Der Schutz vor Masern hält nicht lange an

Eine neue Studie bringt Brisanz in die Impfdebatte: Die mütterlichen Antikörper bewahren Säuglinge nicht neun, sondern höchstens vier Monate vor Masern.

Sind die älteren Kinder geimpft, dann sind auch die Kleinen geschützt. Man nennt das auch Herdenschutz. Foto: Andreas Herzau (Laif)

Sind die älteren Kinder geimpft, dann sind auch die Kleinen geschützt. Man nennt das auch Herdenschutz. Foto: Andreas Herzau (Laif)

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Kommt ein Baby zur Welt, so ist es in vielem noch nicht bereit für das Leben ausserhalb des Mutterbauches. Vor allem das Immunsystem der Kleinsten ist noch sehr unreif. Ein bisschen hat die Natur vorgesorgt. Gewisse Antikörper bekommt das Ungeborene während der Schwangerschaft über die Nabelschnur von der Muttter. Man nennt dieses Phänomen Nestschutz. Doch der Nestschutz hält nicht lange, und eine neue Studie der Universität Ontario zeigt nun: Bei Masern hält der Nestschutz längst nicht so lange, wie man bisher angenommen hat.

Mehr als 90 Prozent der Babys haben den Schutz im Alter von vier Monaten verloren. Doch gerade in den ersten sechs Monaten kann die Krankheit besonders schwer verlaufen. Bisher glaubte man, ein Baby sei, wenn seine Mutter gegen Masern geimpft ist, die ersten sechs bis neun Lebensmonate geschützt.

Schutz nimmt schnell ab

Für ihre Studie suchten die kanadischen Forscher in den Blutproben von 196 Babys zu verschiedenen Zeitpunkten nach Masernantikörpern. Die Kinder waren gesund und termingerecht geboren. Im mütterlichen Blut schwimmen Antikörper gegen gewisse Krankheiten, je nachdem, welche Impfungen die Mutter bekommen hat und ­welche Krankheiten sie selbst durchgemacht hat. Vor allem im zweiten und dritten Drittel der Schwangerschaft können die ­Immunglobuline die Plazenta durchdringen – wie, weiss man noch nicht genau – und gelangen über die Nabelschnur in den Körper des Ungeborenen.

Das Immunsystem ist nach einer
Masernerkrankung für Monate,
manchmal für Jahre geschwächt.

Trotzdem sank die Anzahl der Masernantikörper im Blut der Babys nach der Geburt rasant. 20 Prozent der Säuglinge hatten schon im ersten Lebensmonat keinen ausreichenden Schutz mehr, 32 Prozent im zweiten. Bereits im Laufe des dritten Lebensmonats hatten mehr als zwei Drittel der Babys keinen Nestschutz gegen Masern mehr, im Laufe des vierten stieg dieser Wert auf 92 Prozent. Nach sechs Monaten war kein Baby mehr gegen Masern geschützt.

Wichtiger Herdenschutz

«Das sind wichtige Zahlen», sagt Christoph Berger, Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Kinderspital Zürich. Gerade wenn man bedenke, dass der Mutterschaftsurlaub in der Schweiz vier Monate dauere und viele Babys anschliessend eine Krippe besuchten. «Das Einzige, was Babys bis zum neunten Monat vor Masern schützen kann, ist die Impfung aller Kontaktpersonen», sagt Berger.

Das heisst, vor allem sollten auch jene Kinder in der Krippe geimpft sein, die selbst schon alt genug für eine Masernimpfung sind. Man nennt das auch Herdenschutz. Wer selbst keine Impfung bekommen kann, ist trotzdem geschützt, weil niemand im Umfeld erkrankt. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat den Schweizerischen Impfplan dieses Jahr geändert. Die Masernimpfung können Babys nun schon mit neun Monaten bekommen. Bei einem Masernausbruch in der nahen Umgebung kann dieser Termin auf sechs Monate vorverschoben werden. Doch dann braucht der Säugling insgesamt drei Dosen Impfstoff anstatt normalerweise nur zwei.

«Das ist eine interessante Studie», sagt auch Christiane S. Eber­hardt, Oberärztin am Impfzentrum des Unispitals Genf, die zu diesen Themen forscht. Immer wieder gibt es in der Schweiz Diskussionen um die Masernimpfung. Die neuen Zahlen über den kurzen Nestschutz geben den Diskussionen weitere Brisanz. «Vor einigen Wochen zeigte eine grosse Studie im Fachmagazin ‹Science› zudem, welch weitreichende Konsequenzen auch eine überstandene Maserninfektion hat», sagt Eberhardt. Das Masernvirus löscht einen Teil des Gedächtnisses unseres Immunsystems aus.

