Der Mitbegründer der Gentechnik blickt zurück

Der Schweizer Nobelpreisträger Werner Arber sieht wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Glauben in Einklang.

Werner Arber stellt jetzt die grossen Fragen des Lebens. Foto: Nicole Pont

Werner Arber stellt jetzt die grossen Fragen des Lebens. Foto: Nicole Pont

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Einmal in der Woche, am Montagvormittag, kommt Werner Arber ins Biozentrum der Universität Basel, seine frühere Wirkungsstätte. Im achten Stock, wo ein verborgener Lift hochführt, hat der Emeritus noch ein kleines Büro mit einem von Papierstapeln überladenen Schreibtisch. Arber ist dabei, seine Veröffentlichungen für die Universitätsbibliothek und das Staatsarchiv zu sortieren. Keine einfache Aufgabe. Der Nobelpreisträger blickt auf ein langes, erfolgreiches Forscherleben zurück. Anfang Juni ist Werner Arber 90 Jahre alt geworden.

Jetzt führt der rüstige Professor die Besucherin in den angrenzenden Konferenzraum. Das hohe Alter nimmt man dem in Anzug und Krawatte gekleideten Arber nicht ab: aufrechter Gang, weisses volles Haar, Lachfältchen um die Augen, die wach und etwas verschmitzt dreinblicken. Und dennoch: Werner Arber verkörpert ein Stück Wissenschaftsgeschichte, eine bahnbrechende Epoche. Er ist aber nicht nur ein Zeitzeuge von den Anfängen der Gentechnologie, sondern hat sie massgeblich mitgeprägt.

Arber erinnert sich noch gut an die Veröffentlichung von James Watson und Francis Crick im Jahr 1953 über die Struktur der DNA, die Erstbeschreibung der Doppelhelix. In dem Jahr kam Arber nach Genf, wo er für seine Doktorarbeit forschte. Zuvor hatte der Sohn einer Aargauer Bauernfamilie an der ETH Zürich Naturwissenschaften studiert und eine Diplomarbeit in Physik gemacht. «In der Genfer Arbeitsgruppe stellten wir in einer wöchentlichen Sitzung stets neue Publikationen vor», sagt Arber. Es war an ihm, die Erkenntnisse von Watson und Crick zusammenzufassen.

Beide Töchter sind Professorinnen

Das faszinierende Molekül DNA, auf dem die Gene liegen, liess ihn nicht mehr los. Als Forschungsobjekte dienten Arber Bakterien (Escherichia coli) und deren Widersacher, also Viren, die Bakterien befallen, sogenannte Phagen. Andere Wissenschaftler hatten zuvor beobachtet, dass sich manch ein Bakterienstamm wehrt, indem er die Viren-DNA in Einzelteile zerlegt. «Wie die Bakterien das aber tun und vor allem, wie sie ihre eigene DNA schützen, war unbekannt», sagt Arber. Er aber konnte die Mechanismen durch ausgeklügelte Versuche aufklären. Arber hatte sich in einem einjährigen Forschungsaufenthalt in den USA das genetische Fachwissen angeeignet. Zurück in Genf postulierte er in den 1960er-Jahren, dass die Bakterien Enzyme, molekulare Scheren, besitzen, die gezielt fremde, in die Zelle eindringende DNA abbauen können. Als Gruppenleiter fand er zusammen mit seinen Mitarbeitern sogar die Stellen auf der DNA, wo sich diese sogenannten Restriktionsenzyme anheften. Und Arber entdeckte mit seinem Team auch, wie die Bakterien die eigene DNA schützen. Chemische Anhängsel, sogenannte Methylgruppen an der DNA, sorgen dafür, dass dort die Scheren nicht schneiden können. Diese Entdeckungen brachten Arber 1978 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ein. Bei den Feierlichkeiten waren auch seine Frau Antonia dabei sowie die beiden kleinen Töchter. Gefragt, was er zurückblickend neben den wissenschaftlichen Höhepunkten im Privaten am meisten schätzt, nennt Arber zuerst seine Frau. Sie ist elf Jahre jünger und hat ihn zum Gespräch ins Biozentrum begleitet. «Wir sind ein gutes Team», bestätigt sie. Auch auf seine Töchter ist Arber stolz. «Beide sind Professorinnen geworden.» Die ältere Tochter, Silvia Arber, forscht am Biozentrum und am Friedrich-Miescher-Institut in Basel, und die jüngere, Caroline Arber-Barth, an der Universität Lausanne. Die Wissenschaftlerinnen versorgen ihren Vater mit Fachartikeln, seit es die Bibliothek am Biozentrum der Universität Basel nicht mehr gibt.

