Der Eisen-Doktor geht auf die Barrikaden

Beat Schaub propagiert das Eisenmangelsyndrom und sorgt so in der Schweiz für einen kostspieligen Boom mit Infusionen. Für Krankenkassen ist er ein rotes Tuch.

«Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter», sagt Beat Schaub. Foto: Nicole Pont

«Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter», sagt Beat Schaub. Foto: Nicole Pont

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Frauenkampftag einmal anders: Am 4.Mai um 15 Uhr versammeln sich auf dem Bundesplatz rund 50 Personen vor einer gedeckten Bühne. Das etwas verlorene Grüppchen lauscht den engagierten Voten, die rund ein Dutzend Ärzte und Betroffene der Reihe nach vortragen. Ebenfalls auf der Bühne: zwei als Helvetia verkleidete Frauen sowie eine weitere sitzende Frau mit einer Schweizer Fahne als Decke über dem Schoss und einer Infusion am Arm. Darüber hängt ein Banner mit der Forderung nach Gleichberechtigung: «Frauen brauchen gleich viel Eisen wie Männer.»

Es ist keine ausgefallene Kunstperformance, auch keine rostige Satire-Aktion von Jan Böhmermann. Nein, die Demonstration ist ernst gemeint. Es fallen markige Worte. Die Rede ist von der «globalen Eisenlüge» und einer «helvetischen Pionierleistung», die man «ausländischen Standards» opfern wolle. Schliesslich ergreift Beat Schaub das Wort und stellt die Frage, ob die «männlich dominierte Regierung Frauen dafür bestraft, dass sie menstruieren».

Der Basler Hausarzt und Komplementärmediziner ist der Kopf hinter der Aktion auf dem Bundesplatz. Und er ist quasi der Erfinder des Eisenmangelsyndroms samt Behandlung mit intravenösen Eiseninfusionen vor gut 20 Jahren. Heute herrscht in der Schweiz deswegen Eisenschwemme, und dies nur in unserem Land. In Grossbritannien etwa werden tausendmal weniger Eiseninfusionen vorgenommen. In Deutschland und in Österreich, wo der Eisenboom ebenfalls eingesetzt hat, sind es immerhin noch vier- beziehungsweise zehnmal weniger als hierzulande.

Die umstrittene Therapie kostet über 50 Millionen Franken jährlich

Das Geschäft läuft gut. Das sieht jeder, der Schaub in seiner Praxis in Binningen BL, gleich neben dem Zoo Basel, im fünften Stock besucht. Der 63-Jährige, braun gebrannt, sportlich im legeren Hemd, führt mit kurzen, schnellen Schritten durch sein Reich: ein grosser, heller Empfangs- und Wartebereich mit hoher Decke und viel Grünzeug; entlang der Fensterfront rund ein Dutzend schwarze Lederliegen, auf denen sich Frauen Eisenlösungen in die Venen fliessen lassen, während sie auf ihren Smartphones rumtippen. Sie sind die Hauptkundschaft der Praxis.

Eine Stahltreppe führt einen Stock höher, wo der Chef sein noch grosszügigeres Büro hat. Schaub lässt sich in der Besprechungsecke auf dem ebenfalls mit schwarzem Leder bezogenen Sofa nieder. Vor sich ausgebreitet auf dem Salontisch Broschüren, Grafiken, Listen und einige seiner zahlreichen Bücher, darunter das neuste: «Schweizer Eisenalarm».

Heute gehen über 100 Eisenzentren in der Schweiz, Deutschland und Österreich auf Schaub zurück. Hinzu kommen zahlreiche Nachahmer, die ihre Kundschaft ebenfalls grosszügig mit Eisen versorgen. Schätzungen zufolge zahlen alleine die Krankenkassen in der Schweiz derzeit über 50 Millionen Franken jährlich für Eiseninfusionen. Hinzu kommen beträchtliche Summen von Selbstzahlern. Sehr zur Freude der Firma Vifor, die die beiden einzigen Eiseninfusionen in der Schweiz vertreibt.

