Der grosse Chirurg für die Kleinen

Über 5000 ­Kinderherzen hat René Prêtre schon operiert. Hierzulande, aber auch in Asien und Afrika. Der Jurassier versöhnte sich in Zürich mit der Deutschschweiz.

«Ich bleibe von Anfang bis zum Schluss im Operationssaal», sagt René Prêtre. Foto: Sabina Bobst

«Ich bleibe von Anfang bis zum Schluss im Operationssaal», sagt René Prêtre. Foto: Sabina Bobst

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Ohne den erneuten chirurgischen Eingriff hätte der kleine, vier Monate alte Patient später kein normales Leben führen können. Seine körperliche Entwicklung wäre im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern zurückgeblieben. Er hätte unter ständiger Atemnot gelitten und wäre vermutlich nicht älter als 20 Jahre geworden, weil seine Lungen durch den hohen Blutdruck auf Dauer schwer beschädigt worden wären. Zweieinhalb Stunden hat René Prêtre ihn Ende August am Universitätsspital Lausanne operiert und ihm ein Loch in der Herzscheidewand geschlossen.

Mehr als 5000 Kinderherzen hat René Prêtre mittlerweile operiert. Seit dem Jahr 2012 ist der berühmte Schweizer Herzchirurg Klinikdirektor für Herz- und Gefässchirurgie für Erwachsene und Kinder am Universitätsspital Lausanne. Und seit diesem Jahr ist er offiziell auch für die Kinderherzchirurgie am Universitätsspital Genf zuständig. «Ich operiere an jedem Arbeitstag», sagt er. Ansonsten verfüge man nicht über die nötige Erfahrung. Oft sind seine Patienten so klein, dass ihr Herz gerade einmal die Grösse einer Walnuss hat. «20 Prozent der grossen Herzoperationen müssen wir bereits während der ersten Woche des Lebens durchführen, weil die Situation des Kindes so kritisch ist, dass es sonst wenige Tage nach der Geburt sterben würde», erklärt Prêtre, der bei unserem Treffen mit weissem Kittel hinter einem grossen Schreibtisch in seinem Büro im 10. Stock des Universitätsspitals Lausanne sitzt und mit einer leisen, unaufgeregten Stimme spricht.

Bevor Prêtre nach Lausanne ging, war er elf Jahre lang Chefarzt in der Kinderherzchirurgie am Kinderspital Zürich. Diese Zeit werde er nie vergessen, sagt der Welsche, der als Jugendlicher wie alle in seiner Gemeinde Boncourt in den Siebzigerjahren ein jurassischer Separatist war und an Demonstrationen für einen neuen Kanton teilnahm. Entgegen seinen damaligen Vorurteilen gegenüber der Deutschschweiz habe Zürich ihn jedoch mit offenen Armen empfangen und haben seine Kollegen ihn in jeder Hinsicht unterstützt. Dies habe ihn sehr überrascht und geradezu zu einem Patrioten gemacht, sagt Prêtre schmunzelnd. Dennoch ist er weiterhin stolz auf seine jurassischen Wurzeln, das Rebellische, Nonkonforme und Lebensfrohe. Statt für die politische Unabhängigkeit kämpft er nun für das Wohl seiner herzkranker Patienten. Unermüdlich steht er deshalb entweder als Chirurg im OP, hält als Professor Vorlesungen an der Universität oder besucht als Wissenschaftler immer wieder internationale Konferenzen. Häufig arbeitet er mehr als 60 Stunden die Woche. Ein Fulltime-Job ohne viel Freizeit.

Talentierter Fussballer

Ist ihm dies nicht manchmal auch zu viel? «Nein», antwortet der 59-jährige Mediziner und Vater von zwei erwachsenen Töchtern. Er tue es sehr gern und habe auch als Kind und Jugendlicher schon viel gearbeitet. Prêtre wuchs mit sechs Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof in Boncourt auf und musste anpacken, wo man ihn gerade brauchte: Kühe melken, Tiere füttern, Felder mähen, Traktoren reparieren oder bei der Geburt der Kälber helfen. Doch in der Region habe es auch viele Feste gegeben und natürlich auch einen legendären Fussballclub, der sogar in der 1. Liga spielte. Weil er damals regelmässig Tore für seine Mannschaft schoss, erschien er oft mit Bild in der Lokalzeitung.

