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Der Kinderwunscherfüller

Mats Brännström brauchte 14 Jahre, bis ihm eine Gebärmuttertransplantation gelang, die zur Geburt eines Kindes führte. Jetzt will es alle Welt von ihm lernen.

«Unser Erfolgsrezept war Beharrungsvermögen», sagt Mats Brännström, «und immer wieder das Glück.»
«Unser Erfolgsrezept war Beharrungsvermögen», sagt Mats Brännström, «und immer wieder das Glück.»
Fabian Unternährer (13 Photo)

Es war eine Frau, die Mats Brännström dazu anstachelte. Der schwedische Gynäkologe ist für ein Jahr in Australien, um am Royal Adelaide Hospital die neusten Operationstechniken der gynäkologischen Onkologie zu erlernen. Eine seiner Patientinnen, sie ist erst Mitte zwanzig und bildschön, hat wegen Krebs ihre Gebärmutter verloren. «Ich eröffnete ihr nach der Operation, dass sie zwar im Besitz ihrer Eierstöcke geblieben war, aber nicht mehr Mutter werden konnte», erzählt Brännström. «Doch statt in Tränen auszubrechen, wie ich erwartet hatte, antwortete sie: ‹Oh, warum transplantieren Sie mir nicht einfach einen Uterus?›»

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Das war vor 18 Jahren. Mats Brännström, Chefarzt der Universitäts-Frauenklinik in Göteborg, erzählt die Episode in der Bar des Parkhotels Schloss Hünigen im Emmental, wo wir ihn vormittags zum Interview treffen. Gross gewachsen, mit blitzenden blauen Augen in seinem jungenhaften Gesicht, zieht der 59-jährige Schwede neugierige Blicke auf sich. Brännström ist von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde des Inselspitals Bern als Hauptredner eingeladen worden. Auf dem Symposium der Berner wird er am Nachmittag über sein Spezialthema referieren: die Uterustransplantation. Er und sein Team an der Universität Göteborg waren 2013 die Ersten, welche diesen Eingriff erfolgreich durchgeführt haben. Erfolgreich bedeutet: Anderthalb Jahre später brachte die operierte Frau nach In-vitro-Fertilisation einen gesunden Jungen zur Welt. Inzwischen sind innerhalb der Pilotstudie fünf weitere Babys geboren worden, «das jüngste erst vorige Woche», sagt Brännström bei unserem Gespräch. Eine zweite Pilotstudie, in der mit dem Da-Vinci-Roboter operiert werden soll, startet im Mai.

Albin Eriksson wurde nach einer Gebärmuttertransplantation von der Grossmutter zur Mutter geboren. Bild: Niklas Larsson (AP/Keystone)
Albin Eriksson wurde nach einer Gebärmuttertransplantation von der Grossmutter zur Mutter geboren. Bild: Niklas Larsson (AP/Keystone)

Mit ihrem durchschlagenden Erfolg sind die Schweden den Programmen anderer Länder meilenweit voraus. In den USA etwa scheiterten letztes Jahr vier von sechs Transplantationsversuchen, drei davon in Dallas, Texas. «Alle wollen in ihren Ländern ein Rennen gewinnen und sich als Pioniere rühmen», sagt Brännström. «Aber es braucht viel Zeit, man muss sein Team sorgfältig aufbauen und die Zusammenarbeit üben.» Er sei sehr glücklich über den eigenen Erfolg, aber gleichzeitig «demütig» – deshalb wolle er das Wissen über Gebärmuttertransplantation jetzt verbreiten. Brännström ist mit diversen Projektteams weltweit Kooperationen eingegangen, so auch mit der renommierten Mayo Clinic in Rochester, Minnesota. Im Februar hätten sich die Mayo-Leute für die Fortbildung in Göteborg angemeldet, ebenso Gruppen aus Taiwan und Paris. Mit dem Team des Unispitals Zürich um Pierre-Alain Clavien und Bruno Imthurn, die letzten Sommer ebenfalls ein Projekt für Gebärmuttertransplantationen ankündigten, gebe es bisher keine Kontakte.

Nach seinem Australien-Aufenthalt kehrte Brännström 1999 nach Schweden zurück, fest entschlossen, die Idee der jungen Patientin aufzugreifen. Als frischgebackener Professor publiziert er fleissig in seinem Stammgebiet, der künstlichen Befruchtung. Doch daneben treibt er sein eigenes «verrücktes» Projekt voran: Zusammen mit einer Doktorandin transplantiert er Gebärmütter bei Mäusen. Und fast wider Erwarten klappt es. «Nicht nur wurden die verpflanzten Organe nicht abgestossen, die Tiere bekamen später auch Nachwuchs.» Auch mit Ratten gelingen die Versuche.

