Der Frühförderer

Günther Fink ist ein etwas anderer Wirtschaftswissenschaftler. Mit seiner Forschung zeigt er, dass es sich für ein Land lohnt, gut und ganzheitlich für seine Kinder zu sorgen.

Er sei ein geläuterter Ökonom, sagen Kollegen über Günther Fink. Foto: Christian Flierl (13 Photo)

Er sei ein geläuterter Ökonom, sagen Kollegen über Günther Fink. Foto: Christian Flierl (13 Photo)

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«Was kleine Kinder am meisten brauchen, ist Zeit und Liebe.» Der dies sagt, ist kein Pädagoge oder Kinderarzt, sondern ein nüchterner Wirtschaftswissenschaftler: Günther Fink, Gesundheitsökonom am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut (Swiss TPH) in Basel. «Alles andere ist zweitrangig», sagt Fink, selber Vater von zwei Kleinkindern. «Ob man jetzt den Kindern viel vorliest, ob man sie schon früh in den Musikunterricht schickt oder meinetwegen mit ihnen in den Bergen herumkraxelt.» Seit Mitte 2017 erforscht der gebürtige Österreicher am ehemaligen Tropeninstitut die Effekte von Frühförderprogrammen in Entwicklungsländern.

Günther Fink ist von der renommierten Harvard School of Public Health nach Basel gekommen, aber als Abstieg empfindet er den Wechsel in die beschauliche Stadt am Rheinknie nicht. «Für mich ist es ein Aufstieg. Ich kann hier meine eigene Gruppe aufbauen und viel freier arbeiten, was mir extrem Spass macht.» Unter den Epidemiologen und Ärzten stösst er mitunter schon mal auf Vorurteile. «Wenn sie erfahren, dass ich Ökonom bin, gibt es schon Mediziner, die mir sagen: Okay, ich schicke dir mal die Zahlen unserer Behandlung, dann kannst du mal schön durchrechnen, was das pro Lebensjahr kostet», lacht Fink, der auf einem Bauernhof im Vorarlbergischen aufgewachsen ist. «Aber wir machen natürlich ganz was anderes. Wir wollen das, was wir aus den Wirtschaftswissenschaften über das menschliche Verhalten gelernt haben, für ein besseres Gesundheitswesen einsetzen.» In den USA erforschte er die Zusammenhänge zwischen der Gesundheit der Bevölkerung und der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes.

Je früher, desto besser

Das war neu. Vormals herrschte unter Ökonomen das Dogma vor, dass die wirtschaftliche Entwicklung in erster Linie von der Infrastruktur eines Landes und dann vor allem auch von der Bildung der Menschen abhänge. Entsprechend flossen die meisten Entwicklungshilfegelder in diese beiden Bereiche. «Ich sage nicht, dass diese Investitionen nichts bewirken», sagt der 45-jährige Fink, «aber unsere Daten haben gezeigt, dass die Gesundheit der Menschen manchmal wichtiger sein kann.»

Das alleine ist noch nicht so überraschend. Gesunde Menschen sind natürlich leistungsfähiger, kreativer auch. Was Fink und seine Kollegen jedoch weiter beobachtet haben, kommt einem Paradigmenwechsel gleich. Sie stellten fest, dass die Gesundheitsförderung im frühesten Kindesalter weitaus am erfolgreichsten war. «Daten aus Sambia zeigten, dass eine Malariaprävention bei Schulkindern nur kleine Effekte hatte», erklärt Fink. Interventionen bei Kindern unter fünf Jahren dagegen seien weitaus erfolgreicher gewesen. Je früher die Kinder geschützt wurden, umso besser ging es ihnen auch später.

«Halte das Kind in den Armen! Sprich mit ihm! Spiele mit ihm!» 

Flugs zückt Fink sein Handy und lädt die Wachstumskurve seines dreieinhalbjährigen Sohnes herunter. Sie zeigt das normale Bild eines Kindes aus einem prosperierenden Industrieland. Die Kurve steigt in den frühen Jahren steil an und flacht dann ab. Doch dann legt er die Kurve eines Kindes aus einem Slum in Nairobi darüber. Der Unterschied ist dramatisch. Die ersten sechs Monate erscheinen noch normal, weil die Kinder in dieser Zeit noch gestillt werden, was sich positiv auf ihr Immunsystem auswirkt. Doch dann bricht die Kurve ein, das Wachstum bleibt zurück, die Entwicklung der Kinder verzögert sich.

