Neue Pflegemethode – psychisch Kranke daheim betreuen

Statt einer Einweisung pflegt die Psychiatrische Uniklinik Zürich die Menschen zu Hause. Das erspart den Patienten einen Schock – und ist billiger.

«Was haben Sie gemacht ausser Kaffeetrinken?» – «Nichts.» Fabian Meier, Pflegefachmann, in der Wohnung einer Patientin. Foto: Samuel Schalch

«Was haben Sie gemacht ausser Kaffeetrinken?» – «Nichts.» Fabian Meier, Pflegefachmann, in der Wohnung einer Patientin. Foto: Samuel Schalch

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Plötzlich fühlte sie sich von Angst überflutet. Cécile Geiser, wie wir sie nennen wollen, zweifelte an allem, was sie tat und nicht tat, kam sich ausgeliefert vor, wie gelähmt, zugleich schien ihr jegliche Kontrolle abzugehen. Sie fühlte sich niedergeschlagen und zugleich angespannt. Die Schwangerschaft, ihre zweite und von einem anderen Mann als dem Vater ihres Sohnes, nahm sie nicht als Versprechen wahr, sondern als Drohung. Sie konnte keinen klaren Gedanken ­fassen.

Als sie uns am nächsten Morgen die Tür öffnet, dem psychiatrischen Pflegefachmann und dem Journalisten, wirkt sie ruhiger. Ihre Wohnung ist heimelig, es hat Bilder an den Wänden, Bücher füllen die Gestelle, im Schlafzimmer steht ein Bauernschrank, Sommerlicht fällt in die Küche, der Blick über den Balkon geht auf ­Tannen und Dächer. Erst am Schluss des Gesprächs wird Geiser das ­Offensichtliche sagen: «Man merkt mir nicht mehr an, wie es mir gestern Abend noch gegangen ist.»

Cécile Geiser wird vom Home-Treatment-Team der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich therapiert: zu Hause. Also hätte sie das Team kontaktieren ­sollen, als die Angst über sie kam. Stattdessen kontaktierte sie ihren Partner, der dann das Team alarmierte. «Ich wollte nicht zur Last fallen», sagt sie, ein Satz, den man von Menschen mit De- ­pressionen immer wieder hört. Cécile Geiser, eine Frau Mitte 30, leidet seit Jahren daran. «Ich habe etwas Richtung Suizid gemacht», sagt sie in der vagen Art, die vieles verunklart, das sie verdeutlichen möchte. Die Gefahr scheint nicht gebannt.

Viele wollen nicht in die Klinik

Dass sie sich nicht direkt meldete, darauf kommt Fabian Meier immer wieder zu sprechen, der Pflegefachmann, den man an diesem Morgen zum Hausbesuch begleitet. Er war es auch, der am letzten Abend zu Frau Geiser gefahren war und sie so weit beruhigen konnte, dass sie die kommende Nacht überstand und ein paar Stunden schlafen konnte. Beim Aufstehen seien dann «alle Gefühle wieder über mich gekommen. Ich fühlte mich völlig überfordert, was mache ich jetzt, wo fange ich an?»

Geiser macht eine hilflose Geste, der Pflegefachmann nickt, fragt weiter, macht mit ihr ab, wie sie den heutigen Tag gestalten soll, Musik hören zum Beispiel, ihre Gefühle auf einer Kurve eintragen. Dann gibt er die nötigen Medikamente. Gegen Ende des Gesprächs nickt Frau Geiser nur noch, es wird klar, dass sie sich bereits wieder überfordert fühlt.

Manche psychisch kranke Patienten wollen gar nicht in eine Klinik, was allein schon die Chance auf einen therapeutischen Erfolg erschwert. Für sie gibt es eine Alternative, die in Zürich seit anderthalb Jahren praktiziert wird. Home Treatment heisst es, Behandlung zu Hause. Das Therapiemodell kommt aus England, wo man schon lange Jahre mit einer dezentralen psychiatrischen Betreuung arbeitet.

5 Hausbesuche pro Woche, das Team ist 24 Stunden erreichbar. Trotzdem kostet das Home Treatment 20 Prozent weniger als ein Klinikaufenthalt.