«Eine tolle Zeit», erinnert er sich mit etwas Wehmut. Als er später als Medizinstudent während eines Praktikums zuschaute, wie man mit ein paar Schnitten einem unter starken Schmerzen leidenden Blinddarmpatienten schnell helfen konnte, stand für ihn die Fachrichtung Chirurgie fest. Schliesslich liebte er es schon früher, nicht nur mit dem Kopf zu arbeiten, sondern auch mit den Händen etwas zu flicken oder an etwas herumzutüfteln. Und das Herz, dieser wunderschön geformte, überall runde, pulsierende Hohlmuskel, habe ihn schlichtweg fasziniert. Das sei noch heute so. Zu ­beobachten, wie ein kleines Herz nach der OP quasi auf Kommando wieder zu schlagen beginne, sei einfach fantastisch.

Ist es sinnvoll, in Zukunft vermehrt minimal invasiv zu operieren? «Ja, aber auch nicht immer», sagt Prêtre. Spezielle Schirme etwa für den Verschluss eines Lochs in der Herzscheidewand oder auch neue Herzklappen werden inzwischen oft über einen Katheter eingesetzt, sodass es keine Herz-Lungen-Maschine und OP am offenen Herzen mit Öffnung des Brustkorbs mehr braucht. Dank der enormen Miniaturisierung der Operationsinstrumente und der Verbesserung des Materials lassen sich auch immer kleinere Kinder auf diese Weise behandeln. «Das ist eine schöne Entwicklung», sagt Prêtre. Die Chirurgie bleibe aber oft die beste Methode, weil sie die effizientesten Rekonstruktionen gewährleiste – insbesondere bei komplizierten Fällen.

Kunstherz für Kinder

Die meisten der Operationen bei Säuglingen und Kleinkindern werden durchgeführt, um beispielsweise Fehlverbindungen des Herzens sowie der Gefässe zu korrigieren, um Löcher etwa in der Herzscheidewand zu schliessen oder schlecht funktionierende Herzklappen zu ersetzen. «Zum Glück leiden nur wenige Kinder unter einer reinen Herzmuskelschwäche», erklärt Prêtre. Die einzige Lösung und letzte Hoffnung bei ihnen ist oftmals nur die Transplantation. Doch es gibt zu wenig passende Spenderherzen, und die Wartezeit ist häufig sehr lang. Deswegen setzt man manchmal zuerst, zur Überbrückung der Wartezeit, ein Kunstherz ein. Vor ein paar Monaten konnte Prêtre am Universitätsspital Lausanne einem zweijährigen Mädchen helfen und ihm ein geeignetes Spenderherz transplantieren. Die Operation verlief gut, und die kleine ­Patientin konnte bald zu ihren Eltern nach Hause zurückkehren.

Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Afrika und Asien ist der renommierte Chirurg und ehemalige «Schweizer des Jahres» aktiv. So hat er mittlerweile zum 12. Mal in Moçambique mit seinem Team aus Chirurgen, Kardiologen und Anästhesisten für seine Stiftung Le Petit Cœur herzkranke Kinder unentgeltlich behandelt. Seit fünf Jahren operieren sie nun auch in Kambodscha. «Ohne Intervention hätten die Kinder eine viel geringere Lebenserwartung», sagt der charismatische Welsche, dem trotz der Routine jedes Schicksal nahegeht.

«Bei jedem chirurgischen Eingriff trägt der Operateur eine grosse Verantwortung, weil auch Komplikationen auftreten können», betont Prêtre. Das Leben hänge in diesem Moment oftmals an einem seidenen Faden. Deshalb verlange er von sich und seiner Equipe stets höchste Sorgfalt und äusserste Konzentration. Und er selbst bleibt von Anfang bis zum Schluss im OP. Das sei sein Credo.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2016, 18:54 Uhr

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