Die ersten 1000 Tage entscheiden, ob ein Kind dick wird

Was Kinder bis zum zweiten Geburtstag essen, kann sich lebenslang auf ihre Gesundheit auswirken. Das gilt bereits in der Schwangerschaft.

Dem Kind Gesundes vorzusetzen reicht nicht – die Eltern müssen mit gutem Beispiel vorangehen: Vater und Sohn beim Essen. Foto: Getty Images

Dem Kind Gesundes vorzusetzen reicht nicht – die Eltern müssen mit gutem Beispiel vorangehen: Vater und Sohn beim Essen. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Mensch wäre ja oft gern weniger Tier. Trotzdem beginnt dieser Text mit einem Affen. Einem jungen Orang-Utan. «Der lernt von seiner Mutter, welche Pflanzen sich im Urwald als Nahrung eignen», sagt der Hamburger Internist und Ernährungsmediziner Matthias Riedl. Was ist bekömmlich? Was schädlich? Oder gar giftig? In den ersten beiden Jahren ihres Lebens entwickeln sich auf diese Art die Ernährungsgewohnheiten der Affen. Was sie in dieser Zeit nicht kennenlernen, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch später nicht auf ihrem Speiseplan landen. «Diese Prägung läuft bei allen Primaten ähnlich ab», erklärt Riedl, «also auch beim Menschen.»

Tatsächlich festigt sich in der Medizin die Annahme, dass die frühkindliche Lebensphase in Sachen Ernährung entscheidender sein könnte als bisher gedacht. Als «Theorie der tausend Tage» gewinnt sie zunehmend an Popularität. Das klingt nach einem findigen Marketingslogan, entspricht aber schlicht der Zeitspanne vom Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende des zweiten Lebensjahrs. «Über diese Zeit haben wir in den vergangenen Jahren viel dazugelernt», sagt Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung am Kinderspital der Universität München. Die wichtigste Erkenntnis: Die Ernährung in dieser Zeitspanne wirkt sich lebenslang auf die spätere Gesundheit eines Menschen aus.

Sie beeinflusst zum Beispiel das Risiko für Übergewicht und Adipositas, aber auch für Bluthochdruck, Insulinresistenz, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma oder Allergien. Diese Erkrankungen gehören zu den häufigsten Leiden, mit denen sich Erwachsene herumplagen. Insbesondere Adipositas ist ein gewaltiges Problem: Krankhafte Fettleibigkeit wird mit mehr als 60 Krankheiten in Verbindung gebracht und kostet Betroffene viele Lebensjahre. Gegen ihre überschüssigen Kilos kommen Erwachsene mit Diäten kaum an – wie sehr sie sich auch bemühen, langfristige Erfolge sind selten, weil die Krankheit den Körper und seinen Hormonhaushalt auf vielfältige Weise verändert. «Übergewicht zu bekämpfen ist sehr viel schwieriger, als ihm vorzubeugen», sagt der Mediziner Koletzko.

Überfluss wirkt sich auf den Fötus aus

Genau das könnte man in der sensiblen Phase vor und nach der Geburt tun – effektiver als zu jeder anderen Zeit im Leben. Die metabolische Programmierung beginnt bereits im Mutterleib, wo die ersten 270 der 1000 Tage stattfinden. Um ihre Bedeutung zu verstehen, muss man sich zwei Dinge vergegenwärtigen. Erstens: Ein heranwachsender Mensch entsteht aus den Bausteinen der Körper seiner Eltern. Zweitens: Sowohl ein Mangel als auch ein Überfluss wirken sich direkt auf den Fötus aus. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Folsäure. Ist die Mutter schon bei der Zeugung des Kindes gut mit Folsäure und Eisen versorgt, beeinflusst das den Stoffwechsel des Kindes günstig und senkt das Risiko für späteres Übergewicht.

Ein Mangel hingegen erhöht das Risiko für schwere Missbildungen wie einen offenen Rücken oder fehlende Gehirnteile. Forscher entdecken immer mehr solcher Zusammenhänge. Jodmangel etwa lässt das Nervengewebe schlechter wachsen. Reichlich Omega-3-Fettsäuren fördern dagegen die kognitive Entwicklung des Kindes. Süsse, fettreiche und stark verarbeitete Lebensmitteln haben den gegenteiligen Effekt.