Während Impfgegner annehmen, eine durchgemachte Masernerkrankung stärke die Abwehr, ist genau das Gegenteil der Fall. Das Immunsystem ist nach einer ­Masernerkrankung für Monate, manchmal Jahre geschwächt, und die Betroffenen sind anfälliger für andere Krankheiten.

Warum impft man die Babys nicht einfach früher, könnte man sich fragen. Das hat zwei Gründe. Das Immunsystem der Babys ist in den ersten Monaten noch nicht reif genug dafür, genügend Antikörper als Reaktion auf die Impfung zu produzieren. Der Schutzeffekt wäre nicht ausreichend. Ausserdem sollten alle Antikörper, die das Baby von seiner Mutter bekommen hat, verschwunden sein, weil auch sonst das Immunsystem der Babys nicht stark genug reagiert und zu wenige Antikörper herstellt.

Gefahr durch Keuchhusten

Nicht nur Masern sind gefährlich, auch Keuchhusten kann in den ersten Monaten tödlich verlaufen. Ein nur wenige Wochen altes Kind kann während der heftigen, lang anhaltenden Hustenanfälle zu wenig Sauerstoff bekommen und ersticken. Aus diesem Grund gilt in der Schweiz seit 2013 eine Impfempfehlung für alle schwangeren Frauen. Im zweiten Drittel der Schwangerschaft sollten sie sich gegen Keuchhusten impfen lassen, um eine möglichst grosse Anzahl Antikörper auf das Ungeborene zu übertragen. Auch in diesem Fall nimmt der Schutz nach der Geburt relativ rasch ab. «Wir wissen aus grossen Studien, dass das Risiko für die Neugeborenen stark sinkt, wenn die Mutter während der Schwangerschaft eine Keuchhustenimpfung bekommt», sagt Eberhardt.

Anders als bei Masern können Babys die erste Dosis Impfstoff gegen Keuchhusten schon im Alter von zwei Monaten bekommen. Die Impfung gegen Keuchhusten/Pertussis ist ein Totimpfstoff und deshalb auch schon in diesem jungen Alter unbedenklich. Allerdings braucht das Baby drei Dosen, um vollständig geschützt zu sein. Doch schon nach der zweiten Dosis im Alter von vier Monaten ist der Schutz recht gut. Totimpfstoffe enthalten keine aktiven Bestandteile des jeweiligen Virus mehr und sind deshalb auch während der Schwangerschaft möglich. Der Impfstoff gegen Masern ist hingegen ein Lebendimpfstoff. Auch er enthält zwar nur stark abgeschwächte Bestandteile des Virus, trotzdem setzen ihn die Ärzte während der Schwangerschaft nicht ein.

Die Grippeimpfung hilft auch der werdenden Mutter.

Seit 2010 raten die Experten des BAG schwangeren Frauen ausserdem zu einer Grippeimpfung. Erfolgt die Impfung während der Schwangerschaft, überträgt die Mutter die Grippeantikörper auf ihr ungeborenes Kind. «Der erste Winter auf unserer Erde ist für Babys eine Herausforderung», erklärt Infektiologe Berger. Sie haben im ersten Lebenshalbjahr, falls sie an Grippe erkranken, ein ähnlich hohes Komplikationsrisiko wie über 70-jährige. Die Grippeimpfung hilft aber auch der werdenden Mutter. Schwangere haben ein grösseres Risiko für schwere Krankheitsverläufe, weil sich ihr Immunsystem verändert. Zudem engt der immer grösser werdende Bauch die Lunge ein, was ebenfalls das Risiko für Komplikationen erhöht. Eine Grippeerkrankung kann zudem frühzeitige Wehen auslösen.

Und was ist mit dem Stillen?, wird sich so manche vielleicht fragen. Auch während des Stillens gehen Antikörper von der Mutter zum Kind über. Doch ­diese sind eher gegen harmlo­sere, im Moment grassierende Krankheiten. So erhalten gestillte Kinder einen gewissen Schutz vor ­Magen-Darm-Infektionen und Erkältungen.

Erstellt: 28.11.2019, 21:58 Uhr

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