Eine Unternehmerin im Dienste der Fruchtbarkeitsforschung

Die 28-jährige Lea von Bidder hat es bereits auf eine «Forbes»-Liste geschafft. Ihre Mission: Die Frauenmedizin zu revolutionieren.

«Ava soll ein Begleiter in jeder Lebensphase der Frau werden.» Von Jetlag keine Spur: Lea von Bidder lebt in San Francisco – und für das Start-up Ava. Fotos: Urs Jaudas

«Ava soll ein Begleiter in jeder Lebensphase der Frau werden.» Von Jetlag keine Spur: Lea von Bidder lebt in San Francisco – und für das Start-up Ava. Fotos: Urs Jaudas

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Lea von Bidder ist 28 Jahre alt und hat erreicht, wovon viele ein Leben lang träumen. «Es ist unendlich grossartig, dass ich meine Passion für Women’s Health und Frauenpower mit einer Firma vereinen konnte», sagt sie und lacht. Ihr Start-up ist derzeit eine der angesagtesten Jungfirmen im Silicon Valley, und das US-Magazin «Forbes» hob die Zumikerin kürzlich auf die renommierte «30 unter 30»-Liste für die Gesundheitsbranche. Das sei ein schöner Erfolg, auch für die Schweiz, sagt von Bidder. Aber diese Frau will mehr, viel mehr.

«Wir wollen technologische Neuerungen in die Frauengesundheit bringen», sagt sie und nippt am Wasserglas in einem Café im Zürcher Binz-Quartier, «aber wir haben noch viele Hausaufgaben zu machen.» Lea von Bidder besucht alle drei Monate den Firmenhauptsitz in Zürich und ist am Abend zuvor aus San Francisco gelandet. Von Jetlag keine Spur. Sie ist hellwach, lacht viel, spricht rasend schnell, gespickt mit englischen Ausdrücken. Es ist Lunchtime, und wir haben genau eine Stunde Zeit bis zu ihrem nächsten Termin. Zum Essen kommen wir nicht. Ihre Arbeitszeiten? «Ziemlich normal», versichert sie. Dumme Frage.

Was aber tut diese Durchstarterin? Warum der Hype? Das Start-up Ava hat ein Armband entwickelt, das Frauen hilft, schwanger zu werden. Es wird nachts getragen und misst mithilfe von Sensoren neun physiologische Parameter wie Pulsrate, Stresslevel oder Schlafqualität, nicht nur die Temperatur wie andere Methoden. Und dies, schon während sich der Körper auf den Eisprung vorbereitet. «Ava erkennt so das fruchtbare Zeitfenster früher, in Echtzeit quasi, und nicht erst, wenn die Temperatur steigt – das Zeichen, dass der Eisprung eigentlich vorbei ist», sagt sie und skizziert Kurven auf ein Papier. Fünf fruchtbare Tage erkennt der Tracker mit 89-prozentiger Sicherheit, wie eine einjährige Pilotstudie am Universitätsspital Zürich im Frühling 2016 belegt. Zudem ist das Tragen des Bandes für Frauen komfortabler, als jeden Morgen die Temperatur zu messen.

Von Bidder verspricht deshalb in bester Silicon-Valley-Manier: «Wir haben in Sachen Zyklustracken das beste Produkt auf dem Markt, mit Abstand.» In der Tat gibt es derzeit nichts Vergleichbares. Von sich reden machte zwar auch die App Naturcycles für die Temperaturmessmethode, die zertifiziert gleich sicher sein soll wie die Pille. «Aber unsere Lösung ist besser, weil wir mehr Parameter berücksichtigen», sagt von Bidder.

Mit Datenmassen zu präziser Vorhersage

Geschickt positioniert das Start-up das Fruchtbarkeitsarmband auch als Akt der Frauenemanzipation. Wer heute seine fruchtbaren Tage bestimmen wolle, nutze noch immer dasselbe Mittel wie unsere Grossmütter. Dabei hätten auch Frauen das Recht, sich durch Technologie und verlässliche Daten das Leben bequemer zu gestalten. Es scheint, als hätte Ava einen Nerv getroffen. Der Tracker schlägt ein. Kostenpunkt: 250 Franken. Weltweit wurden seit dem Verkaufsstart im Juli 2016 «einige Zehntausend» an die Frau gebracht. Im letzten August feierte die Community in den USA dann das erste «Ava-Baby», inzwischen sind mehrere Tausend auf die Welt gekommen, auch in der Schweiz würden viele Frauen damit schwanger. Eine Studie, die belegen würde, dass man mit Ava schneller guter Hoffnung ist, gibt es indes nicht.

