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Die erfundenen Kranken

Ein Studie, wonach Psychiater falsch behandelten, löste in der Zunft einen Schock aus – und Reformen. Aber sie war ein Fake.

Saint Elizabeth’s Hospital, 1917. Foto Harris & Ewing / Library of Congress
Saint Elizabeth’s Hospital, 1917. Foto Harris & Ewing / Library of Congress

Seine Idee war originell: David Rosenhan, Professor für Psychologie an der kalifornischen Stanford-Universität, schickte acht gesunde Menschen in psychiatrische Kliniken. Beim Erstgespräch sollten sie von Stimmen in ihrem Kopf berichten, dann aber keine Symptome mehr zeigen und dem Personal erklären, sie fühlten sich gesund. Rosenhan, der selber am Experiment teilnahm, wollte herausfinden, wie lange die falschen Patienten in der Klinik bleiben mussten.

Die Resultate des «Rosenhan Experiment», 1973 vom angesehenen Wissenschaftsmagazin «Science» ver­öffentlicht, schockierten die Fachwelt, brachten die Psychiatrie unter Generalverdacht und bestätigten die Ver­mutung vieler Patienten, falsch behandelt zu werden.

Es dauerte nämlich im Durchschnitt 19 Tage, bis die eingebildeten Kranken die Klinik wieder verlassen durften. Eine Frau blieb 52 Tage lang interniert. Fast alle waren nach dem Erstgespräch als psychotisch eingestuft worden. Selbst bei der Entlassung stuften ihre Ärzte sie nicht als geheilt ein, bloss als gebessert.

Der Autorin war selbst eine falsche Diagnose gestellt worden

David Rosenhan vertrat die Ansichten der Antipsychiatrie, die in Italien besonders aktiv war, aber auch in den USA oder Frankreich viele Anhänger hatte. Der französische Philosoph Michel Foucault gehörte dazu und der schottische Psychiater Ronald Laing. Sie hielten psychiatrische Kliniken für reine Verwahrungsanstalten und erklärten das psychische Leiden zum diagnostischen Konstrukt.

Rosenhans Studie nährte den Verdacht, die Fachleute gäben sich keine Mühe, eine Diagnose nachzuprüfen. Solches kommt sicher vor. Nur hat sich die Studie als Fälschung er­wiesen. Denn wie ein neues Buch über David Rosenhan zeigt, hat es die falschen Patienten nie gegeben. Die Ironie des Buches liegt darin, dass Susannah Cahalan, die Autorin, eine Verehrerin von Rosenhan war; sie selber hatte in einer Klinik eine falsche Diagnose bekommen. Deshalb beschloss sie, den von ihr so be­wunderten Psychiatriekritiker zu porträtieren. Sie konnte Rosenhan nicht mehr befragen, er war 2002 mit 82 Jahren gestorben.

Manchen Menschen mit psychischen Problemen kann nur in einer Klinik geholfen werden.

Je länger die Journalistin über den Psychologen recherchierte, desto grösser wurden ihre Zweifel an seiner Studie. So konnte sie keinen der falschen Patienten ausfindig machen, der am Experiment teilgenommen haben sollte. Zudem brachte Rosenhan das Buch nie zustande, das er über sein Experiment hatte schreiben sollen; er hätte zu viel erfinden müssen. Und der Uni galt er als Täuscher. «Um das vermeintliche Lügengebäude der Psychiatrie zum Einsturz zu bringen», kommentiert der «Spiegel» Callahans Biografie, «hatte Rosenhan selbst ein Geflecht aus Lügen gesponnen.»

Auch eine falsche Studie kann richtige Entscheide auslösen: Das psychiatrische Establishment erweiterte – unter anderem als Reaktion auf Rosenhans Behauptungen – die bekannten 182 psychischen Krankheitsbilder auf 265; man differenzierte also die Diagnosen.

Natürlich machen Ärzte Fehler, werden Medikamente zu schnell verschrieben. Aber die Forderung der Antipsychiatrie, die Patienten zu entlassen, liess sich auch nicht realisieren; die meisten Kranken kehrten zurück, blieben auf Hilfe und Schutz angewiesen. Manchen Menschen mit psychischen Problemen kann nur in einer Klinik geholfen werden. Von Psychiaterinnen, Psychologen und Pflegern, die sich für sie engagieren.

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