Der Depression davonlaufen

Eine US-Studie zeigt, dass Sport bei der Behandlung von psychischen Krankheiten helfen kann.

Sport kann im Gehirn ähnlich wie ein Psychopharmakon wirken. Foto: Getty Images

Sport kann im Gehirn ähnlich wie ein Psychopharmakon wirken. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Jahr lang radelten, joggten, ruderten oder steppten die Patienten zweier Psychiatriestationen der US-Universität Vermont viermal in der Woche für je 60 Minuten. Forscher der Stationen wollten in einer Studie prüfen, ob sich die Stimmung der Patienten durch den Sport verbesserte. Der Versuch hatte Erfolg, vor allem bei den depressiven Patienten. Vor dem Sport gaben 22 Prozent von ihnen an, sich glücklich zu fühlen, nach dem Training waren es 75,6 Prozent.

Insgesamt fühlten sich rund 94 Prozent der Teilnehmer, die an verschiedenen psychischen Krankheiten litten, nach den Übungen besser. «Jetzt, da wir wissen, dass es so effektiv ist», sagt Studien­autor David Tomasi, «kann das Training so grundlegend werden wie eine pharmakologische Intervention.»

Klar, auch wenn er anstrengend ist: Sport ist gesund. Aber tatsächlich so gesund, dass er gegen psychische Krankheiten hilft, und dies am Ende auch noch genauso gut wie Antidepressiva oder eine Psychotherapie? Ja und jein. Sport hilft bei vielen psychischen Erkrankungen, Bewegung hilft nachweislich bei Ängsten, Essstörungen, Suchterkrankungen und gegen die psychotischen Symptome einer Schizophrenie. Sport verringert die Wahrscheinlichkeit, dass neurodegenerative Krankheiten wie Morbus Parkinson oder Demenz auftreten. Und vor allem hilft Sport gegen Depressionen, gerade diesen Zusammenhang haben Forscher in zahlreichen Studien immer wieder belegt.

Dank der Bewegung scheint der Körper Nervenwachstumsfaktoren auszuschütten, was wohl wiederum dabei hilft, dass sich neue Nervenzellen oder Synapsen bilden. Bei vielen Untersuchten wuchs das Volumen von Regionen im Hippocampus. Daneben scheint Sport auch dazu zu führen, dass vermehrt Neurotransmitter wie Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin ausgeschüttet werden. Und damit scheint Sport im Gehirn ähnlich zu wirken wie viele Psychopharmaka. Womit man zum Jein gelangt. Insgesamt könne man nur von «einer moderaten Effektstärke» ausgehen, sagt Karsten Henkel, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Uniklinik Aachen. Damit sei Sport ungefähr gleich wirksam wie Antidepressiva.

Nicht einfach, Depressivezum Dauerlauf zu bewegen

Das zeigt auch eine Untersuchung des Cochrane-Instituts aus dem Jahr 2013. Insgesamt 35 verschiedene Studien werteten Forscher damals auf den positiven Effekt von Sport bei Depressionen aus. Erstens kamen sie dabei ebenfalls auf eine moderate Effektstärke. Zweitens schauten sie sich jene Studien genauer an, die Sport mit Psychotherapie oder Antidepressiva als Behandlung verglichen, wobei sie keine signifikanten Unterschiede beobachteten.

Warum also jein? Weil in der Auswertung für den Vergleich mit Psychotherapie nur sieben und für jenen mit Antidepressiva nur vier Studien übrig blieben. Die Ergebnisse sind damit alles andere als gefestigt. Und weil sich trotz der Ergebnisse in der Praxis wohl kaum ein Therapeut aufs Joggen als alleinige Behandlung einer Depression verlassen würde. «Depressionen sind potenziell lebensbedrohlich», sagt Henkel, «bei solchen Erkrankungen ist es wichtig, dass man alle Register zieht und alle Möglichkeiten ergreift.»

