Die Ärzte gaben ihm noch eineinhalb Jahre

2013 bekam Conradin Döbeli die Diagnose Krebs. Seither therapiert er den Tumor selber. Heute ist der 33-Jährige sogar den Spezialisten voraus.

Symbol für den Kampf gegen den Krebs: Patient Döbeli mit seinem Drachen. Foto: Christian Aeberhard

Symbol für den Kampf gegen den Krebs: Patient Döbeli mit seinem Drachen. Foto: Christian Aeberhard

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Der Drache steht auf der Terrasse und spuckt Feuer. Conradin Döbeli hat die anderthalb Meter grosse Skulptur vor seinem Haus selbst aus Schrott zusammengeschweisst. Die Flammen aus brennendem Benzin reichen vom Maul des Ungeheuers bis zu einer fünf Meter entfernten Feuerschale, dort, wo ein symbolisches Krebsgeschwür aus Holz und Papier liegt. Auf diese Weise startete Döbeli vor bald vier Jahren zum ersten Mal einen Grillabend mit Freunden. Damals, als er seine erste Krebsoperation überstanden hatte.

Das Schicksal hat den heute 33-Jährigen hart getroffen. In einem Alter, in dem andere Zukunftspläne schmieden und übers Kinderkriegen nachdenken, kämpft er mit einem aggressiven Darmkrebs. Wahrscheinlich wäre er längst gestorben, denn seine Tumorzellen tragen eine seltene Mutation, die nicht auf Standardtherapien anspricht.

Doch Döbeli hat das Heft selbst in die Hand genommen. Er gehört zur wachsenden Zahl von Patienten, die sämtliche Möglichkeiten der heutigen Informationsbeschaffung virtuos für ihre Behandlung zu nutzen wissen. Im englischsprachigen Raum kennt man dafür den Begriff E-Patient. E steht dabei für vieles: electronic, enabled (aktiv), em­powered (ermächtigt), expert. Dabei vertraut Döbeli voll auf die moderne Wissenschaft. Diese ist für ihn der Drache, der seinen Krebs auslöschen soll. Als Patient nutzt er dabei nicht nur sein Wissen und sein Netzwerk als selbstständiger Medizintechnologe. Er sucht sich auch die neusten Fachpublikationen zu seiner Krankheit über die Datenbank Pubmed und arbeitet sie dann von vorne bis hinten durch. Auf Facebook tauscht er sich in der Gruppe «Colontown» mit anderen Betroffenen aus. Ein beträchtlicher Teil der weltweit rund 3500 Mitglieder sind Wissenschaftler, die selbst erkrankt sind. Sie diskutieren auf fachlich hohem Niveau über die neusten Studien, experimentelle Therapieansätze oder molekulare Zellmechanismen.

Plötzlich Bauchschmerzen

Ein strahlender Sonnentag im Oktober. Es ist Nachmittag. Das Haus von Conradin Döbeli und seiner Ehepartnerin liegt am Waldrand am Fuss des Erzenbergs, wenige Gehminuten vom Bahnhof Liestal entfernt. Der moderne Holzbau fällt in der Häuserzeile schon von weitem auf. Vor vier Jahren erhielt das Gebäude ein zweites Obergeschoss – gerade als Döbeli nach seiner ersten Operation im nahe gelegenen Kantonsspital Liestal lag. Von seinem Krankenzimmer aus konnte er den Baufortschritt gleich direkt mitverfolgen.

«Ich habe entschieden, mit allen Waffen gegen den Krebs zu kämpfen», sagt Döbeli. Die martialische Rhetorik will dabei nicht so recht zu seiner äusseren Erscheinung passen: grosse, freundliche Augen mit dichten Brauen, Kurzhaarfrisur, Jeans und ein T-Shirt mit einer altertümlichen Computer-Fehlermeldung aus den 1980er-Jahren bedruckt: «A fatal exceptional 0E has occured». Döbeli wirkt bei bester Gesundheit, als ich ihn in seiner vollgestellten Werkstatt im Parterre antreffe. Er sprüht vor Ideen und Gedanken. So sehr, dass man fast die Ernsthaftigkeit seines Kampfes gegen den Krebs vergisst.

Angefangen hat es im Winter 2013. Döbeli leidet plötzlich unter starken Bauchschmerzen und muss auf die Notfallstation am Kantonsspital Liestal. Anfangs vermuten die Ärzte eine Entzündung. Erst bei einer Darmspiegelung zur Kontrolle acht Wochen später entdecken sie einen Tumor in fortgeschrittenem Stadium. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei seiner Form des Darmtumors bei anderthalb Jahren. «Meine Frau und ich waren sprachlos», erinnert sich Döbeli.

