Die Globulisierungsgegnerin

Natalie Grams war eine angesehene, gut verdienende Homöopathin. Dann begann sie zu zweifeln. Und zweifelte immer weiter. Über eine Frau, die sich verändert hat.

Natalie Grams sagt rückblickend, sie sei der Selbsttäuschung der Homöopathie erlegen. Foto: Bert Bostelmann (Bildfolio)

Natalie Grams sagt rückblickend, sie sei der Selbsttäuschung der Homöopathie erlegen. Foto: Bert Bostelmann (Bildfolio)

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Neulich ist Natalie Grams durch die Altstadt von Heidelberg gelaufen, um Besorgungen zu machen. Sie sieht einen Kollegen von früher, einen Homöopathen, der eine grosse Praxis führt. Der Mann schneidet sie. «Er hat mich gesehen und erkannt und extra in die andere Richtung geblickt», sagt Grams: «Er wollte mir auf keinen Fall Guten Tag sagen. Die zur Schau gestellte Verbannung gab mir das Gefühl, eine Geächtete zu sein.»

Grams war es gewohnt, in Heidelberg erkannt und gegrüsst zu werden von Patienten und Kollegen. Sie hatte eine homöopathische Praxis im Villen-Stadtteil Handschuhsheim. Beamte, Lehrer und Professoren wohnen dort, die privat krankenversichert sind und deren Kassen nicht murren, wenn sie 360 Euro für ein dreistündiges homöopathisches Erstaufnahmegespräch zahlen sollen. Die Praxis lief gut. 30'000 Euro Gewinn erwirtschaftete sie pro Jahr.

Zehn Jahre glaubt Natalie Grams an Samuel Hahnemanns Lehre der Homöopathie von 1796. Dann fällt sie vom Glauben ab. Sie schliesst ihre Praxis. Sie informiert ihre Patienten, dass sie nicht etwas anbieten könne, hinter dem sie nicht stehe. Für den Sinneswandel hat sie einen hohen Preis gezahlt. Heute wohnt die 38-Jährige mit ihrem Mann und den drei Kindern in Rohrbach, im Süden der Stadt, einem Ortsteil mit viel Gewerbe, in dem früher US-Soldaten stationiert waren. Ihr Haus können sie sich nur leisten, weil die Stadt Heidelberg kinderreiche Familien unterstützt und einen Teil der Miete übernimmt.

Natalie Grams brüht einen Kräutertee auf. Sie lächelt, auch dann, wenn sie von den Erschütterungen erzählt, die sie selbst ausgelöst hat. Sie erhält Hassmails wie diese: «Wir finden schon raus, wo Sie wohnen. Hoffentlich werden Sie mal richtig krank, kein Homöopath nimmt Sie dann mehr an, und Sie müssen von der Schulmedizin getötet werden.»

Das Buch von Natalie Grams löst bis heute heftige Kritik aus.

Ein Buch ist schuld an Grams’ Erschütterung, ihr eigenes Buch: «Homöopathie neu gedacht – Was Patienten wirklich hilft». Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, eine Eloge zu schreiben auf die Homöopathie und eine Replik auf das Buch, für das sie zuvor interviewt worden war. «Die Homöopathie-Lüge» heisst es. Den Buchautoren hatte Grams ein langes Interview gegeben. «Ich wusste, dass sie der Homöopathie gegenüber kritisch eingestellt waren», erzählt sie: «Aber ich war überzeugt, dass ich die mit meinen Argumenten vielleicht sogar noch überzeugen kann.»

Sie hat Auszüge aus dem Interview auf ihre Internetsite gestellt, auch, um anderen zu versichern, dass sie mal auf der anderen Seite stand. «Ich bin erschrocken über die Unverfrorenheit meiner Aussagen von damals», sagt Grams. Erschrocken über Sätze wie diese: «Krankheit ist auch nur eine Form von Energie. Im Patienten ist ein energetisches Loch, da legt man ein ähnliches Zuckerkügelchen drauf, dann normalisiert sich der Energiezustand des Patienten.»

Ihr Glaubensfundament wackelt

Als sie das Buch über die «Homöopathie-Lüge» liest, wird sie wütend. Sie beschliesst, dem Buch ein eigenes entgegenzusetzen. Für das Buch muss sie ihre, wie sie es heute nennt, «Blase» verlassen. Sie muss sich mit den Kritikern der Homöopathie auseinandersetzen. Sie liest Studien, die nachweisen, dass Globuli blosse Zuckerkügelchen mit Substanzen in so hoher Verdünnung sind, dass sie keine physiologische Wirkung haben können. Sie trifft Wissenschaftler, die der Homöopathie höchstens einen Placeboeffekt ­beimessen. Sie findet trotz aufwendiger Recherche keine seriöse Forschungsarbeit, die den Heileffekt von Globuli nachweist. Ihr Glaubensfundament beginnt zu wackeln. «Bei den Recherchen zum Buch hat sich mein naturwissenschaftliches Denken zurückgemeldet.»

Sie verwirft das Buchprojekt nicht, aber sie weiss, dass sie ein anderes Buch schreiben wird. Sie pickt das Gute an Hahnemanns Homöopathielehre heraus: dass ein Arzt einem Patienten Zeit widmen müsse. Der Homöopathie als Arzneimittelmedizin erteilt sie eine klare Abfuhr: «Homöopathie wirkt, weil wir als Homöopathen und weil unsere Patienten die Vorstellung haben, dass sie wirke.»

