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Der Spukprofessor

Peter Brugger erforscht, warum einige von uns an Magie glauben. Und er untersucht Menschen, die den dringenden Wunsch haben, sich ein gesundes Bein amputieren zu lassen.

«Ich bin längst ein konvertierter Gläubiger», sagt Peter Brugger, der Leiter der Abteilung Neuropsychologie am Universitätsspital Zürich. Foto: Dominique Meienberg
«Ich bin längst ein konvertierter Gläubiger», sagt Peter Brugger, der Leiter der Abteilung Neuropsychologie am Universitätsspital Zürich. Foto: Dominique Meienberg

«Zuerst ein kleines Experiment», schlägt Peter Brugger bei unserem Gespräch in seinem unkonventionellen Büro in einem alten Haus der Universität Zürich vor. In dem mit Fachliteratur vollgestopften Raum reckt sich ein eigenhändig aus einem Römer Friedhof importierter Feigenbaum zur Decke, eine klassische Neuenburger Pendeluhr gibt jede halbe Stunde den Ton an und eine wunderschön rostende Metallplatte demonstriert an der Wand die Vergänglichkeit selbst des anorganischen Seins.

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«Verschränken Sie die Arme vor dem Brustkorb! Und jetzt nochmals, aber der andere Arm ist vorne!», verlangt der Neuropsychologe. Et voilà, genau diese kurze Irritation mit der anderen Richtung habe er zeigen wollen. Faszinierend sei, dass er damit vor einiger Zeit eine andere Frau genauso durcheinandergebracht habe, obwohl sie ohne Arme und Beine auf die Welt gekommen sei. Spontan habe sie sogar gesagt, dass sie es eigentlich nie so mache. Ein Beweis, dass sie ihre fehlenden Arme und Beine gleichwohl spüre und diese zu ihrem Körper zähle. Als sie bei einem anderen Versuch ihre unsichtbaren Hände im Magnetresonanztomografen öffnen und schliessen sollte, zeigte ihr Gehirn ähnliche Erregungsmuster wie bei Menschen ohne dieses Handicap.

Die unheimliche dritte Hand

Auch Gesunden gaukelt das Gehirn solche Phantom­erscheinungen vor. Fast schon ein Klassiker ist das Gummihand-Experiment. Da sitzt ein Proband an einem Tisch, und eine seiner Hände ruht hinter einem Sichtschutz. Direkt daneben liegt eine Gummihand, die von der Versuchsperson beobachtet werden soll. Wird diese gut sichtbare «Ersatzhand» entweder sanft berührt oder mit einem Hammer traktiert, spürt es sich echt an. «Man fühlt, was man sieht», sagt Brugger. Denn das Gehirn verknüpft beides kausal und generiert so die illusionäre Vorstellung, die Gummihand ist die eigene. Mit dem Versuch erfahren somit auch gesunde Menschen, wie leicht ihr Körperbild verzerrt werden kann. «Aller Spuk beginnt im Gehirn!»

Ursprünglich hat Brugger Zoologie studiert, am Mittelmeer die Häuschenwahl von Einsiedlerkrebsen untersucht und in den Schweizer Bergen Steinböcke gezählt. Anstatt im Fachbereich der Verhaltensbiologie zu bleiben und in Tunesien den Orientierungssinn der Wüstenameise zu ergründen, wollte er lieber eine moderne Form des Aberglaubens erforschen. «Paranormale Phänomene wie Telepathie oder Hellsehen haben mich schon als Kind fasziniert», sagt der bald 60-jährige Professor für Verhaltensneurologie und Neuropsychiatrie. Früher sei er selber felsenfest davon überzeugt gewesen, dass es solche Dinge gebe.

«Im Hirn haben Wahn und Kreativität oft denselben Ursprung.»

Hat sich dies durch seine Forschung geändert? «Ja, sehr bald sogar», sagt Brugger. Er sei längst ein konvertierter Gläubiger. Zusammen mit seinen Mitarbeitern wies er in zahlreichen Versuchen nach, wie es zu diesem Spuk in den Köpfen kommt. Das Resultat: Im Gegensatz zu hartgesottenen Skeptikern verarbeiten Menschen mit einem Hang zum Paranormalen zum Beispiel Sprache nicht nur vorwiegend mit der linken Hirnhälfte, sondern mehr oder weniger gleich stark auch mit der rechten. Dies macht es ihnen leichter, munter draufloszuassoziieren, bringt sie aber auch in Gefahr, dass sie nicht für jedermann nachvollziehbare und teils sehr abstruse Zusammenhänge herstellen. Zudem können viele von ihnen in bestimmten Mustern oder Strukturen etwa von einem Wolkenbild ohne weiteres Gesichter erkennen. «Wahn und Kreativität haben hier ihren gemeinsamen Ursprung.»

