Die Deppen sind immer die anderen

Politische Kontrahenten streiten sich sogar über harmlose Sinnsprüche, wenn sie der Falsche äussert. In polarisierten Zeiten lassen sich immer weniger Menschen auf konstruktive Debatten ein.

Politische Gegner haben selten etwas zu lachen: Donald Trump und Hillary Clinton an einer Veranstaltung im Wahlkampf im Oktober 2016. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Politische Gegner haben selten etwas zu lachen: Donald Trump und Hillary Clinton an einer Veranstaltung im Wahlkampf im Oktober 2016. Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

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Kämpfer aller Lager giessen in den sozialen Medien Verachtung übereinander aus. In der polarisierten Gegenwart entzweien sich Menschen sogar über Kalendersprüche, denen sie inhaltlich eigentlich zustimmen. Eine Aussage mag ideologisch unverfänglich sein – wenn sie aber aus dem falschen Mund stammt, kann sie Ablehnung provozieren. Das berichtet Paul Hanel von der britischen Universität Bath im «Journal of Experimental Social Psychology».

Die andere Seite hat nie recht, so der Reflex, vor allem nicht, wenn es um hoch emotionale Themen geht wie Migration, die Geschlechterdebatte, das Trump-Theater, den Brexit oder Populismus. «Aber sogar triviale Aussagen können polarisieren», sagt Hanel. Zum Beispiel: «Ohne Leidenschaft hast du keine Energie, ohne Energie hast du nichts.» Ein unverfänglicher Spruch? Er stammt von Donald Trump.

Bewerten Menschen harmlose Aussagen unterschiedlich, wenn diese von Mitgliedern ihrer eigenen oder denen einer fremden Gruppe stammen? Um diese Frage zu beantworten, legten die Psychologen zum Beispiel Atheisten und gläubigen Christen Sinnsprüche vor, die aus der Bibel oder von griechischen Philosophen stammten. Nach dem gleichen Prinzip sollten US-Demokraten und US-Republikaner versöhnliche Aussprüche von Politikern wie Hillary Clinton, Barack Obama, Sarah Palin oder Donald Trump bewerten. Mal nannten die Forscher den mehr als 2000 Teilnehmern die korrekte Quelle eines Spruchs, mal eine falsche, mal gar keine.

Griechen, Christen, Atheisten

Atheisten stimmten Sprüchen in geringerem Ausmass zu, wenn es hiess, dass diese aus der Bibel stammten. Das galt auch, wenn das gar nicht stimmte und ein griechischer Philosoph Urheber war. Das gleiche Bild ergab sich unter US-Bürgern, die Aussagen hochrangiger Demokraten und Republikaner bewerteten. Sie stimmten vor allem dann zu, wenn die Aussagen von einem Vertreter ihrer Partei stammten. «Es geht also vor allem darum, wie die Zitate gelabelt sind», sagt Hanel, «und nicht darum, was sie aussagen.»

Glühende Verfechter oder Gegner einer Sache reagieren besonders empfindlich, wenn sich die Konkurrenz äussert. Griechische Philosophen provozieren unter Christen hingegen geringere Ablehnung als Bibelstellen unter Atheisten. Und wie sich in einem weiteren Experiment zeigte: Der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn ist eine stärkere Reizfigur als die hölzerne Theresa May. Plattitüden aus dem Mund der Premierministerin provozierten bei politischen Gegnern geringere Ablehnung.

Oft unterscheiden sich die Haltungen nur marginal

Keine Rolle spielte, wie lange die Probanden über die vorgelegten Sprüche nachdenken konnten. Egal wie viel Zeit sie darauf verwandten, einen Sinnspruch in ihren Geist sickern zu lassen, über Ablehnung oder Zustimmung entschied die Quelle. Auch der Bildungsgrad spielte keine Rolle: Egal wie gut der Uniabschluss war, auf den Effekt hatte das keine Auswirkung.

«Der Grossteil der markantesten Passagen in Politikerreden besteht aus Gemeinplätzen ­sowie moralisch aufgeladenen Behauptungen und nicht aus echten Argumenten», schreiben die Wissenschaftler. Das gilt ebenfalls für Slogans auf Wahlplakaten, die ohne Herkunftsbezeichnungen oft nur Floskeln sind: «Zu unseren Werten stehen», «Für eine starke Schweiz», «Aus Liebe zur Schweiz» – fehlt das Parteilogo, sagen diese Slogans gar nichts. Mit Kennzeichnung wecken sie hingegen Emotionen, gute wie schlechte.