Rund ein Dutzend Leute bilden das Zürcher Home-Treatment-Team, Psychiater, Psychologinnen, Ergotherapeutinnen, Pflegefachpersonen. Sie betreuen zurzeit 20 Patientinnen und Patienten im Raum Zürich; das klingt nicht nach vielen, aber die Betreuung ist intensiv. Jeden Wochentag gibt es einen Hausbesuch, das Team ist für die Patienten 24 Stunden lang erreichbar. Trotz dieser hohen Präsenz kostet das Home Treatment 20 Prozent weniger als ein Klinikaufenthalt, weshalb mehrere Krankenkassen die Behandlung bezahlen, obwohl sie nicht in der Grundversorgung festgeschrieben ist. Denn die Hilfe daheim kommt bei allem Aufwand weniger teuer, weil die Patienten ja für Essen und Wohnen selber aufkommen.

Natürlich funktioniert das Home Treatment nicht für alle, Süchtige auf Entzug zum Beispiel, aber auch schwere Psychotiker, Manische oder Männer und Frauen, die sich selber schaden oder andere gefährden könnten. Trotzdem sind die ergänzenden Vorteile der neuen Behandlung offensichtlich. Viele Patienten ziehen es vor, zu Hause zu bleiben. Die einen sind überfordert, wenn sie mit anderen Patienten im selben Zimmer schlafen, die ihrerseits psychische Probleme haben. Andere empfinden Scham und wollen nicht, dass ihr Leiden bekannt wird. «Ausserdem können wir die Patienten zu Hause intensiver betreuen», sagt der Pflegefachmann Will Adams, der in seiner englischen Heimat erlebt hat, wie hilfreich eine dezentral tätige Psychiatrie sein kann.

Auch Irène Fehr macht sofort auf, als Adams Kollege Fabian Meier bei ihr läutet, aber ihr sieht und hört man schon an der Tür an, wie schlecht es ihr geht. Dabei lebt sie nicht allein, ihr Mann ist bei ihr, der diese Woche Ferien hat; ausserdem ist da noch der gemeinsame Kater, der durch die Wohnung fegt und die Hände beisst, die ihn streicheln wollen. Das Bettsofa in der Stube ist aufgeklappt. Die Wohnung ist mit Möbeln, Pflanzen, Bildern und einem braunen Katzenbaum vollgestellt, der bis zur Decke reicht. Der Balkon ist mit einem Netz vergittert.

Monatelang im Keller

Was sie bis jetzt gemacht habe ausser Kaffeetrinken, will Meier von der Frau wissen. «Nichts», sagt sie und lächelt fahl. Auch Irène Fehr leidet an einer schweren Depression, sie fühlt sich ohne Antrieb und ohne Hoffnung, obwohl spürbar wird, dass sie viele Interessen hat, Reisen zum Beispiel, aber auch das Lesen. Ob ihr der Pfleger beim Abwaschen helfen könne, fragt sie. Später gibt es einen kleinen Spaziergang. Am Schluss bedankt sie sich für den Besuch und kehrt mit langsamen Schritten in die Wohnung zurück.

Der therapeutische Einsatz vor Ort ist ausgesprochen intensiv, aber zeitlich begrenzt. Spätestens nach einem Monat übergibt das Team in der Regel die weitere Betreuung an andere Therapeuten, Sozialarbeiter, manchmal hilft auch die Spitex beim Überbrücken. Es kann auch sein, dass ein Patient einem Eintritt in die Klinik zustimmt, weil es ihm immer schlechter geht und er nur stationär entsprechend behandelt werden kann. Trotzdem scheint sich die Heimbehandlung zu bewähren. Knapp 300 Patientinnen und Patienten hat das Team seit April 2016 betreut.

Welcher von ihnen ihn am meisten beeindruckt habe, fragt man Matthias Jäger, den leitenden Psychiater des Teams. Er erzählt von einem Mann mit wahnhaften Verfolgungsängsten, der sich seit Monaten in seinen Keller zurückgezogen hatte oder in ein Zimmer mit heruntergelassenen Läden, nur die Familie durfte vorbeikommen und das Essen bringen.

«Der Mann wollte auf keinen Fall eine Einweisung, konnte sich aber nach einiger Zeit auf eine Behandlung bei sich zu Hause einlassen.» Leute aus dem Team hätten dann mit ihm trainiert, erst aus der Wohnung zu kommen, vor die Eingangstür zu gehen und immer weiter ins Quartier hinaus. «Zuletzt konnte er in eine ambulante Therapie und fand sogar wieder Arbeit.»

