereits einen Infarkt erlitten. Wer einen nahen Familienangehörigen hat, der vor 65 einen Infarkt erleidet, sollte sich beim Hausarzt sein persönliches Risiko berechnen lassen.

Was kann man selber aktiv tun, um das Risiko klein zu halten? Sich regelmässig bewegen. Da braucht sich Herr Schäfges im Gegensatz zu vielen anderen nichts vorzuwerfen. Das ist heute ein grosses Problem, dabei bietet eine gute Fitness einen gewissen Schutz. Wichtig ist auch, auf eine qualitativ gute Ernährung zu achten: Viele essen zu fett und zu kalorienreich. Und auch wenn ich mich wiederhole: Von Zigaretten sollte man wenn irgend möglich die Finger lassen.

Und stattdessen Wein trinken? Das ist tatsächlich die bessere Alternative. Insbesondere Rotwein enthält Substanzen, die kardioprotektiv für die Herzkranzgefässe sind. Aber: Mehr als ein bis zwei Gläser pro Tag sollten es nicht sein, weil sonst der Blutdruck und andere Organe negativ beeinflusst wird.

Was ist bei Charly Schäfges am 23. Januar, seinem Herzinfarkttag, eigentlich genau passiert? Bei ihm wurde die bereits krankhaft verengte Vorderwandarterie, die die linke Herzkammer versorgt, durch ein Blutgerinnsel verstopft. Dadurch geriet der Herzmuskel hinter dem verstopften Gefäss in eine Sauerstoffschuld, was auch tödlich hätte enden können. Wodurch dies ausgelöst wurde, lässt sich nicht sagen. Was man aber sagen kann: Dank der raschen Diagnose und den sofort eingeleiteten lebensrettenden Massnahmen im Spital konnte der Herzmuskel gerettet und der Schaden relativ klein gehalten werden.

Was wurde im Spital gemacht? Ihm wurde von der Leiste her mit einem Katheter ein Ballon zur betroffenen Arterie geführt. Diese wurde durch den Ballon ausgedehnt und dann mit einem Stent, einem kleinen Metallgitter, stabilisiert.

Sie sagten, der Schaden sei «relativ klein», was heisst das? Nach einem Infarkt ist das Herz grundsätzlich irreparabel geschädigt, und die Leistungsfähigkeit bleibt eingeschränkt. In welchem Ausmass, ist von mehreren Faktoren abhängig. Etwa davon, welcher Herzbereich betroffen war und wie lange dieser unversorgt blieb. Bei Herrn Schäfges hat die Herzfunktion nicht stark gelitten, man kann bei ihm von einer normalen Lebenserwartung ausgehen und davon, dass er mehr oder weniger leistungsfähig bleibt.

Mehr oder weniger? Er kann und soll auch künftig regelmässig Sport treiben, keine Frage – aber behutsam, kontrolliert und ohne an die Grenzen zu gehen. Leistungssport oder Extrembelastungen wie etwa die Teilnahme am Jungfrau-Marathon sind nach einem Herzinfarkt nicht mehr sinnvoll.

Aber alles in allem tönt das doch nach einer günstigen Prognose. Ja, schon.

Aber? Grundsätzlich bin ich bei ihm optimistisch. Aber wie alle andern Herzpatienten muss er nun darauf achten, dass er «dranbleibt», sich wirklich genügend bewegt, auf seine Ernährung achtet, nicht wieder zu rauchen anfängt, sein Leben vielleicht auch entstresst.

Das alles sollte ja nach einem solch einschneidenden Erlebnis kein Problem sein. Sollte man meinen. Aber die Erfahrung zeigt, dass viele Leute nach dem ersten Schock rasch wieder in ihre alten Verhaltensweisen zurückfallen. Sie erholen sich relativ schnell, können bald ihre Arbeit wiederaufnehmen, verdrängen das Geschehene. Da ist die Gefahr durchaus vorhanden, dass es zu erneuten Komplikationen kommt.

Wie gross ist diese Gefahr etwa beim Eishockeytrainer John Van Boxmeer, der nur einen Monat nach seinem Infarkt schon wieder an der SCB-Bande stand? Wie schnell man nach einem Herzinfarkt wieder arbeiten und auch wieder ein Eishockeyteam führen kann, hängt davon ab, wie gross der Herzinfarkt war, wie viele Komplikationen aufgetreten sind und wie schnell sich der Patient wieder erholt. Herr Van Boxmeer wurde in der Klinik Beau-Site rasch behandelt, und er erholte sich ebenfalls sehr schnell. Wenn die behandelnden Ärzte wieder grünes Licht für die Arbeit an der Bande gegeben haben, dann ist das Risiko für einen erneuten Herzinfarkt als gering zu beurteilen.

Und wie gross ist diese Gefahr bei Charly Schäfges? Wie gesagt, ich bin optimistisch, zumal er mir auch motiviert scheint. Was man aber im Auge behalten muss, ist der Zustand seiner Arterien, die Halsschlagader ist ebenfalls bereits leichtgradig arteriosklerotisch verändert. Regelmässige Kontrollen und die konsequente Einnahme der verordneten Medikamente, die er nun lebenslang einnehmen muss, bieten einen guten Schutz vor weiteren Ereignissen – aber eine Garantie vor Rückschlägen gibt es leider nicht.

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