«Eine Kurve, die nach unten zeigt, ist der beste Psychiater.»Conradin Döbeli, Krebspatient

Bereits drei Tage später ist die Operation, nach zwei Wochen kann Döbeli nach Hause, kurz darauf startet eine Chemotherapie. «Es sei ideal gelaufen, hat es geheissen», sagt Döbeli. Doch der Krebs kommt zurück. Nach drei Monaten zeigt das Computertomogramm (CT) zwei Metastasen in der Leber. Ein Leberspezialist schneidet den einen Tumor heraus, den anderen zerstört er mit Hitze. Anschliessend muss Döbeli wieder zur Chemotherapie. Bis zum Winter 2014 lässt der Krebs Döbeli in Ruhe. Bis erneut eine Lebermetastase auftritt.

«Bis dahin lief alles gemäss offiziellen Leitlinien», sagt Döbeli. Es dunkelt langsam ein. Eine Katze schleicht durch die Werkstatt und macht es sich irgendwo zwischen den Geräten bequem. Hier konstruiert Döbeli Spezialanfertigungen für Firmen und Hochschulinstitute. Daneben beschäftigt er sich mit Reptilien und Gliedertieren und vor allem seiner Leidenschaft, dem Schweissen von Metallskulpturen wie dem Drachen, die auf der Terrasse stehen. Döbeli sitzt vor seinem Computer, auf dem er alles zu seiner Erkrankung dokumentiert und archiviert hat. Er klickt ein CT-Bild aus dieser Zeit an und zeigt auf einen hellen Punkt bei der Leber: «Hier ist der Tumor wieder gewachsen.» Es ist die gleiche Stelle, an der bereits einmal eine Metastase verödet worden war.

Er gehört zur wachsenden Zahl von Patienten, die sämtliche Möglichkeiten der heutigen Informationsbeschaffung virtuos für ihre Behandlung zu nutzen wissen: Conradin Döbeli. Foto: Christian Aeberhard

Anfang 2015 will der Leberspezialist die halbe Leber entfernen. Doch das kommt für Döbeli nicht infrage: «Eine Chemotherapie wäre mit einer halbierten Leber zumindest vorläufig nicht mehr möglich gewesen.» Er möchte eine Behandlung, von der ihm eine Berufskollegin erzählt hat, eine sogenannte perkutane stereotaktische Radiofrequenzablation. Dabei sticht ein Arzt mithilfe eines Navigationssystems mehrere Nadeln durch die Haut direkt in die Leber, erhitzt die betroffene Stelle mit hochfrequenten Radiowellen und zerstört so lokal die Metastasen. Döbeli findet nicht in der Schweiz, aber in Innsbruck ein Spital, das diese Methode für die Leber anbietet. Drei Wochen später hat er einen Behandlungstermin.

Sich einer Behandlungsempfehlung zu widersetzen, braucht Mut und Selbstvertrauen. Und einen Arzt, der darauf einzugehen bereit ist. Döbeli hat Glück und gerät an die Richtige: Michèle Voegeli, Leitende Onkologin am Kantonsspital Liestal. «Ich kenne niemanden, der sich so schnell in ein komplexes Thema einarbeiten kann wie er», sagt die Ärztin. Sie sitzt im weissen Kittel, mit Brille und kurzen Haaren in einem Behandlungszimmer auf der Onkologiestation des Kantonsspitals Liestal und schildert mir ihre Sicht der bemerkenswerten Krankheitsgeschichte. Weil Döbeli sich so stark einbringt, muss sie im Durchschnitt ein bis zwei Stunden pro Woche für ihn verwenden. «Ich wünsche ihm sehr, dass er seine Krankheit überwinden kann», sagt Voegeli.

Ärger mit der Krankenkasse

Die Onkologin lässt sich von Döbeli überzeugen. Sie verfasst ein Überweisungsschreiben für die Behandlung in Innsbruck und einen Antrag auf Kostenübernahme an die Krankenkasse. Der Eingriff verläuft gut, so gut, dass der Krebs über ein Jahr wegbleibt. Dafür macht ihm seine Krankenkasse Ärger.

Obwohl die Operation in Innsbruck günstiger und auch für den Krankheitsverlauf vorteilhafter war, verweigert die Kasse eine Übernahme. Kostenpunkt: 20'000 Franken. Sie lässt sich viele Wochen Zeit, um auf Beschwerden zu reagieren – wohl in der Annahme, dass der Patient bald sterben würde. Der Versicherungsarzt schreibt schliesslich in einem Gutachten von einer palliativen Krebstherapie und verwechselt die Innsbrucker Behandlung mit einer völlig anderen Methode. Über beides empört sich Döbeli bis heute. Er zieht den Fall vor das Kantonsgericht Basel-Landschaft. Schliesslich übernimmt die Kasse den Hauptteil der Kosten.