Wenig erfreut sind hingegen viele Mediziner und Krankenkassen. Der grosszügige Einsatz von Eiseninfusionen lasse sich wissenschaftlich nicht rechtfertigen, so der Tenor. Auch in der Presse erscheint Schaub immer mal wieder in unvorteilhaftem Licht. Das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» titelte vor drei Jahren «Die Brühe des Gurus», das Magazin «Gesundheitstipp» mit «Der Eisenarmutsmacher», der «Beobachter», etwas neutraler (und nicht als Einziger), lieferte die Schlagzeile «Ein heisses Eisen». Die Kritik prallt an Schaub ab. «Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter», sagt er. Er lässt sich auch mit fachlichen Einwänden nicht irritieren. Zumindest sein ökonomischer Erfolg gibt ihm recht.

Allerweltssymptome, die zu vielen Krankheiten passen

Kalt lässt Schaub hingegen nicht, dass zurzeit der Bund von Fachleuten einen Bericht zu Nutzen und Risiken der Eisentherapie erarbeiten lässt. Er wird für den Herbst erwartet und ist der eigentliche Grund für die skurrile Protestaktion in Bern. Denn es wird erwartet, dass der Bericht aufgrund von fehlenden Wirksamkeitsbelegen zuungunsten von Schaubs Eisentherapie ausfallen wird. Die Folge wäre, dass die Krankenkassen – die Schaubs Therapieansatz ohnehin bereits sehr uneinheitlich vergüten – gar nicht mehr dafür aufkommen müssten, wenn kein anerkannter Eisenmangel vorliegt.

Unbestritten ist, dass Eisen für den Körper essenziell ist, vor allem für den Blutfarbstoff Hämoglobin, aber auch für andere wichtige Stoffwechselprozesse. Schaub spricht jedoch auch von einem Eisenmangel, wenn die im Blut nachgewiesenen Eisenspeicherwerte (Ferritin) massiv über der Schwelle liegen, die allgemein als ausreichend anerkannt wird.

Begonnen hat es Mitte der 90er-Jahre. Schaub war Hausarzt in Basel, behandelte auch mit Homöopathie. Bei einer Patientin, deren Schwindelsymptome nicht besser wurden mit normalen Eisenpräparaten, verabreichte er erstmals Eisen intravenös. Später machte er einen Versuch mit zehn Frauen, von denen acht nach einer Infusion wieder fit gewesen seien. Der Durchbruch gelang schliesslich 2006, als Schaub am Schweizer Fernsehen in der damaligen Sendung «Sprechstunde Gesundheit» live im Studio Infusionen vornehmen liess. «Die Umsätze der Firma Vifor, die die Eiseninfusionen verkauft, sind explodiert», sagt Schaub.

In der Schweiz gibt es tausendmal mehr Eiseninfusionen als in Grossbritannien. (Foto: Nicole Pont)

Die Eisenpatienten von Schaub haben Allerweltssymptome, die zu ganz vielen Krankheiten passen. Sie sind müde, erschöpft, depressiv, haben Schwindel, Kopfschmerzen oder Konzentrationsstörungen. Und sie sind überwiegend weiblich. In der Normalbevölkerung liegen die Eisenwerte der Frauen im Durchschnitt tiefer als die der Männer. Ein biologisches Faktum, so wie zum Beispiel die Unterschiede bei den Östrogenwerten oder der Muskelmasse. Für Schaub ist es aber schlicht eine Ungerechtigkeit, die es mit Infusionen zu beheben gilt. Dass die massive Eisenzufuhr nicht nur harmlos ist, belegen zahlreiche Meldungen von Komplikationen und sogar einzelne Todesfälle.

Schaub glaubt auch herausgefunden zu haben, dass viele Kinder wegen Eisenmangel an Krankheiten wie dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS) leiden. Die Hypothese testete er zuerst an seinen beiden eigenen Söhnen. «Sie waren faul, unkonzentriert, litten unter Schlafstörungen und hatten bereits ein Ritalin-Rezept», erzählt Schaub. Heute sind Kinder regelmässig bei ihm für Infusionen.

Jetzt könnte der eiserne Höhenflug also schon bald einen Dämpfer erhalten. Doch Schaub gibt sich kämpferisch. In der Vergangenheit hat er sich dabei auch sprachlich kreativ gezeigt: Eisenalarm, Eisenmanifest, Eisenmangelfrauen, Eisenprotestanten und frei nach Dan Brown: der Iron Code. Man darf auf neue Wortkreationen gespannt sein.

Erstellt: 08.06.2019, 14:09 Uhr

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