Die fröhliche Gynäkologin

Viola Heinzelmann ist die erste Frau in der Schweiz, die eine universitäre Frauenklinik leitet. Mit ihrem Beispiel will sie andere Ärztinnen ermutigen, den Karriereweg einzuschlagen.

«Ich mag es, wenn Mitarbeiter widersprechen», sagt Viola Heinzelmann. Foto: Christian Flierl

«Ich mag es, wenn Mitarbeiter widersprechen», sagt Viola Heinzelmann. Foto: Christian Flierl

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Vielleicht ist es ihr Lachen, das den grössten Unterschied ausmacht. Ein Lachen so glockenhell und fröhlich, dass es auf einer Opernbühne bestehen würde. Kaum vorstellbar, dass einer ihrer Vorgänger – allesamt ernsthafte und auf Würde bedachte Weisskittel – seinen Mitmenschen so unbekümmert begegnet wäre. Doch Viola Heinzelmann ist eine Pionierin, und mit ihr ist an der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel (USB) ein anderer Esprit eingezogen.

Heinzelmann (46) ist die erste Professorin mit Lehrstuhl für Gynäkologie und Geburtshilfe der Schweiz, und sie ist seit 2014 die erste Frau, die eine der fünf universitären Frauenkliniken leitet. Ausser ihr haben hierzulande zwar noch andere Gynäkologinnen habilitiert, doch nur sie hat auch einen Lehrstuhl inne. «Einer meiner Lehrer in Zürich hat einmal gesagt: ‹Frauen in der Gynäkologie sind der Untergang unseres Fachs.› Verrückt, nicht?», sagt sie und verfällt wieder in ihr heiteres Lachen. Ausgerechnet in der Frauenheilkunde hat sich die männliche Bastion hartnäckig gehalten, ausgerechnet in dem Fach, in dem die erste Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin 1874 in Zürich doktorierte. Noch heute, sagt Heinzelmann, sind die meisten Kaderstellen an Frauenkliniken mit Männern besetzt, auch in Basel. Das will sie ­ändern.

Es ist Montagmorgen, acht Uhr. Die Chefärztin ist gerade von ihrem Frührapport gekommen. Ihr medizinischer Schwerpunkt sind gynäkologische Krebserkrankungen, insbesondere der Eierstockkrebs, doch als Klinikvorsteherin übt sie eine Gesamtschau: 14 Kinder sind samstags und sonntags zur Welt gekommen. Zwei Karzinompatientinnen sind übers Wochenende etwas instabil geworden. Heinzelmann wird sie im Laufe des Tages aufsuchen müssen. Bevor um neun Uhr die Sprechstunde losgeht, nimmt sie sich Zeit für einen Kaffee und unser Treffen in ihrem Büro: einem grossen Raum mit antikem Parkett, antiquarischen Büchern, welche die ganze Seitenwand bedecken, und einem riesigen Ölgemälde an der Stirnwand.

Die Direktion der Frauenklinik ist im ersten Stock des denkmalgeschützten Faesch-Hauses gegenüber dem Spital-Hauptgebäude untergebracht. «Ein wunderschönes Haus», schwärmt Heinzelmann. Und doch ist sie froh, dass dieses ­Domizil nur vorübergehend ist, bis im Hauptgebäude wieder Platz frei wird. Denn sie zieht es vor, nahe am Geschehen der Klinik, nahe bei ihrem Team und den Patientinnen zu sein.

Zweisprachige Abteilung

Aktuell nimmt sie die Kooperation mit dem Kanton Jura stark in Beschlag, die Basel vor kurzem aufgenommen hat. «Unsere wöchentliche Tumorbesprechung findet immer auf Französisch statt», erzählt sie, «die Kolleginnen und Kollegen aus Delsberg sind per Videokonferenz zugeschaltet.» Brustkrebspatientinnen behandeln die Jurassier nach wie vor selbst, doch Patientinnen mit einem Genitalkarzinom werden neu ins USB überwiesen. «Das bedeutet: Die Bettenstation, das Pflegepersonal, Informationen für die Patientinnen – alles ist bilingue», sagt Heinzelmann. Eine ihrer Kaderärztinnen spreche Französisch als Muttersprache. Sie selbst habe sich ebenfalls reingekniet und Unterricht genommen, um ihr Schulfranzösisch aufzufrischen und das «hinzubekommen».