Mit grossem Enthusiasmus geht Brugger immer wieder der Frage nach, warum die Wahrnehmung unseres Körpers häufig nicht mit der Realität übereinstimmt. Er beschäftigt sich dabei auch mit Themen der Psychologie, die in unserer Gesellschaft nach wie vor eher tabu sind. Zum Beispiel, wenn ein Patient seine Gliedmassen als Fremdkörper empfindet und sich nichts sehnlicher wünscht, als diese loszuwerden, sie zu amputieren. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass sie einen Klumpen toten Fleisches mit sich herumschleppen und können auch genau die Stelle etwa am Bein zeigen, von wo an es als nicht mehr zum Ich gehörend empfunden wird.

«Es spukt nicht im Bein, sondern im Gehirn», sagt der Leiter der Abteilung für Neuropsychologie am Universitätsspital Zürich, der seit mehreren Jahren intensiv diese seltene Identitätsstörung erforscht und bei 13 Betroffenen eine Veränderung gewisser Hirnstrukturen im rechten Scheitellappen festgestellt hat. Gemäss Schätzungen sind weltweit mehrere Tausend Menschen betroffen. Oft führen sie ein Doppelleben. Damit niemand es merkt, fahren sie dann in eine fremde Stadt und laufen dort mit Krücken herum oder setzen sich in den Rollstuhl, um eine Behinderung zu simulieren. Da eine Amputation eines gesunden Beins in Europa verboten ist, provozieren einige einen entsprechenden Unfall oder lassen sich in fernöstlichen Ländern operieren. «Weil sie in der Regel Angst vor Schmerzen haben, überlegen sie sich diesen allerletzten Schritt sehr gut», sagt Brugger. Bemerkenswert sei, dass eine Amputation bei ihnen tatsächlich zum Gefühl führe, dass sich Selbstbild und Körperbild nun decke. Für den Laien ist dies gar nicht oder nur schwer verständlich.

Tochter Hazel und Tante Olga

Brugger durchbricht gern fixe Denkmuster und belegt mit wissenschaftlicher Akribie, dass auf den ersten Blick unsinnig Erscheinendes oft Sinn macht. Im wahrsten Sinne des Wortes hat er dies auch gleich am Anfang seiner Forscherkarriere zu spüren bekommen. Für seine Diplomarbeit musste er eine Liste möglichst sinnleerer Wörter herstellen. «Eine meiner schwierigsten Aufgaben, bisher!», versichert er. Brip, Brar, Olpe, Porz erweckten keinerlei Assoziationen und wurden daher für sein Experiment mit Studenten verwendet. «Als ich dann einmal mit dem Zug nach Köln fuhr, machte mir das Ortsschild Olpe und kurz darauf ein Wegweiser nach Porz klar, dass es wohl unmöglich ist, Sinnleeres zu kreieren», sagt er schmunzelnd.

Der Zürcher Neuropsychologe ist durch und durch Forscher und hat stets auch zu Hause gern experimentiert. «Unsere drei Kinder mussten früher oft Versuchspersonen spielen», sagt er und lacht. Auch seine Tochter Hazel hat all die verrückten Ideen stets geschätzt. Dass man entgegen der Schwerkraft trinken kann, durfte sie im Alter von fünf Jahren gleich im Handstand erfahren. Und in einer kleinen Filmserie, der Familienproduktion «Tante Olga kocht», hätten sie damals gemeinsam einen Velosattel aus Leder tranchiert und später mit Butter und Zwiebeln in der Pfanne angebraten. Das habe ihr wahnsinnig Eindruck gemacht und sei auch für ihn lustig gewesen, erinnert er sich.

Heute ist die 23-Jährige eine über die Schweizer Grenze hinaus bekannte Stand-up-Comedian und Kabarettistin. «Ich bin natürlich stolz auf sie, aber nicht mehr als auf die beiden Söhne, die ihr Geld mit weniger Unsinn verdienen müssen und trotzdem weniger oft im Rampenlicht stehen.»

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