Umgekehrt bedeutet das aber, dass es durchaus zu empfehlen ist, Sport als festen Bestandteil in die Therapie von Depressionen einfliessen zu lassen. In den Behandlungsleitlinien der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie zu Depressionen empfehlen die Experten Sport als «Augmentationstherapie», also als Erweiterung, eine «antidepressive Behandlung» könne er aber «nicht ersetzen».

Wer in der Gruppe oder mit Freunden Sport macht, der sagt seltener ab, weil das unangenehm wäre.

Zudem scheint Sport als Teil der Therapie in vielen Kliniken und bei vielen Therapeuten nicht über die Kategorie «Ferner empfohlen» hinauszugelangen. Obwohl es in nahezu allen Kliniken die Möglichkeit gebe, Sport zu treiben, werde dies sehr unterschiedlich gut umgesetzt und eingebunden. «Es mangelt weniger an den Angeboten als an der Umsetzung», sagt Henkel, «das ist sicherlich ein Punkt, wo man ansetzen kann.»

Auch in den Angeboten niedergelassener Ärzte dürfte Sport, wenn es nach Henkel ginge, eine grössere Rolle spielen. «Ein Grossteil der Kollegen gibt als allgemeine Gesundheitsempfehlung mit auf den Weg, auf Ernährung und Sport zu achten.» Auch weil einige Psychopharmaka zu mehr Appetit führten und Patienten nicht selten dementsprechend zunähmen. «Aber dass dies in dem Sinn erwähnt wird, dass Sport Teil der Therapie ist, das passiert häufig nicht», so Henkel.

Eine Schwierigkeit bleibt jedoch: Es dürfte nicht ganz einfach sein, depressive Patienten, die ohnehin an Antriebslosigkeit leiden und morgens oft gar nicht aus dem Bett aufstehen können, zu einem Dauerlauf zu bewegen. Es gibt aber ein paar Tricks, mit denen man die Motivation steigern kann – und die auch Therapeuten an ihre Patienten weitergeben können. Wer in der Gruppe oder mit Freunden Sport macht, der sagt seltener ab, weil das unangenehm wäre. Wer sich nach dem Sport belohnt, der hat ein Ziel. Therapeuten können zudem mit den Patienten einen Steigerungsplan mit Zwischenzielen entwickeln.

Ausserdem sei es enorm wichtig, so Henkel, sich eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Dann sei der positive Effekt besonders gross. Zwar ist Sport, und besonders Ausdauersport, meistens hinterher schöner als währenddessen. Aber wer nicht gern ins Schwimmbad geht, weil ihm das unangenehm ist, oder wer sich im Fitnessstudio unwohl fühlt, weil da so viele andere Menschen sind, der macht eben etwas, das für ihn okay ist. «Wenn Stress dazukommt, hat das eher negative Effekte», sagt Henkel, «das kann den positiven Effekt von Sport beeinträchtigen oder sogar aufheben.» Und wer sich so gar nicht zum Waldlauf motivieren kann, der fängt vielleicht mit einem Spaziergang an. Das hilft zwar weniger. Aber wenig ist ja immer noch mehr als nichts.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 06.07.2019, 17:45 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Depression begleitet mich wie ein Monster»

Interview Zehn Jahre lang hat Dominique de Marné sich geritzt. Die Autorin spricht über den Druck der Gesellschaft und warum man die Hilfe von anderen braucht. Mehr...

Mit mexikanischen Pilzen gegen Depressionen

Porträt Der Neurowissenschafter Franz Vollenweider testet das LSD-ähnliche Psilocybin gegen Depression. Mit Erfolg. Mehr...

Depression: Die Stromtherapie kehrt zurück

Wenn bei Schwermut nichts mehr hilft, legen Ärzte neuerdings wieder Elektroden an den Kopf der Patienten. Das Comeback hat gute Gründe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Chinas Aufstieg zur digitalen Macht

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Gespenstische Stimmung: Ein Vogel fliegt während des letzten Vollmondes des Jahres über den Statuen der Katholischen Hofkirche in Dresden. (12. Dezember 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...