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Der hypersoziale Autist

Wie ein Hirnforscher die gängige Theorie des Autismus anzweifelte, weil er seinen Sohn liebt und doch nicht verstehen konnte.

Matthias Meili
Er braucht ein Leben lang Hilfe, wird aber immer selbstständiger: Autist Kai Markram. Foto: PD
Er braucht ein Leben lang Hilfe, wird aber immer selbstständiger: Autist Kai Markram. Foto: PD

Kai war als Kleinkind das Schätzchen aller – vielleicht noch ein bisschen mehr, als es alle anderen Kleinkinder eh schon sind. Der kraushaarige Bub sprach nicht viel, aber er ging auf alle Menschen zu – «Hallo, ich bin Kai» – etwas ungestüm vielleicht, mit wilden Gesten, einer spontanen Umarmung. Die Leute liebten diesen besonderen Buben, das kindlich Unverbrauchte. Doch dann wurde er grösser, er sprach immer noch schlecht, seine körperliche Art begann zu stören; zum Beispiel wenn er seine Freunde im Hort, im Kindergarten berührte, nur um mit ihnen zu spielen. Die Kinder dachten, er wolle sie schubsen, sie stiessen ihn zurück. Seine Eltern versuchten ihm zu erklären, was sich gehört und was nicht. Doch Kai verstand nicht, begann zu toben, schrie und schlug um sich.

Kai ist Autist. Damit ist er nicht der Einzige. In der Schweiz leidet fast ein Prozent aller Kinder an Autismus. Doch Kai ist auch der Sohn von Henry Markram, dem schillernden Hirnforscher von der ETH Lausanne. Markram hat mit seinem Human-Brain-Projekt für Aufsehen gesorgt. Er wollte das menschliche Gehirn vollständig im Computer simulieren – und so den Weg frei machen, um die Krankheiten des Gehirns – Depressionen, Parkinson, auch Autismus – zu verstehen und zu heilen.

Eine neue Theorie

Die Geschichte von Kai erzählt Lorenz Wagner, Journalist bei der «Süddeutschen Zeitung», im neu erschienenen Buch «Der Junge, der zu viel fühlte». Darin beschreibt er, wie der autistische Sohn den Vater, Henry Markram, an seine Grenzen brachte und ihn als Forscher beeinflusste. Im Zentrum steht eine neue Theorie des Autismus, die Henry Markram zusammen mit seiner zweiten Frau Kamila in Lausanne entwickelte und die – so heisst es im Buch – alle bisherigen Erklärungen infrage stellt. Sie besagt, dass Autisten nicht zu wenig Einfühlungsvermögen haben, sondern zu viel.

Was ihn fesselte, waren Technik, Staubsauger, Schalter und Legotürme.

Als Kai am 21. Juni 1994 zur Welt kam, lebte und forschte Henry Markram noch in Heidelberg in den Labors des Nobelpreisträgers Bert Sakmann. Der gebürtige Südafrikaner hatte Medizin und Neurophysiologie studiert, wechselte dann in die experimentelle Hirnforschung, weil er im menschlichen Zentralorgan die Ursachen aller psychischen Krankheiten vermutete. Im Labor von Sakmann grub er sich noch tiefer in den Mikrokosmos des menschlichen Gehirns ein. Er entwickelte Methoden, mit denen einzelne Nervenzellen erforscht werden können, etwa um die Signalübertragung zwischen den Zellen zu verstehen.

Doch zuerst verstand Henry Markram nicht einmal seinen eigenen Sohn. Sein ganzes Wissen, seine Ehrungen, seine Preise nützten ihm nichts, wenn er ratlos im Kinderzimmer sass und wieder einmal einen Tobsuchtsanfall von Kai ertragen musste. Im Gegensatz zu seinen beiden älteren Schwestern fiel Kai immer auf. Sein Drang nach Bewegung, Springen, Klettern, Rennen schien unvermindert gross, doch er zog sich immer mehr zurück, verweigerte sich den Blicken, dem Gespräch, der geduldigen Fürsorge sogar. Was ihn fesselte, waren Technik, Staubsauger, Schalter und die Legotürme, die er baute. Das Schlimmste waren unplanmässige Änderungen im Tagesablauf.

Schwächen ausnutzen

Autismus ist eine rätselhafte Krankheit, weil es derart viele Ausprägungen gibt. Für die Weltgesundheitsorganisation ist es eine psychische Krankheit, die Experten sprechen von einer Entwicklungsstörung des Gehirns. Fragt man Patienten selber, so fühlen sie sich oft wie auf einem falschen Planeten. Den meisten fällt es schwer, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen, sie sind überempfindlich gegen Sinneseinflüsse – schmerzhaft gleissendes Licht, unerträglich lautes Stimmengewirr, stechende Gerüche. Andere wiederum brillieren mit Inselbegabungen wie Raymond im Film «Rain Man» (1988).