Als ihr Buch 2015 erscheint, schickt Natalie Grams Exemplare an Kollegen. Ist ja jetzt doch ein ganz anderes Buch geworden, schreibt sie dazu, sag doch mal, was du ehrlich meinst. «Ich kann nicht verstehen, was du da gemacht hast», schreibt einer. Ein anderer wirft ihr vor, sie betreibe «Verrat». Nur eine Kollegin reagiert ohne Wut: «Du hast ja recht, Homöopathie ist keine Wissenschaft, sondern Esoterik.»

Ein Autounfall bringt sie aus dem Lot. Sie überlebt den Unfall, aber die Angst wird sie nicht mehr los.

Grams’ Buch löst bis heute heftige Kritik aus. Der Verband klassischer Homöopathen Deutschlands bezeichnet es als «ermüdende Lektüre ohne substanzielle neue Erkenntnisse». Der Pressesprecher des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte unterstellt Grams in einer E-Mail, sie habe «ihre Promotion augenscheinlich auf unlautere Weise durchlaufen». (Einen Beweis liefert er nicht.) Roger Rissel vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für klassische Homöopathie erklärt auf Anfrage, es sei «nicht nachvollziehbar», dass Grams hoch potenzierten Globuli jegliche Wirkung abspreche. Es könne «nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden», dass Homöopathen auch bei höher potenzierten Arzneimitteln Wirkungen beobachten: «Dieses Phänomen sollte als ein noch nicht geklärter Teil­aspekt verstanden werden.»

Grams schaut auf die Uhr, in der Küche hört man die beiden Mäuse der Kinder im Käfig im Heu rascheln. «Ich hoffe, dass ich das niemals vergesse, dass ich dieser Selbsttäuschung massiv erlegen bin», sagt sie.

Natalie Grams wächst in München auf, ihr Vater ist Chemiker, von ihm hat sie die Begeisterung für Naturwissenschaften. Ihr Traumberuf: Chirurgin. Vom Medizinstudium ist sie begeistert, aber die Begeisterung wird auch getrübt. Sie kommt auf unterbesetzte Stationen, Kurse fallen aus. Trotzdem studiert sie weiter, sie hat ja ein Ziel. Doch dann bringt ein Autounfall sie aus dem Lot. Sie überlebt den Unfall, im Krankenhaus werden nur ein paar äusserliche Blessuren diagnostiziert. Aber die Angst wird sie nicht mehr los. Bei Kursen in engen Räumen fällt sie in Ohnmacht, ständig hat sie Herzrasen. Eine Kommilitonin überredet Grams, eine Heilpraktikerin aufzusuchen. Grams bekommt Globuli verschrieben, Belladonna, C 200: hochgiftige Schwarze Tollkirsche, in einer Verdünnung von 200 mal 1 zu 100. Das heisst: Der Giftstoff ist in den Globuli nicht mehr nachweisbar. «Danach ging es mir besser», sagt Grams, und sie lacht. Sie macht auch noch eine Psychotherapie und merkt: «Krass, so kann man auch heilen, ich will das lernen.»

Globuli bei 41 Grad Fieber

Sie zieht ihr Medizinstudium bis zur Approbation durch, aber Chirurgin möchte sie jetzt nicht mehr werden, sondern Allgemeinärztin mit der Zusatzausbildung Homöopathin. Mehr als 600 Stunden Zusatzkurse absolviert sie in Homöopathie und erhält ein entsprechendes Zertifikat. Wenn ihre Kinder Fieber bekommen, gibt sie ihnen Kügelchen. Die grössere Tochter wird nicht gegen Windpocken geimpft. Die Pharmaindustrie will uns nur krank halten, so denkt Grams. Als die Tochter eine Mittelohrentzündung bekommt mit 41 Grad Fieber und fast im Delirium ist, verabreicht ihr Grams Globuli, nichts sonst. Heute findet sie: «Das war unverantwortlich.»

Als sie das Angebot bekommt, die Praxis eines Kollegen in Heidelberg zu übernehmen, die er seit mehr als 30 Jahren führt, überlegt sie nicht zweimal. Sie ist überzeugt: «Das mache ich jetzt bis ans Ende meines Lebens.» Zwei Jahre später mietet Grams neue Räume an in Handschuhsheim. Selbst irritierende Momente in Fortbildungskursen, in denen jeder Homöopath einem Patienten ein anderes Globuli verschreiben würde, machen sie nicht unsicher. Sie verdrängt solche Momente.

In ihrem neuen Leben verdient sie nun wieder selbst, wenn auch längst nicht so viel wie früher. Sie schreibt medizinische Fachtexte für eine Stuttgarter Agentur und hat seit Beginn des Jahres eine Teilzeitstelle im Informationsnetzwerk Homöopathie, das sie mit anderen Homöopathiekritikern gegründet hat.

Hat sie es je bereut, ihr Weltbild so radikal geändert zu haben? Nein, sagt sie. Aber sie sagt auch, dass ihr jetzt, ohne Globuli-Glauben, auch etwas fehle: «Da ist eine Lücke. Wenn ich krank bin, möchte ich nicht sofort Ibuprofen oder Paracetamol nehmen.» Wie sie die Lücke füllt? «Manchmal einfach nur mit einer schönen Tasse Tee.»

Erstellt: 24.01.2017, 18:35 Uhr

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