Der verschmitzte Genetiker

Paul Nurse knackte den Code der Zellteilung und erhielt dafür 2001 den Nobelpreis. Mit seinem britischen Humor ist er heute ein exzellenter Botschafter der Wissenschaft.

«Ich bin nicht gut bei zielorientierten Projekten», sagt Paul Nurse im Kongresszentrum Basel. Bild: Urs Jaudas

«Ich bin nicht gut bei zielorientierten Projekten», sagt Paul Nurse im Kongresszentrum Basel. Bild: Urs Jaudas

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Die Krankheit, die Paul Nurse entdeckt hat, grassiert dieser Tage wieder. «Nobelitis» nennt der renommierte britische Zellbiologe das Gebrechen, an dem angeblich nur Nobelpreisträger – er selber hat den Preis 2001 erhalten – erkranken können. Laut Nurse äussern sich die Symptome einer Nobelitis dahingehend, dass man als Nobelpreisträger plötzlich zu allem befragt werde und sich dabei das Gefühl breitmache, allwissend zu sein. «Nobelpreisträger meinen, sie müssten zu allen Themen etwas sagen, auch wenn sie davon rein gar nichts verstehen», sagt er bei unserem Treffen im Rahmen des Kongresses Basel Life im September. Er selber, sagt Nurse und lacht dabei laut, versuche mit allen Mitteln, einer Nobelitis vorzubeugen.

Sein Schalk und Humor sind ein Markenzeichen von Paul Nurse. Selbst bei seinen Vorträgen gibt es für das Publikum immer etwas zu lachen. Vor allem kann er auch über sich selbst schmunzeln (mehr dazu später). Eine zweite herausstechende Eigenschaft von Nurse ist seine wissenschaftliche Hartnäckigkeit und Brillanz, ohne die er seine grund­legenden Entdeckungen zur Frage, wie sich Zellen teilen, nie hätte machen können. Eine dritte Kerneigenschaft ist seine Bescheidenheit. Er, der hochdekorierte Forscher, der von 2010 bis 2015 die altehrwürdige Royal Society präsidierte, der früher Präsident der Rockefeller University in New York war und heute das Francis Crick Institute in London leitet, er, der von der Königin noch vor seinem Nobelpreis geadelt wurde, er also, «Sir Paul», wie sie ihn alle nennen, gibt sich im persönlichen Gespräch als Mann ohne jegliche Allüren.

Universelle Zellzyklus-Maschinerie

Praktisch sein ganzes Forscherleben, von der Dissertation Anfang der 70er-Jahre bis heute, hat Paul Nurse einem einzigen Thema gewidmet: dem Zellzyklus. Dieser Begriff beschreibt die Prozesse, wie sich Zellen, die Grundeinheiten allen Lebens, teilen und fortpflanzen. Schon früh entdeckte Nurse einen Erbfaktor, der als eine Art Hauptschalter diese Prozesse steuert: das Gen cdc2. Nurse machte seine Entdeckung zwar «nur» in einem einzelligen Hefepilz, der Spalthefe Saccharomyces pombe, doch später stellte sich heraus, dass die Prozesse bei der Zellteilung in allen Pilzen, Pflanzen und Tieren sehr ähnlich ablaufen. So besitzen auch Menschen eine Version des cdc2-Gens plus noch weitere verwandte sogenannte CDK-Gene, die alle in die Steuerung des Zellzyklus involviert sind.

Der Zellzyklus ist einerseits ein zentraler Mechanismus für das Wachstum und die Entwicklung von Organismen. Andererseits spielt er auch bei Krankheiten eine wichtige Rolle, vor allem bei Krebs. Tumoren entstehen, wenn Zellen anfangen, sich unkontrolliert zu teilen, wenn also die Zellzyklus-Maschinerie, die Nurse entdeckt hat, die Zügel nicht mehr im Griff hat. Als er mit seiner Forschung anfing, hätte er nie daran gedacht, dass seine Erkenntnisse dereinst in Therapien münden könnten, sagt Nurse. «Ich wurde aber widerlegt.» Zwei neue Medikamente, welche die CDK-Eiweisse blockieren, sind seit diesem Jahr für die Behandlung spezieller Brustkrebsformen zugelassen, Palbociclib von Pfizer und Ribociclib von Novartis (noch nicht in der Schweiz). Weitere Wirkstoffe werden derzeit in grossen klinischen Studien erprobt. Nurse selber hat sich nie direkt an der Entwicklung von Medikamenten beteiligt. «Ich bin nicht gut bei ziel­orientierten Projekten, ich habe ein Entdeckungslabor.»

