«Der Zugzwang nimmt zu»

Für den Psychotherapeuten Theodor Itten hat das Endspiel zwischen Donald Trump und Kim Jong-un begonnen. Bei den Drohgebärden spiele auch Lustgewinn mit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Nordkorea-Krise folgt eine Drohgebärde der nächsten. Der amerikanische Präsident Donald Trump will den Druck auf das Regime in Pyongyang ­weiter erhöhen und «die volle Bandbreite der diplomatischen, konventionellen und nuklearen Möglichkeiten» einsetzen. Diktator Kim Jong-un liess ­darauf ausrichten, Nordkoreas neuer Atomtest sei «ein Geschenkpaket an die USA». Drohgebärden sind für Theodor Itten, der seit rund 40 Jahren als Psychotherapeut in St. Gallen wirkt, ein Akt des Scheiterns.

Was wollen Menschen psychologisch gesehen mit solchen Drohgebärden erreichen?
Einschüchterung. Es geht darum, zu sagen: Ich habe die Macht über dich. Ich bestimme, wie es weitergeht. Ich bestimme, wie du dich zu verhalten hast. Auf der Ebene zweier Staaten ist das noch einmal viel komplexer als zwischen einzelnen Menschen.

Wie wichtig ist die Drohgebärde in der Eskalation eines Konfliktes?
Vor der Drohung kommt die Warnung. Doch die Warnungszeit ist im Nord­korea-Konflikt vorbei. Es wird nur noch gedroht. Mit der Drohung ist es so: Wenn man keinen Vertrauens- oder Glaubwürdigkeitsverlust in Kauf nehmen will, dann muss man das tun, was man angedroht hat, falls die andere Person oder Nation die diktierten Bedingungen nicht erfüllt.

Das heisst, ich setze mich auch selbst unter Druck, nicht nur den anderen?
Richtig. Ich komme in ein Entweder-oder-Dilemma. Entweder du machst das jetzt so, und falls nicht, dann gibt es Konsequenzen. Oder man knickt ein. Der Zugzwang wird mit jedem Tag grösser, und im Korea-Konflikt können wir frei nach Beckett sagen: Das Endspiel hat begonnen. Wenn ich irgendwann nicht mache, was ich androhe, dann werde ich beim nächsten Mal nicht mehr ernst genommen. Ich erlebe einen Gesichtsverlust. In der asiatischen Kultur ist ein Gesichtsverlust dramatisch und ein grosser psychologischer Faktor. Das treibt die Spirale der Drohgebärden weiter an. Es klingt trivial, aber das müssen die Leute um Trump einfach wissen.

Offensichtlich ist das System der Drohgebärden nicht aus der Welt des Menschen zu schaffen. Somit dürfte es sich doch um ein ­erfolgreiches System im ­menschlichen Sozialleben handeln.
Mit den eskalierenden Drohgebärden ­gestehen sich die Beteiligten ein, dass der vorherige Dialog gescheitert ist. Sie haben schon recht: Das Drohen und die Machtlust über die anderen, verbunden mit Vernichtungsfantasien, verschwinden leider nicht.

Sie sind ein Experte für Jähzorn. Wie wirkt sich diese Eigenschaft auf das Drohgebaren eines ­Menschen aus?
Jähzorn ist ein Teil unterdrückten Zorns, wenn jemand nicht zu seinen heftigen Gefühlen steht. Wenn wir verfolgen, was zwischen diesen verschiedenen Repräsentanten der Macht, die sich gegenseitig bedrohen, abgeht, ist Jähzorn und Grössenwahn eine kurzfristig funktionierende Einschüchterungstaktik. Diese Leute fühlen sich kurzfristig wie Gott auf Erden.

Karikatur: Joep Bertrams, Niederlande

Wodurch ist aus psychologischer Sicht die Drohgebärde getrieben?
Durch Angst, Aggression, Hass, Feind­seligkeit. Wenn ich mich vorher nicht wahrgenommen, beachtet, respektiert gefühlt habe in meiner Art, entstehen alle diese negativen Emotionen. Das Verhalten entsteht im Kontext. Da spielen Weltdominanz-Fantasien eine Rolle, die gespeist werden aus Minderwertigkeitsgefühlen. Wo man herkommt, was man erlebt hat und so weiter. Der grosse Unterschied zwischen Trump und Kim ist: Kim ist der dritte in einer Tradition seit seinem Grossvater. Der denkt dynastisch und wurde dahingehend erzogen. Trump ist in einer ganz anderen Kultur als Präsident gewählt worden und muss sich erst einmal durchsetzen. Trump ist vielleicht ein bisschen gestörter in ­seinem Selbstwertgefühl. Kim lebt da in einer ganz anderen Denk- und Gefühlswelt.

