Der Papiertiger der Pharma

Die Farce um die Offenlegung der Ärztezuwendungen reiht sich ein in die Kaskade patientenfeindlicher Entscheidungen.

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Endlich, so möchte man meinen, legen die grossen Schweizer Pharmaunternehmen die Geldbeträge offen, welche sie an Ärzte und Forscher verteilen. Dabei handelt es sich um Beraterhonorare, Reise- und Verpflegungsspesen, aber auch um Beiträge an klinische Studien. Ähnliche Regeln sind zum Beispiel in den USA bereits in Kraft. Dort können die Patienten nachprüfen, wie viel Zuwendungen ihr eigener Arzt von einer Pharmafirma erhalten hat. Unangebracht ist eine solche Liste nicht. Denn die Gelder beeinflussen die Verschreibungspraxis der Ärzte. Eine internationale Studie etwa hat gezeigt, dass ein Arzt, der von einem Unternehmen nur schon zu einem Nachtessen eingeladen wird, dessen Medikamente danach öfter verschreibt – selbst wenn diese teurer sind als Konkurrenzprodukte.

Leider verkommt das löbliche Unterfangen der freiwilligen Offenlegung in der Schweiz zu einem veritablen Papiertiger. Die Firmen verstecken die Zahlungen im Dickicht ihrer Websites, und die Empfänger bleiben auf Wunsch anonym. Gelder für Studien, die klar Marketingzwecken dienen, werden unter dem ­unverfänglichen Begriff «Forschung» subsumiert.

Heroische Scheinfreiwilligkeit

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Die Farce um die Offenlegung der Ärztezuwendungen reiht sich in diese Kaskade der patientenfeindlichen Entscheidungen ein. Wahrscheinlich, weil von solchen Massnahmen nur der Patient profitiert und nicht die Ärzte, Spitäler oder Pharmafirmen. Und wenn der Druck dann doch einmal zu gross wird, wird als letzter Akt eine heroische Scheinfreiwilligkeit ausgerufen, die eher ein PR-Gag ist.

Erstellt: 23.06.2016, 20:24 Uhr

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