Studienobjekt von Paul Nurse: Spalthefe. Foto: MPI

Nurse kennt seine Stärken, steht aber auch zu seinen Schwächen. Fremdsprachen etwa. Sechsmal ist er bei der Französischprüfung durchgerasselt, die es zur Aufnahme an eine britische Uni brauchte. Erst als ein Professor ein wohlwollendes Wort für ihn einlegte, wurde er akzeptiert. «Irgendetwas in meinem Gehirn funktioniert nicht richtig», sagt Nurse, der sich deswegen manchmal fast ein wenig schämt. Lustig oder fast schon absurd findet er in diesem Zusammenhang hingegen, dass er sowohl den Beirat des Institut Pasteur als auch denjenigen des Institut Curie präsidierte und dafür einen französischen Verdienstorden (Légion d’Honneur) erhalten hat.

Ein Wort kennt Nurse trotz seiner Sprachenschwäche sogar auf Schweizerdeutsch: «joooojoooo». Dieses lang gedehnte «Ja» lernte er in Bern, wo er sich unmittelbar nach seiner Doktorarbeit während eines halben Jahrs im Labor des Genetikers Urs Leupold in die Geheimnisse der Spalthefe einführen liess. Seither hat er fast schon eine innige Beziehung zur Schweiz. Sei es als passionierter Gleitschirmflieger in den Alpen, als Beirat des Biozentrums in Basel oder als Käseliebhaber. «Ich liebe Fondue», sagt Nurse. «Ich bin jedes Jahr vier oder fünfmal in der Schweiz.»

Als Nobelpreisträger erhält Paul Nurse bis zu 1000 Anfragen pro Jahr.

Der Nobelpreis, den er 2001 zusammen mit seinem Freund Tim Hunt für seine Arbeiten zum Zellzyklus erhielt, hat sein Leben verändert. Ein Nobelpreis sei wie ein neuer Job, sagt Nurse. Er erhalte bis zu 1000 Anfragen jedes Jahr für Besuche, um Vorträge zu halten oder etwas zu eröffnen. «Das ist völlig absurd.» Natürlich müsse er die meisten Anfragen ablehnen. Trotzdem engagiert er sich auch stark in der Öffentlichkeit. Wissenschaftler müssten sich auf die Anliegen der Bürger und Politiker einlassen, sagt Nurse. «Wir müssen klarmachen, warum die Wissenschaft so wichtig ist für die Gesellschaft.» Für ihn sind es vor allem kulturelle Gründe, die Wissenschaft gehöre zur Kultur der Zivilisation. Nurse sei einer der überzeugendsten Wissenschaftsbotschafter in Europa, lobte ihn Susan Gasser, Direktorin des Friedrich-Miescher-Instituts in Basel und Initiantin des Basel-Life-Kongresses, an dem Paul Nurse den Eröffnungsvortrag hielt.

Genetische Überraschung

Nurse ist seit 1971 mit einer Lehrerin verheiratet, die beiden haben zwei Töchter, eine Hochenergiephysikerin und eine Journalistin beim Fernsehen. Ein ganz normales Familienleben also. Wäre da nicht der völlig unerwartete Dreh in seinem Leben, der den heute 68-Jährigen vor rund zehn Jahren überwältigte. Damals, als Präsident an der Rockefeller University, beantragte er in den USA eine Greencard. Diese wurde aber wegen einer mangelhaften Geburtsurkunde abgelehnt. Er bestellte in England eine detailliertere Urkunde – und da war sie, die grosse Überraschung. Nicht seine Mutter war seine leibliche Mutter, stand auf dem Zertifikat, sondern seine 18 Jahre ältere Schwester. Diese hat ihn, Paul, bei einer Tante geboren, alle wurden zur Verschwiegenheit verpflichtet. Beim Feld «Vater» war auf der Urkunde nur ein Strich. Das erklärte im Nachhinein viel, sagt Nurse. Er wuchs in einer Arbeiterfamilie auf, war aber der Einzige, der eine akademische Karriere einschlug. «Ich habe mich immer ein wenig anders gefühlt.»

Und als er seine persönliche Geschichte erzählt, ist er wieder da, der Schalk. «Ich bin Genetiker», sagt Nurse, «aber meine eigene Genetik habe ich fast mein ganzes Leben lang nicht verstanden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2017, 21:06 Uhr

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