Gentechnisch veränderte Escherichia-coli-Bakterien. Foto: Getty Images

Heute sind die Restriktionsenzyme gängige Werkzeuge in der Gentechnik. Es gibt weit mehr als 1000 verschiedene, die jeweils an anderen Stellen in der DNA schneiden. Mit ihrer Hilfe können Gene beispielsweise aus einem Organismus herausgeschnitten und in einen anderen eingesetzt werden. So entstehen gentechnisch veränderte Pflanzen und Tiere. Arber und seine Kollegen machten neben den Chancen der neuen Technologie auch auf mögliche Risiken aufmerksam. «Wir organisierten 1972 eine Konferenz in Leuenberg», sagt Arber, der als gläubiger Christ auch einen Priester zu einer Diskussion über Ethik einlud. Drei Jahre später trafen sich Forscher aus aller Welt zur Asilomar-Konferenz in Kalifornien. Dort forderten die Genforscher die Regierungen dazu auf, gesetzliche Regelungen für das neue Forschungsgebiet zu schaffen.

Arber befürwortet klar die Gentechnologie – aber nicht um jeden Preis. Er schliesst zwar nicht aus, zukünftig schwere Erbkrankheiten zu bekämpfen, indem die Keimbahn verändert wird, sodass nachfolgende Generationen ein gesundes statt das Krankheitsgen erben. «Noch sind die Techniken aber nicht sicher», warnt er. Selbst die neuen Genscheren, genannt Crispr/Cas, die sehr genau DNA verändern können, seien noch längst nicht ausgereift für die Anwendung am Menschen. Deshalb verurteilt Arber die Experimente des chinesischen Forschers Jiankui He, der im vergangenen Jahr verkündete, Babys mithilfe der Crispr/Cas-Methode genetisch verändert zu haben. «Das darf nicht passieren.» Der Nutzen von Gentech-Pflanzen ist für Arber indes unbestritten. Davon wollte er als Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften selbst den Vatikan überzeugen, «bisher erfolglos», sagt er. Arber präsidierte sieben Jahre als erster Protestant die Akademie.

Eine permanente Schöpfung

Der Forscher ist von der Natur fasziniert, von den molekularen Abläufen, die seine Kollegen und er entschlüsselt haben, und von den «Geheimnissen, die noch nicht entdeckt sind». Dabei bringt er seinen Glauben und die Naturwissenschaft in Einklang. Er hat einen Leitsatz von Hand aufgeschrieben: «Wir verdanken unser Dasein der permanenten Schöpfung mittels seit einigen Milliarden Jahren wirkender biologischer Evolution.» So sei die Vielfalt der Lebewesen entstanden – in einem Weltall, das sich stets gemäss der Evolutionslehre weiterentwickelt.

Arber stellt sich im Alter die grossen Fragen. Kann er auch verraten, wie man gesund altert? Dass er sich Zeit seines Lebens intellektuell gefordert hat, ist offensichtlich. Zudem berichtet seine Frau über das gemeinsame Interesse für Kunst. Das Paar habe kaum eine Ausstellung der Fondation Beyeler ausgelassen und besucht regelmässig die Art Basel. Was sonst noch, viel Bewegung? Sportlich sei er nicht, sagt er. Seine Frau widerspricht: «Wir sind immer viel spazieren gegangen und gewandert.» Und zu ihrem Mann: «Du bist noch bis zum 75. Lebensjahr Abfahrtski gefahren.» Und Langlaufski bis vor zwei Jahren, als er einen Herzinfarkt erlitt.

Nein, ein Rezept für ein langes Leben habe er nicht, sagt der Jubilar. Werner Arber nennt es schlicht Glück.

Erstellt: 14.06.2019, 21:44 Uhr

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