Im April 2016 finden sich wieder Metastasen in der Leber und neu auch in Lymphknoten bei der Leberpforte. Döbeli lässt sich erneut in Innsbruck behandeln. Ein Monat später tauchen zwei weitere auffällige Lymphknoten auf. Jetzt muss er sich bestrahlen lassen. Gleichzeitig versucht Döbeli eine experimentelle Therapie mit Immunzellen in Deutschland. Voegeli ist skeptisch, lässt ihn aber mangels guter Alternativen machen. Und tatsächlich wird Döbeli danach fast ein Jahr lang von seinem Krebs verschont. «Wahrscheinlich hat er sehr gut auf die Bestrahlung angesprochen», sagt Michèle Voegeli.

«Was heute gilt, ist in einem Jahr schon wieder überholt.»Michèle Voegeli, Onkologin

Im Februar 2017 kommt der Krebs zum fünften Mal zurück. «In aller Härte», sagt Voegeli. Döbeli nennt es «Schockdiagnose». Diesmal hat er überall Metastasen: auf der Leber und in verschiedenen Lymphknoten bei Leber, Herz und Lunge. Offizielle Behandlungsleitlinien sind nun definitiv am Ende des Lateins und empfehlen im Wesentlichen eine palliative Behandlung.

Doch Döbeli resigniert nicht. Statt sich spirituell mit seinem Ende auseinanderzusetzen oder psychologische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, sucht er nach neuen Waffen. Bereits vor dem Rückfall hat er sich mit medikamentösen Therapien beschäftigt und die neusten Studien gelesen. Daraus entwickelt er zusammen mit Voegeli eine eigene, massgeschneiderte Therapie mit fünf Medikamenten. Zwei, die sich gegen die besondere Mutation seines Tumors richten und bislang erst bei Hautkrebs zum Einsatz gekommen sind. Hinzu kommen ein übliches Chemotherapeutikum sowie zwei bekannte Substanzen: ein gegen Darmkrebs zugelassener Antikörper sowie ein hoch dosiertes Vitamin.

Michèle Voegeli fällt es nicht schwer, anzuerkennen, dass ihr Patient zu seiner Krankheit besser über die neuste Forschung Bescheid weiss als sie selber: «In der Behandlung von Darmkrebs ändert sich zurzeit sehr viel», sagt sie. Als behandelnde Ärztin habe man die Zeit nicht, immer gleich auf dem aktuellsten Stand zu sein. «Was heute gilt, ist in einem Jahr schon wieder überholt», so Voegeli. Tatsächlich wird ein paar Monate später an einem Fachkongress, an dem die Onkologin teilnimmt, die gleiche Behandlung vorgestellt, die Döbeli vorgeschlagen hat. «In ein, zwei Jahren könnte das zur Standardtherapie werden», vermutet die Onkologin.

Die Therapie ist ein Erfolg. Die meisten der Lymphknoten-Metastasen in Döbelis Brust bilden sich zurück. Die bestrahlte Lebermetastase wird ebenfalls kleiner. Döbeli analysiert laufend seine engmaschigen Messresultate, die Anhaltspunkte dafür geben, ob der Krebs sich verbreitet und welche Mutationen die Zellen besitzen. Weil ein bestimmter Krebszellentyp verschwunden ist, stellen er und seine Onkologin nach ein paar Monaten auf eine klassische Chemotherapie mittels Vierer-Medikamentenkombination um. Döbeli hat inzwischen über 100 wissenschaftliche Arbeiten gelesen. Er ist damit zum belesensten Experten für seine eigene Krankheit geworden.

Die Messwerte machen Mut

Der Drache hat seinen Brennstoff aufgebraucht und muss neu aufgefüllt werden. In der Feuerschale flackern restliche Flammen. Es ist Mitte Dezember, und Döbeli demonstriert dem Fotografen und mir sein Ungeheuer in Aktion. Es ist die Hauptprobe für ein Fondue-Essen, zu dem er in zwei Tagen eingeladen hat. Es geht ihm gut. «Ich spreche immer noch voll auf die Therapie an», freut er sich – und mit ihm seine Ehepartnerin und alle, die bei seiner Behandlung involviert sind, betont er. Die Messwerte machen Döbeli Mut. Die anvisierten Krebszellen sind verschwunden. «Eine Kurve, die nach unten zeigt, ist für mich der beste Psychiater.»

Erstellt: 19.12.2017, 19:09 Uhr

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