Ein weisser Mann, der Rassismus ­verurteilt? Buh, unerhört!

Für viele Themen gelte zwar, dass sich die Haltungen von Konservativen und Progressiven oder Christen und Atheisten nur marginal unterscheiden, schreiben die Psychologen um Hanel. Aber alle Seiten neigen dazu, die jeweils andere für grundverschieden zu halten. Scheinbar vernageln sich die Menschen dagegen, die vielen Schnittmengen zu erkennen, und lehnen Aussagen ab, nur weil sie vom falschen Absender stammen. Die Formel lautet: Wenn der falsche Mensch etwas Richtiges sagt, dann ist das Gesagte automatisch wertlos. Ein weisser Mann, der Rassismus verurteilt? Buh, unerhört, so einer hat nichts mehr zu melden!

«Durch derartige Polarisierung sinkt die Wahrscheinlichkeit einer politischen Einigung – selbst bei einer grundsätzlichen inhaltlichen Überlappung», sagt Hanel. Für Debatten in der Öffentlichkeit könnte es ratsam sein, so überlegt der Psychologe, die politische Haltung nicht von Beginn an offenzulegen. Das könnte die Chance erhöhen, dass der Gesprächspartner eine Weile unvoreingenommen zuhört.

Linke und Rechte verleugnen Fakten gleich vehement

Wir gegen die anderen: Wie stark dieses Denken die Bewertung von Vorgängen und Inhalten beeinträchtigt, haben Forscher in der Vergangenheit zig Mal be­obachtet. In den 1960er-Jahren demonstrierte der israelische Psychologe George Tamarin, wie die Quelle einer Geschichte moralische Urteile verzerren kann. Er legte etwa 1000 Schülern jüdischen Glaubens eine alttestamentarische Geschichte aus dem Buch Josua vor. Darin wird geschildert, wie der israelitische Anführer nach der Eroberung einer Stadt sämtliche Bewohner töten lässt, Frauen, Kinder, Männer und Tiere. 60 Prozent der ­befragten Schüler hielten das Massaker für gerechtfertigt. Behauptete der Psychologe jedoch, die Passage beschreibe Taten, die der chinesische General Lin vor 3000 Jahren befehligt hatte, fiel das Urteil anders aus: Nur mehr 7 Prozent der Schüler hielten das Massaker für vertretbar.

In einer Studie aus dem Jahr 2012 fanden denn auch Israelis und Palästinenser einen exakt gleichen Friedensplan für den Nahostkonflikt deutlich weniger überzeugend, wenn er vermeintlich von der jeweiligen Gegenseite ausgearbeitet worden war.

Linke und Rechte verweigern sich im Übrigen mit gleicher ­Vehemenz wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ihren Überzeugungen widersprechen. Den einen treiben Themen wie Evolution oder Klimawandel die Scheuklappen vor den Geist, die anderen schäumen bei Studien zu Gentechnik, Impfen oder zu genetischen Veranlagungen des Menschen. Wie Psychologen um Peter Ditto von der University of California in Irvine kürzlich zeigen konnten, gehen Konservative und Progressive gleichermassen geschmeidig mit Fakten um, wenn ihre Haltungen infrage gestellt werden. Zudem sind beide Seiten überzeugt, dass nur die anderen voreingenommen seien und durch getönte Filter auf die Welt blickten. Die Deppen sind immer die anderen, natürlich.

Das Fazit der Psychologen um Paul Hanel fällt pessimistisch aus. Wie sollen die Konfliktparteien in zunehmend polarisierten Gesellschaften zu einer zivilisierten Debatte zurückfinden, fragen die Forscher, wenn sie nicht mal ideologisch unverdächtige Sprüche aus dem Munde der anderen ertragen können? Nun, wie heisst es doch: «Unter den Übermütigen ist immer Streit; aber Weisheit bei denen, die sich raten lassen.» Woher dieses Sprüchlein stammt? Wird lieber nicht verraten.

Erstellt: 16.09.2018, 18:53 Uhr

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