So vielfältig die Ausprägungen bei Autismus sind, scheint doch allen gemeinsam, dass die Patienten eine Art in sich geschlossenes Leben führen. Experten sprechen von der «Theory of Mind», welche autistische Patienten nicht entwickeln: die Fähigkeit also, geistig in die Haut eines anderen zu schlüpfen.

Vater von Kai; Hirnforscher Henry Markram. Foto: PD
Vater von Kai; Hirnforscher Henry Markram. Foto: PD

Auch Kai litt an sozialen Unzulänglichkeiten. Doch seine Eltern sahen noch seine andere Seite: «Kai schaute dir in die Augen», erzählt sein Vater im Buch. Markram kannte kaum ein anderes Kind, das so die Begegnung mit anderen suchte, ein Kind, das ihre Schwächen so gekonnt erkennen und – wenn es hart auf hart ging – richtiggehend ausnutzen konnte. Er schien ihnen manchmal eher hypersozial.

Inzwischen war Markram an die ETH Lausanne berufen worden. Hier legte er den Grundstein für sein verwegenes Simulationsprojekt im Supercomputer, das Blue Brain Project. Doch vor allem interessierte ihn das autistische Gehirn. Wie unterscheidet es sich von «gesunden» Gehirnen? Wieso ist die Entwicklung gehemmt? In Tierversuchen mit Ratten, die autistische Symptome hatten, zeigte sich, dass die Signale und Vernetzungen der Nervenzellen in der Hirnrinde und im Mandelkern, wo die Emotionen gesteuert werden, nicht gehemmt, sondern im Gegenteil überaktiv waren.

Buch ist eine Erleichterung

Für die Markrams passte plötzlich alles zusammen – die Überempfindlichkeit auf Licht, Regen, Gerüche und Stimmengewirr überfordert die Autisten. Die Folge: Sie ziehen sich zurück oder flüchten sich in Abläufe, die immer wieder gleich sind, immer wiederkehrende Rituale, die sie haargenau kennen. Alles schien eine Folge dieser Hyperstimulation der Nervenzellen im Gehirn.

Daraus entstand die «Intense World Theory», welche Henry und Kamila Markram 2007 erstmals präsentierten. Autisten, so schlossen die Markrams, erlebten eine überintensive Welt, sie hätten nicht zu wenig, sondern zu viel Empathie – was der Grund für alle ihre Probleme sei. Für viele Patienten, das zeigen die Reaktionen auf das Buch, war dieser Fokus eine Erleichterung. «Endlich finden Leute ohne Autismus raus, was wir Autisten euch all die Zeit gezeigt haben», schreibt die Autistin Kate den Markrams. Dass die Betroffenen an «Reizüberflutung» leiden, ist nicht neu. Die amerikanische Tierwissenschaftlerin und Autismusforscherin Temple Grandin, selber eine Autistin, hat die überempfindliche Wahrnehmung in eindrücklichen Berichten seit den 1990er-Jahren ins öffentliche Bewusstsein gerückt. In der neuesten Ausgabe des amerikanischen Diagnosehandbuchs der Psychiatrie, dem DSM-5, sei die sensorische Hypersensibilität als diagnostisches Kriterium für Autismus aufgenommen worden, erklärt Ronnie Gundelfinger, Leiter der Autismusstelle an der Zürcher Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Die Idee jedoch, dass die Überstimulation des autistischen Gehirns auch der Grund für alle anderen Probleme der Patienten sei, wie es die Markrams in ihrer These postulieren, stösst bei den Experten dagegen auf Kritik. Zwar verweisen die Lausanner Hirnforscher wiederum auf ihre Versuche mit autistischen Ratten, die nicht nur überempfindlich waren, sondern auch Veränderungen in ihrem sozialen Verhalten zeigten. Doch ob sich diese auf Menschen übertragen lassen, ist nicht bewiesen. «Ich glaube nicht, dass man alle Symptome der autistischen Störung mit einem übergeordneten neu-ropsychologischen Modell erklären kann», sagt Ronnie Gundelfinger. «Die sozialen Auffälligkeiten der Betroffenen, ihre Probleme bei der Kommunikation und ihr vermindertes Interesse an der Interaktion mit dem Gegenüber», erklärt der Kinderpsychiater, «hängen nicht direkt mit einer allfälligen Reizüberflutung zusammen.»

Henry Markram hat die Autismusforschung inzwischen verlassen, seine Aufmerksamkeit gilt ganz dem Blue Brain Project. Sein Sohn Kai ist 24 Jahre alt und lebt in Israel bei seiner Mutter Anat, der ersten Frau von Henry Markram. Laut seinem Vater wird er immer ihre Pflege brauchen, doch wird er immer selbstständiger. «Er hat eine grossartige Stelle und eine neue Freundin», sagt Markram voller Vaterstolz.

Lorenz Wagner, «Der Junge, der zu viel fühlte». Europa-Verlag 2018, 216 S., ca. 29. Fr.

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