Üben an Schafen und Schweinen

Derart ermutigt, beginnt Brännström, ein Team zusammenzustellen: Spezialistinnen und Spezialisten aus der Gefässchirurgie, Anästhesie und Nephrologie, Psychologinnen, Operationstechniker, Pflegeexpertinnen und -experten. Aus allen Fächern nur die Besten. «Das ist ganz wichtig», sagt der Hüne ernsthaft und lehnt sich im Sessel vor, während in der Bar nicht wenige Zuhörer die Ohren spitzen: «Niemand kann so etwas allein stemmen.» Die Schweden üben weiter an Schafen und Schweinen, das Projekt scheint trotz gelegentlicher Rückschläge vielversprechend. «Unser Erfolgsrezept war ganz einfach das Beharrungsvermögen», erzählt Brännström, «und immer wieder Glück.»

Am meisten Glück hat er bei der Mittelbeschaffung. Als er mit seinem Team nach Kenia reisen will, um die Transplantationen an Primaten zu erproben – Schweden verfügt über kein entsprechendes Zentrum für solche Tierversuche –, kommt eine Kollegin seiner Klinik auf ihn zu, eine Spezialistin für Fruchtbarkeitsbehandlungen, die aus einer der reichsten Familien Schwedens stammt. «Sie fragte mich: Mats, wie viel Geld brauchst du?» Brännström braucht rund eine Million Euro. Mit diesem Geld fahren die Teammitglieder 20-mal nach Nairobi, wo sie an einem Zentrum der Weltgesundheitsorganisation an Pavianen trainieren – bis sie sich bereit fühlen, das Verfahren bei Menschen anzuwenden.

Brännströms Kollegin hatte das Forschungsprojekt vor allem deshalb so grosszügig unterstützt, weil sie aus ihrem Klinikalltag die Patientinnengruppe kannte, die der Chef im Visier hatte: Frauen mit dem Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom (MRKHS). Betroffenen Mädchen fehlen von Geburt an Scheide und Gebärmutter, während die übrigen Sexualorgane normal ausgebildet sind. Ein genetisch eigenes Kind können diese Frauen nur über Leihmutterschaft bekommen, die aber in vielen Ländern verboten ist – so auch in Schweden, Deutschland oder in der Schweiz.

«Kinderwunsch ist etwas sehr Starkes»

Bislang blieb ihnen nur die Möglichkeit, ein Kind zu adoptieren – oder mit der Kinderlosigkeit zu leben. «Das sagt sich so leicht, vor allem als Mann», sagt Brännström und nippt an seinem doppelten Espresso. «Aber der Kinderwunsch ist etwas sehr Starkes, das sich nicht einfach biologisch erklären lässt. Es ist eine fast irrationale Sehnsucht nach dem eigenen Kind, gekoppelt mit dem Drang, dieses Kind im eigenen Körper auszutragen.» Brännström kennt es aus eigener Erfahrung, seine Frau und er haben fünf Kinder. Ein sechstes, sagt er, sei gestorben.

Für die klinische Pilotstudie werden neun Frauen rekrutiert, alle haben das MRKH-Syndrom, und bei fast jeder ist es die eigene Mutter, welche die Gebärmutter spendet. «Eine ideale Konstellation», findet Brännström, «denn die Mutter hat einen doppelten Anreiz: den altruistischen Wunsch, der eigenen Tochter zu helfen, und darüber hinaus die Aussicht auf ein Grosskind.» Zwei der Transplantate mussten später wieder entfernt werden – eines wegen Thrombose, das andere wegen einer Infektion –, bei den anderen resultierte ein 100-prozentiger Erfolg: Alle Frauen wurden schwanger. Was aber ist mit den Kosten von 50 000 Euro pro Behandlung? Brännström findet, diese seien volkswirtschaftlich längst zu rechtfertigen angesichts des zu erwartenden Benefits – «die Geburt von Kindern, die zu Steuerzahlern heranwachsen werden, und die gestiegene Lebensqualität bei Mutter und Grossmutter». Er zückt sein Smartphone und zeigt die ­Familienbilder, welche die Mütter ihm geschickt ­haben: lauter glückliche Gesichter.

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