Die dunkle Seite der Empathie

Mitgefühl zu haben, ist nicht nur positiv. Warum Menschen mit besonderem Einfühlungsvermögen dazu neigen, politische Gegner zu verteufeln.

Mitgefühl kann sich auf die Mitglieder des eigenen Lagers beschränken: Klimastreikende in Antwerpen. Foto: Keystone

Mitgefühl kann sich auf die Mitglieder des eigenen Lagers beschränken: Klimastreikende in Antwerpen. Foto: Keystone

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Gefühlt hat sich Empathie zu einem Aspirin des sozialen Miteinanders entwickelt. Die Fähigkeit, Emotionen anderer nachzuempfinden und Mitgefühl zu zeigen, gilt als Allheilmittel für gesellschaftliche Widrigkeiten. Erst diagnostizieren Diskutanten einen Mangel an Empathie, um Schieflagen und Konflikte zu erklären, und verschreiben dann als Linderung eine Dosis Mitgefühl: Es brauche mehr Empathie, um zerrissene Gesellschaften wieder zusammenzuführen und Demokratien zu retten, heisst es dann etwa.

Barack Obama setzte zum Beispiel schon vor seiner Zeit als Präsident rhetorisch auf diese Therapie, sprach als junger Senator von einem «Empathie-Defizit» in der US-Gesellschaft und empfahl, entsprechend gegenzusteuern. Nun verhält es sich mit der Empathie aber wie auch mit Aspirin und jeder anderen Arznei: Allheilmittel existieren nicht, und nichts ist ohne Nebenwirkung.

Tatsächlich hat die Wissenschaft zuletzt einige dunkle Seiten der Empathie ans Licht gebracht. Gerade haben etwa Sozialwissenschaftler um Elizabeth Simas von der Uni Houston eine Studie veröffentlicht, laut der die Fähigkeit zu empathischem Mitgefühl destruktiv auf Gesellschaften wirken könnte. Menschen mit besonderem Einfühlungsvermögen neigen demnach auch dazu, die politische Gegenseite besonders zu verteufeln.

Das Wir-gegen-sie-Gefühl verstärkt sich

Die Ergebnisse der Studie mit mehr als 2000 Teilnehmern legten nahe, dass die «Auswirkungen von empathischem Vermögen nicht so positiv sind, wie es gemeinhin angenommen wird», schreiben die Forscher im Fachjournal American Political Science Review.

Zunächst klingt das nach einem Widerspruch. Sich in sein Gegenüber einzufühlen, sollte schliesslich Nähe statt Distanz herstellen. Allerdings empfänden Menschen Empathie auf «verzerrte Weise», so die Forscher um Simas: Mitgefühl wecken besonders die Leiden und Sorgen der eigenen Leute und weniger die fremder Gruppen. In politisch polarisierten Gesellschaften wie etwa den USA vertieft sich gegenwärtig das Wir-gegen-sie-Gefühl. Platt gesagt, denken immer mehr Menschen: Wir sind die Guten und die anderen die Bösen, die uns Leid zufügen wollen. Empathisches Mitgefühl richtet sich dann verstärkt auf die Mitglieder des eigenen Lagers, während die Positionen der Gegenseite vor allem Wut, Ablehnung oder gar Hass provozieren. Schliesslich sind die anderen die Täter, wir ihre Opfer.

Menschen mit besonderem empathischen Vermögen scheinen dafür besonders anfällig zu sein, zeigen die Forscher. Hoch empathische Teilnehmer der Studie befürworteten zum Beispiel auf Nachfrage auch eher, Vorträge der ideologischen Gegenseite an Universitäten zu verhindern. Und zwar auf beiden Seiten des politischen Spektrums.

Die Empathie entfalte dann destruktive Kraft und wirke als Brandbeschleuniger, wenn Gesellschaften in Lager und Identitätsgruppen zerfallen, so das Argument der Forscher. Dann nämlich zeigen alle mit dem Finger aufeinander, fühlen sich von der jeweiligen Gegenseite drangsaliert und konzentrieren ihre empathische Fürsorge auf die eigenen Leute. Gespaltene Gesellschaften leiden also weniger unter einem Empathie- als an einem Wir-Defizit.

Erstellt: 12.12.2019, 17:37 Uhr

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