Dafür läuft seit 2016 im direkten Anschluss an den Pilot eine Folgestudie am Unispital mit 430 Probandinnen; die leitende Ärztin Brigitte Leeners sitzt mit anderen Fruchtbarkeitskoryphäen aus den USA im Medical-Board der Firma. Sie alle sind glücklich angesichts der unglaublichen Mengen an Daten zum Frauenkörper, die sie dank der neuen Technologie plötzlich zur Verfügung haben. Jede Nacht sammelt ein Band drei Millionen Datenpunkte, die via Smartphone an die Datenzentrale am Hauptsitz geliefert, ausgewertet und analysiert werden. Die Daten würden anonymisiert für die eigene Forschung verwertet; verkauft werde nichts.

Das Fruchtbarkeitsarmband Ava.

«Wir wollen noch genauer werden», sagt von Bidder. Dafür spielt die Datenmenge eine entscheidende Rolle. Je mehr Daten in den selbstlernenden Algorithmus einfliessen und ihn trainieren, desto besser werden er und seine Vorhersagen.

Sitzt man mit Lea von Bidder im Gespräch, vergisst man zuweilen, dass man keine Medizinerin vor sich hat. Sie spricht versiert, wirkt in medizinischen Belangen sattelfest. Die Betriebswirtschafterin HSG gehört zu einer neuen Generation von Unternehmerinnen: Sie hat mit 22 Jahren im Rahmen eines Ausbildungsprogramms bereits in den USA, China und andernorts gelebt und ihr erstes Start-up gegründet. In diesem Fall war das eine Schokoladenfabrik in Indien. Doch bei Schoggi sollte es nicht bleiben. Nach eineinhalb Jahren zog es sie wieder in die Schweiz, wo die drei Ava-Gründer Pascal König, Philipp Tholen und Peter Stein zufällig Verstärkung suchten. Man verstand sich, schliesslich stieg sie ein. Mit ihrem Ehemann, der mit Immobilien arbeitet, zog sie 24-jährig kurzerhand nach San Francisco, um Avas Marketingteam aufzubauen. Ihren Job macht sie perfekt, so perfekt, dass man nie weiss, wer spricht: Lea privat? Der PR-Profi? Who is who?

Daten – die Basis für Veränderung

Sie ist das Gesicht von Ava und lässt sich in den Medien als Unternehmerin feiern. Ein Blick hinter die Kulissen macht erst klar: Von Bidder ist weder CEO, noch hat sie Ava miterfunden. Ein Problem hat sie damit nicht: «Mein Gott, ich bin früh dazugestossen, wir haben beschlossen, dass ich PR mache, und das mache ich gut.» Anzunehmen, sie habe den Job erhalten, weil eine Frau ein Fruchtbarkeitsarmband besser verkauft, sei sexistisch.

Sexismus – auch ein Thema, zu dem die Jungunternehmerin vieles zu sagen hat. Es gebe zu wenig Gründerinnen und weibliche Start-up-Angestellte. Sie fordert Jungfirmen und Kapitalgeber deshalb auf, Genderdaten zu erheben: Wie viele Frauen werden eingestellt, wie viele Partnerinnen gibt es, wie viel Geld fliesst zu Gründerinnen. Daten machten diffuse Ahnungen sichtbar, um dann etwas zu ändern. Und sie werden in Zukunft auch eine grosse Umwälzung im Gesundheitswesen hervorbringen, weshalb die passionierte Kletterin in ihrer spärlichen Freizeit Bücher zum Thema Healthcare verschlingt. Sie will bereit sein, wenn der Kunde in naher Zukunft Zugriff auf seine Gesundheitsdaten bekommt oder sie gar selbst erhebt. Ava sei insofern kein Lifestylegadget, sondern ein Medizinprodukt, das aus der Zukunft grüsst.

Lea von Bidders ganz grosses, persönliches Ziel aber ist es, Ava zum Verhütungsmittel zu machen. Immer mehr junge Frauen suchten heute nach einer natürlichen Alternative zur Pille, sagt sie. Und was ist mit einem Tracker für den Mann? Sie schüttelt den Kopf: «Wir verfolgen die Vision von Ava als einem Begleiter in jeder Lebensphase der Frau: Verhütung, Menopause, Schwangerschaft . . . Diese Dinge sind wirklich wichtig.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2018, 17:32 Uhr

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