Angehörige als Belastung

Der dritte Hausbesuch an diesem Tag scheitert daran, dass die Patientin sich nicht an eine der wichtigsten Regeln hält: Sie öffnet nicht, als Fabian Meier bei ihr läutet. Er probiert es mehrmals, versucht es auf ihrer Telefonnummer daheim, schreibt ein weiteres SMS, wartet eine halbe Stunde lang im Auto unter einer Betonbrücke, umgeben von Betonblöcken. Er versucht es noch einmal, gibt auf für den Moment. Fabian Meier scheint ein geduldiger Typ zu sein, und diese Eigenschaft kann er in seiner Arbeit gebrauchen.

Am Nachmittag, als das Team an einem kahlen Tisch zusammensitzt und man sich gegenseitig aufdatiert über das, was wieder alles gelaufen oder immer noch nicht gelaufen ist, reagiert niemand auf die Verweigerung der Patientin von heute Morgen; denn sie ist Teil ihrer Symptomatik. Rechnungen bleiben unbezahlt, eingeschriebene Briefe häufen sich, und obwohl die Frau immer wieder versichert, sie wolle die Hilfe annehmen, scheint sie dazu nicht in der Lage zu sein. Andere haben kein Geld mehr fürs Handy oder schämen sich dermassen, wieder versagt zu haben, dass sie am liebsten gar niemanden sehen möchten.

Patienten und Patientinnen wenn immer möglich bei sich zu Hause zu behandeln, geht aus einer veränderten Wahrnehmung hervor, wie die Gesellschaft mit psychisch Kranken umgehen soll. Früher wurden sie dezentral in grossen ­Kliniken am Stadtrand betreut, zu denen auch die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich gehört; das psychische Leiden wurde also ausgegrenzt. Das Home- Treatment-Team geht den umgekehrten Weg, weil es die Patienten dort behandeln will, wo sie leben.

«Stillere Patienten kriegen viel weniger Zuwendung in der Klinik als zu Hause. Maniker, und Psychotiker dominieren die anderen auf der Station.»Will Adams, psychiatrischer Pfleger

Das hat seine Risiken. Die Angehörigen des Patienten könnten Teil seiner Belastung oder selber stark belastet sein, sagt Matthias Jäger, der Psychiater. «Auch bei einer akuten Suizidgefahr oder bei Suchtkranken mit Entzugssymp­tomen schliessen wir das Home Treatment aus.»

Dafür bietet das Home Treatment die beste mögliche Lösung für jene Leute, denen es in der Klinik nicht besser geht, sondern die sich dort gehen lassen, abhängig werden von der Betreuung, kaum etwas planen müssen. «Ausserdem bekommen vor allem stillere Patienten viel weniger Zuwendung in der Klinik als zu Hause», sagt Will Adams, der Engländer im Team: «Maniker, Psychotiker und andere Patientengruppen mit deutlichen äusseren Symptomen dominieren die anderen auf der Station.»

Am nächsten Morgen wird sich das Team wieder in der Klinik treffen. Die Fachleute werden die Medikamente für die Patienten zusammenstellen, um dann zu ihnen hinauszufahren. Vielleicht macht die eine Frau jetzt auf. Vielleicht lässt sich die andere auf einen längeren Spaziergang ein. Es geht ihr schon viel besser als damals, als sie nach einem Selbsttötungsversuch eingeliefert werden musste.

Sie glaubt es bloss nicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2017, 23:05 Uhr

Zahlen und Fakten

Psychische Erkrankungen

20,7% der Frauen und 15,1 Prozent der Männer in der Schweiz taxieren ihre psychische Belastung als «mittel» oder «stark». Gemäss dem Bericht «Psychische Gesundheit in der Schweiz – Monitoring 2016 » fühlen sich Frauen im Alter von 35 bis 49 Jahren am stärksten belastet, Männer im Alter von 50 bis 64 Jahren.

135 Pflegetage pro 1000 Einwohnerinnen gehen auf das Konto von Depressionen bei Frauen. Bei den Männern sind es bei der gleichen Diagnose 87 Pflegetage pro 1000 Einwohner.

401'000 Patientinnen und Patienten (ohne Kinder) suchten 2015 professionelle Hilfe bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten. Neun Jahre zuvor (2006) waren es erst 251'000. Seither hat die Zahl der Behandlungen jedes Jahr um 3 bis 8 Prozent zugenommen. Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. (nw)

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