Schon im Mutterleib ist ausserdem eine Überernährung des Kindes möglich. Übergewichtige Mütter prägen ihre Kinder durch eine Veränderung der epigenetischen Informationen auf Diabetes und Übergewicht. Ihre Kinder haben später ein 3,5-fach höheres Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken und selbst übergewichtig zu werden. «Viele dieser Kinder zeigen bereits im Grundschulalter Störungen des Zuckerstoffwechsels», sagt Matthias Riedl, der Hamburger Ernährungsmediziner.

Die Rolle der Väter

Obwohl sie nicht gebären, sind Väter übrigens nicht automatisch fein raus: Studien zeigen, dass Töchter von übergewichtigen Vätern häufiger Brustkrebs bekommen. Sind Männer hingegen übermässig mit Vitamin B12 oder Folsäure versorgt – was beim Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln schnell passiert – kann das die Lern- und Gedächtnisfähigkeit ihrer Nachkommen schwächen. Auch psychischer Stress wirkt sich aus: Er führt bei Männern häufig zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel. Vererben sie diese Stoffwechselstörung an ihre Kinder, können schon Babys erhöhte Blutzuckerwerte haben.

Wenig bekannt ist auch, dass Kinder bei ihren Müttern mitessen und mitschmecken. Was bei ihnen auf den Teller kommt, gelangt über das Fruchtwasser und später die Muttermilch zum Kind. Das gilt auch für Aromen: Forscher aus den USA konnten zeigen, dass Säuglinge, deren Mütter während der Schwangerschaft und Stillzeit viel Karottensaft tranken, im Kleinkindalter lieber Getreideflocken mit Karottenaroma assen als die Kinder, deren Mütter es nicht taten.

«Es ist also sehr sinnvoll, das Kind schon im Mutterleib mit einer grossen Vielfalt gesunder Nahrungsmittel vertraut zu machen», rät Riedl, der sich für sein Buch «Die Macht der ersten tausend Tage», das im Februar erscheint, intensiv mit dem Thema befasst hat. Spannend daran: Neben den medizinischen Studien hat er auch Erkenntnisse aus der Psychologie und Pädagogik mit einbezogen. Sie helfen, wenn das Kind auf der Welt ist. Dann nämlich geht die Prägung munter weiter – zunächst über die Säuglingsnahrung.

Stillen ist unbestritten das Beste

Unter Experten gilt dabei recht unstrittig der Grundsatz: «Breast is best». Sie empfehlen, Babys nach Möglichkeit mindestens sechs Monate zu stillen. Der Cocktail aus Antikörpern, Proteinen, Enzymen, Hormonen, Fettsäuren und Wachstumsfaktoren aus der Muttermilch ist unerreicht und lässt sich bisher nicht kopieren. Die positive Wirkung des Stillens auf das Immunsystem ist gut belegt, gestillte Kinder bekommen zum Beispiel seltener Infekte, Diabetes vom Typ 1 und entzündliche Darmerkrankungen. Auch ein Zusammenhang mit dem späteren Gewicht gilt als sehr wahrscheinlich. Vermutlich liegt das am höheren Proteingehalt von Ersatzmilch. Studien zeigen, dass Kinder, die Ersatzmilch erhalten, im Alter von sechs Jahren einen deutlich höheren Body-Mass-Index haben als gestillte Kinder. Auch ihr Risiko für Übergewicht liegt signifikant höher.

Mit Beginn der Beikost geht es dann richtig rund (Stichwort: Orang-Utan) – mit dem Unterschied, dass der Dschungel des Menschen der Supermarkt ist. Jetzt zählen vor allem drei Dinge: gute Vorbilder, klare Regeln und eine grosse Vielfalt an Geschmäcken. Leider ist schon die Sache mit den Vorbildern kompliziert. «Sobald Kinder mit drei bis vier Monaten beidäugig sehen können, fangen sie an, ihre Eltern nachzuahmen», sagt Internist Riedl. Dieses Imitationslernen wirkt stärker, als vielen lieb ist. Essen die Eltern viel Gemüse, verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder das später auch tun werden. Umgekehrt gilt das leider genauso: Trinken die Eltern häufig Limo oder lieben süsse Teilchen vom Bäcker, wächst auch die Gier der Kinder nach Ungesundem.