Wie kann Angst die Wahrnehmung einer Drohgebärde beeinflussen und die Reaktion auf sie?
Die Angst kann Wut auslösen. Sowohl Trump als auch Kim haben Angst, dass sie die Sache nicht mehr im Griff haben. Grössenwahnsinnige wollen eigentlich alles im Griff haben, merken aber, dass sie das nicht schaffen. So wird das gegenseitige Drohen gefährlicher.

Ist noch ein Rest von Vernunft dabei oder zu erwarten?
Nicht bei diesen Protagonisten. Dabei führt der jetzige Prozess ganz sicher nur zur Zerstörung. Ein Leerlaufenlassen wäre zwingend. Dann könnten die Nordkoreaner sagen, wir wollen endlich anerkannt werden, dass wir Muskeln haben, Kraft haben. Dass wir vom Koreakrieg 1950 bis 1953 noch verwundet sind und keinen Friedensvertrag haben.

«Eigentlich ist bei beiden psychotherapeutisch Hopfen und Malz verloren.»Theodor Itten, Psychotherapeut

Psychologisch gesehen müsste man also diese Spirale der Emotion auflösen?
Das ist auf einer politischen Ebene leider selten machbar, mit den ganzen komplexen Hintergründen, wirtschaftlich, politisch, historisch.

Wie reagieren Menschen wie Trump oder Kim auf Drohgebärden? Anders als andere aufgrund ihres Persönlichkeitstypus?
Ja, ganz sicher. Weil sie erstens in einer Machtposition sind und ihrem aufgeblasenen Selbst geschuldet. Trump sagt ja auf die Frage, ob er ein Vorbild hat: Ja, wenn ich von meinem Schreibtisch aufschaue, blicke ich in einen Riesenspiegel, und da sehe ich mich. So ein Mensch reagiert sehr gekränkt, wenn einer wie Kim die Angstmacherei einfach zurückgibt. Kim reagiert dynastisch, wie ein König, der hat eine ganz andere Denkweise, der ist sehr asiatisch gebildet. Der will einfach ernst genommen und respektiert werden. Trump hingegen wird wütend, weil sich dieser junge Typ von 32 Jahren nicht von ihm einschüchtern lässt. Kim lacht, fühlt sich als der Listigere und führt Trump, den Präsidenten, vor. Das ist ja das Grausame für Trump als 71-Jährigen, der immer bestimmen konnte und jetzt Präsident der grössten Weltmacht ist – und der Bedrohte knickt nicht ein.

Verspüren Leute wie Trump oder Kim sogar einen Lustgewinn, wenn sie sich gegenseitig in Drohgebärden befeuern?
Ganz klar. Zumal sie jetzt die volle Aufmerksamkeit der ganzen Welt haben, mit jedem Muskelspiel mehr. Dies reicht diesen pathologisch grössenwahnsinnigen Typen nicht, es ist wie ein Fass ohne Boden.

Wen von beiden, Trump oder Kim, hätten Sie gerne auf Ihrer Couch?
Also wenn ich einen wählen könnte, der seelenkundlich interessanter wäre, dann würde ich Kim Jong-un wählen, um sein Leben und seine Kulturgeschichte kennen zu lernen. Um herauszufinden, ob er nicht andere Verbündete suchen könnte, um sein Land wieder zu vereinigen. Kim ist jünger, er hat noch andere Möglichkeiten als ein 71-Jähriger, der sehr stark eingefahren ist in seinen Dominanzansichten und sehr stark eingenommen ist von seinem Lebenswerk. Doch eigentlich ist bei beiden psychotherapeutisch Hopfen und Malz verloren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2017, 18:22 Uhr

Theodor Itten
Der Psychotherapeut ist Autor von diversen Büchern zum Thema Grössenwahn und Jähzorn.

Artikel zum Thema

Was im Nordkorea-Konflikt wirklich passiert

Infografik Führerkult, Nuklearkriegs-Drohung, Militär-Fanatismus: Woher stammt der Konflikt mit Nordkorea und was steht auf dem Spiel? Ein interaktives Erklärstück. Mehr...

Was eine Wasserstoffbombe so gefährlich macht

Die Explosionen beweisen, dass Nordkoreas Atomprogramm weiter fortgeschritten ist, als Sicherheitsexperten angenommen haben – auch wenn es keine H-Bombe gewesen sein sollte. Mehr...

Zwei Egos spielen mit dem Feuer

Nordkorea droht den USA mit Atombomben, die USA drohen Nordkorea mit Atombomben. Kim Jong-un will Amerika Angst machen, Donald Trump legt die Folterwerkzeuge auf den Tisch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Mamablog Mit Kindern über Flüchtlinge reden

Nachspielzeit Beim Foulpenalty ist zu vieles faul

Die Welt in Bildern

Hoch über dem Alltag: Eine Frau sitzt auf einer Hängebrücke und blickt hinunter auf den Schlegeis-Stausee bei Ginzling in Österreich. (21. Oktober 2018)
(Bild: Lisi Niesner) Mehr...