Die Jura-Connection ist nicht die einzige Neuerung. Auch ein interprofessionelles Meeting ihrer Abteilung für gynäkologische Onkologie hat Heinzelmann eingeführt: Jeden Donnerstag von acht bis neun Uhr morgens werden die Krankenakten von Patientinnen besprochen. Am Tisch sitzen die Diätberaterin, der Pharmazeut, Ethiker, die Psycho­onkologin, Case-Manager, Komplementärmediziner, kurz: «alle, die in irgendeiner Weise involviert sind», erklärt sie. Mit diesem Treffen, das «einzigartig» sei in einem Schweizer Spital, will sie den Informationsaustausch ankurbeln. Und Hierarchien abbauen. «Ich mag es, wenn Mitarbeiter widersprechen», sagt Heinzelmann. Dem Pflegepersonal hat sie mehr Verantwortung übertragen, und innerhalb des ärztlichen Teams hat sie das Fellow-System eingeführt. Fellows seien ausdrücklich in der Rolle der Lernenden, aber «bei Operationen übernehmen sie den Lead, während die Chefärztin assistiert».

Karriere in Australien

All dies – den Fokus aufs Interprofessionelle wie auch das Fellow-System – hat Viola Heinzelmann in Australien kennen gelernt. Sie lernte und forschte bei Neville Hacker, einer internationalen Koryphäe in der gynäkologischen Onkologie. «Er hat sich mit uns Fellows zu dritt oder zu viert zusammengesetzt und gesagt: ‹Okay, was habt ihr für Fragen?›, und er hat mir in jeder OP assistiert – Wahnsinn!» Sechseinhalb Jahre insgesamt hat Heinzelmann mit ihrem Mann und den beiden Kindern in Australien gelebt, ihre Tochter ist in Sydney zur Welt gekommen. Alle vier Familienmitglieder besitzen neben der schweizerischen auch die australische Staatsbürgerschaft; Viola Heinzelmann zusätzlich die aus ihrer Heimat Deutschland. «Wir wollten ja eigentlich in Australien bleiben», erzählt sie. Doch dann sei der Ruf aus Basel gekommen und damit die Chance, Veraltetes neu zu gestalten.

Hier hofft sie auch, Frauen vermehrt für die Forschung zu begeistern. Denn in einer Universitätsklinik gehören Forschen und klinische Tätigkeit in ihren Augen zusammen. Sie selbst hat über den Eierstockkrebs eine Vielzahl von Publikationen veröffentlicht, insbesondere zur Diagnostik (Tumormarker im Blut) und neuen Therapieansätzen. «Forschung war immer mein grösstes Hobby, es war nie eine Belastung für mich», sagt sie. Schon für ihre Dissertation hat sie sich nicht, wie andere Mediziner dies tun, mit einer Minimalleistung zufriedengegeben. Sie schrieb eine umfangreiche Biografie über den deutsch-jüdischen Arzt Walter Edwin Griesbach, auf den unter anderem die genaue Beschreibung der Hirnanhangsdrüse zurückgeht.

Heinzelmann recherchierte in Hamburg am Israelitischen Krankenhaus und in Neuseeland, wo Griesbach später gelebt hatte, und ganz nebenbei wurde so ihr eigenes Interesse an Forschung geweckt. «Es braucht schon auch Glück, wenn man diesen Weg gehen will – und den richtigen Partner dazu», sagt sie. Nicht jeder Mann komme mit einer viel arbeitenden Frau klar. Doch mit ihrem Beispiel will sie jungen Frauen vorleben, dass eine universitäre Karriere und Familiengründung sich nicht ausschliessen.

Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es schon neun ist. Viola Heinzelmann atmet einmal tief durch. Sie hat in dieser Woche ein dichtes Programm, bevor sie am Wochenende nach Tansania abfliegt. Dort wird sie 14 Tage lang mit dem Swiss Surgical Team im Einsatz sein – ohne Ultraschall, ohne Bestrahlungsgerät, ohne Chemotherapien. Dafür hat sie sich eine Stirnlampe gekauft, um beim Operieren genügend Licht zu haben. «Ich bin sehr aufgeregt», sagt sie, «doch mein Leitender Arzt meint, der Einsatz werde mir guttun.» Und sie lacht. Glockenhell.

Erstellt: 18.11.2016, 22:07 Uhr

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