«Mit sechs Monaten beginnen die Kinder herumzukrabbeln», erklärt Fink, «spielen im Dreck, trinken vielleicht verseuchtes Wasser, die Ernährung ist nicht mehr so gut, sie werden nicht geimpft», erklärt Fink. Die Kinder fangen eine Malaria ein, leiden an Lungenentzündungen und erkranken laufend an Infektionen. Viele sind alle zwei Wochen krank. «Wenn sie das erste Jahr überleben, sind sie in der Entwicklung und im Wachstum stark eingeschränkt.» Aber auch ihr Immunsystem ist geschwächt, die sprachlichen Fähigkeiten leiden – von den psychologischen und emotionalen Folgen ganz zu schweigen. «Würden diese Kinder mit sechs Jahren einem Schulreife-Eignungstest unterzogen, wie er bei uns oft gemacht wird, würde ein grosser Teil durchfallen», sagt Fink. Denkbar schlechte Voraussetzungen für die weitere Schul- und Berufskarriere.

150 Millionen leidende Kinder

Weltweit haben heute noch 150 Millionen Kinder gesundheitsbedingte Wachstumsstörungen. Gemäss ökonomischen Schätzungen kostet das die betroffenen Länder ein Viertel ihres Bruttoinlandproduktes. Laut Fink korreliert das suboptimale Wachstumsverhalten der Kinder praktisch linear mit dem Entwicklungsstand eines Landes. Das zeigt vor allem eins: Das Leben ist ungerecht. Je nachdem, wo ein Mensch hineingeboren wird, hat er einfach Glück und kann unter gesunden Umständen aufwachsen und seine volle Leistungsfähigkeit ausschöpfen – oder eben nicht.

Aber so traurig diese Zahlen für die Slumkinder sind, geben sie dem Ökonomen doch auch Hoffnung. «Sie zeigen auch, wo man ansetzen kann –und es gibt international gute Beispiele», erklärt Fink. Brasilien etwa, wo die Unterentwicklung der Kinder noch vor 20 Jahren ein riesiges Problem war, hat mächtig aufgeholt. «Das starke Wirtschaftswachstum und gezielte Frühförderprogramme für arme Familien haben das Problem praktisch zum Verschwinden gebracht», sagt Fink.

«Klar ist aber, dass eine Früherkennung und Frühförderung am effektivsten sind.»Günther Fink

Der Paradigmenwechsel in der Entwicklungshilfe, deren Wirkung derzeit sowieso umstritten ist, hin zur Gesundheitsförderung der Allerkleinsten ist bereits am Laufen. Kanada zum Beispiel, sagt Günther Fink, legt den Hauptfokus seiner Entwicklungshilfe bereits auf die frühkindliche Förderung. «Welche Methode die beste ist, muss noch erforscht werden», sagt Günther Fink. «Klar ist aber, dass eine Früherkennung und Frühförderung am effektivsten sind.» Dabei müsse man oft gar nicht so viel machen. Die Familien begleiten, zum Beispiel mit Hausbesuchen, genüge oft schon. Und neben der grundlegenden medizinischen Versorgung werde immer mehr auch das emotionale Wohlbefinden der Kinder einbezogen. Im sogenannten Jamai­- ka-Protokoll, einem international anerkannten Interventionsprogramm, rate man den Eltern: Halte das Kind in den Armen! Sprich mit ihm! Setz dich hin und spiele mit ihm! Zeit und Liebe eben, die beiden zentralen Komponenten der frühkindlichen Förderung.

«Sogar Hardcore-Ökonomen wie der Wirtschafts­nobelpreisträger James Heckman sagen heute, dass sich das lohne», so Fink, «weil man damit eine ganze Biografie hin zu einem produktiveren Leben verändern kann.» Das zeige, wie sich ökonomische und entwicklungspsychologische Erkenntnisse gegenseitig befruchten. «Eine befreundete Entwicklungspsychologin sagt immer, ich sei ein geläuterter Ökonom», lacht Fink. Aber im Herzen, sagt er, bleibe er Wirtschaftswissenschaftler.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2018, 18:00 Uhr

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