Gerade Eltern, die um die Gesundheit ihrer Kinder besorgt sind, machen dann oft den gleichen fatalen Fehler: Um ihre Kinder vor zu viel Zucker und Fett zu bewahren, rationieren sie solche Lebensmittel nicht, sondern flüchten sich in Ausreden. Dann wird Limo schnell zur «Erwachsenenbrause» oder ein Croissant zum «Papafrühstück». Gut gemeint, aber: «Der Wunsch nach Limo oder Süsskram ist damit programmiert», sagt Riedl. Auch als Bestechung oder Belohnung sollten ungesunde Lebensmittel niemals eingesetzt werden – egal, wie sehr das Kind quengelt. «Essdressur» nennt Riedl es, wenn Eltern in solchen Fällen einknicken. Ausnahmen sollte man nicht aus Not oder Bequemlichkeit heraus machen, sondern nur zu besonderen Anlässen wie feierlichen Ereignissen oder seltenen Restaurantbesuchen. Überhaupt sind Regeln wichtig: Was soll das Kind essen – und vor allem: was nicht? Das auch an Verwandte, Erzieher und das Kindermädchen zu kommunizieren, ist wichtig.

Bitteres einfach beimischen

Der dritte Punkt betrifft die Vielzahl der Geschmacksrichtungen. Hier gilt: Es kann gar nicht genug Gesundes auf den Teller kommen. Was Kinder in den ersten beiden Jahren ihres Lebens kennenlernen, werden sie später viel eher mögen. Deshalb gilt es, sie mit möglichst vielen Aromen gesunder Lebensmittel vertraut zu machen – sei es, indem man sie püriert, kleine Mengen untermischt oder Probierportionen anbietet.

Zwei Prinzipien spielen Eltern dabei in die Hände. Das erste ist der Mere-Exposure-Effekt. Dieser beschreibt das Phänomen, dass Menschen Dinge im Laufe der Zeit positiver bewerten, wenn sie sie wiederholt wahrnehmen, sie also vertrauter sind. Übertragen auf das Essen bedeutet das, dass gesunde Lebensmittel immer wieder auf dem Teller landen sollten. Das zweite Prinzip ist das Flavor-Flavor Learning. Das bedeutet, dass neue Geschmacksnoten in Kombination mit bereits bekannten und beliebten sehr viel leichter akzeptiert werden. Der dänische Geschmacksforscher Per Møller hat das mit Kleinkindern bereits erfolgreich getestet.

Selbst die angeborene Abneigung gegen Saures und Bitteres lässt sich durch stoisches Beimischen schnell überwinden. Also: Vielfältig auftischen, immer wieder. «Wer es in dieser Phase versäumt, eine gesunde Bandbreite an Gemüse und Kräutern anzubieten, überlässt die Geschmacksvorlieben seines Kindes der Industrie mit ihren Hauptrichtungen süss und salzig», erklärt Mediziner Riedl, der oft Hilferufe von Eltern bekommt, deren Kinder nichts anderes essen wollen als Fischstäbchen mit Ketchup, Nudeln mit Tomatensosse oder Schnitzel mit Pommes. «Da müssen die Alarmglocken schrillen», sagt er.

Noch tun sie das nicht. Bisher haben die Erkenntnisse der Forscher wenig verändert. Dabei ist sich Berthold Koletzko vom Kinderspital in München sicher: «In der frühkindlichen Ernährung steckt ein irres Präventionspotenzial.» Es sei schlau, Schwangere besser zu beraten, Eltern für die tausend Tage zu sensibilisieren und mit der Ernährungserziehung nicht erst im Kindergarten zu beginnen.

Was aber ist mit all den Pommesfans und Ketchupkindern, die in der Zwischenzeit aufwachsen? Glücklicherweise gibt es eben auch Dinge, die den Menschen vom Affen unterscheiden. Zum Beispiel kann er seine Prägung als Erwachsener durchschauen und bewusst verändern, sagt der Ernährungsmediziner Matthias Riedl: «Das ist mühsam, aber möglich.»

Erstellt: 10.01.2020, 15:52 Uhr

Artikel zum Thema

«Wer Kinder so ernährt, spielt mit ihrer Gesundheit»

Mangelernährung in der Schweiz: Experte Hans Biesalski spricht im Interview über den «versteckten Hunger». Mehr...

Diese Ernährung macht Kinder gross und stark

Wie viel Milch ist gesund? Sollen die Kleinen auf Zucker und Fleisch verzichten? Viele Eltern sind ratlos. Das empfehlen Experten. Mehr...

Wie man Kinder vom Naschen abhält

Zucker birgt ein hohes Suchtpotenzial. Kinder sollten deshalb früh einen massvollen Umgang mit Süssem lernen. So gehts. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...