Sie hat das Navigationssystem im Gehirn entdeckt

Wie funktionieren Gehirne? Das erforscht Nobelpreisträgerin May-Britt Moser. Ihre Arbeit könnte einst Alzheimer-Patienten helfen.

«Wir hatten es geschafft», sagt May-Britt Moser. Foto: Urs Jaudas

«Wir hatten es geschafft», sagt May-Britt Moser. Foto: Urs Jaudas

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Als der Anruf aus Stockholm kam, war sie mitten in einem Meeting ihres Instituts. «Ich war völlig geschockt», erinnert sich May-Britt Moser an den zuvor noch ganz normalen Montagmorgen im Oktober 2014. Doch dann überschlugen sich die Gedanken. Die höchste Auszeichnung in der Forschung. Der prestigeträchtigste Preis in der Medizin. Für sie und ihren Mann Edvard, der gerade noch im Flugzeug nach München sass, sowie zur anderen Hälfte für ihren einstigen Mentor in London, den Briten John O’Keefe. Es sei unglaublich gewesen, einfach fantastisch.

Noch immer strahlen ihre Augen, wenn sie an diesen historischen Moment denkt: «Wir hatten es geschafft.» Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften ehrte May-Britt und Edvard Moser für die Entdeckung eines inneren Navigationssystems im Gehirn. Erstmals ging damit ein Nobelpreis für Medizin nach Norwegen. Weltweit war sie die elfte Frau, die seit 1901 einen Nobelpreis für Medizin erhielt. Und gemeinsam waren sie das zweite Ehepaar, das nach Gerty und Carl Cori in der Kategorie ausgezeichnet wurde.

Wie sehr sie sich damals freute, zeigte sie Ende vergangener Woche an der «Basel Life» in einem Kurzfilm. Nach dem legendären Telefonat war sie nicht mehr zu bremsen, tanzte und jubelte, hüpfte durch den Flur und drehte sich wild um die eigene Achse, die Arme in die Höhe gestreckt, die Champagnerflasche hoch haltend und natürlich umgeben von ihrem Team. Alle feierten. Alle waren ausser sich. Alle applaudierten. Sie sei so dankbar, dass sie so viele tolle Leute stets unterstützt hätten. Denn Forschung sei immer ein Gemeinschaftsprojekt. Viele würden irgendein Puzzlestück finden, damit es letztlich ein grosses Bild ergäbe.

Navigationssystem im Kopf

In Experimenten mit Ratten entdeckte das Direktorenpaar des Kavli-Instituts für systemische Neurowissenschaften Nervenzellen im Gehirn, die den Nagern eine präzise Orientierung im Raum ermöglichen. Diese sogenannten Rasterzellen arbeiten zusammen mit anderen spezialisierten Zelltypen in einem komplexen neuronalen Netzwerk und teilen den Raum in ein imaginäres Koordi­natensystem auf. Die dabei gewonnenen Informationen dienen dem Gehirn zum Errechnen mentaler «Landkarten» unserer Umgebung, die in Echtzeit aktualisiert werden.

«Die Hoffnung ist, dass die Erkenntnisse unserer Grundlagenforschung eines Tages kranken Menschen helfen könnten», erklärt Moser in Basel. In der Tat wurden diese Zellen inzwischen auch bei Menschen gefunden. So stellte Christian Doeller aus ihrem Institut etwa im Gehirn bei Alzheimer-Patienten fest, dass die Region mit dem Rasterzellen-Navigationssystem oft früh geschädigt ist. Kein Wunder, dass die ersten, typischen Symptome bei dieser Form der Demenz häufig Orientierungslosigkeit sind: Die Erkrankten wissen plötzlich nicht mehr, wo sie sind.

Hat der Nobelpreis ihr Leben verändert? «Ich bin immer noch die gleiche Person», antwortet die 55-jährige Professorin bei unserem Treffen unmittelbar nach ihrem Vortrag im Congress-Center Basel. Doch die Erwartungen an sie seien anders. Man glaube, dass sie sich neben ihrem Fachgebiet etwa auch über Politik äussern müsse. Und jede Woche habe sie so viele Anfragen, dass sie ständig irgendwo auf der Welt Talks halten könnte. Doch sie sei keine Neuro-Entertainerin, sondern weiterhin vor allem eine Forscherin. Sie sage vieles ab, damit sie noch im Labor sein könne.

Nervenzellen mit Fortsätzen als Mustervorlage fürs Nobelpreis-Kleid. Foto: NTNU

Und ja, sie komme von der Westküste Norwegens, wo man die Dinge direkt sage. Sie und Edvard hätten sich vor zwei Jahren getrennt, aber nur privat und keineswegs beruflich. Dies sei ihr wichtig. Im Institut sei somit alles beim Alten geblieben. Schliesslich hätten sie beide weiterhin die gleichen Ambitionen, die gleichen Visionen, die gleichen Vorstellungen von Spitzenforschung und die gleich grosse Verantwortung für das von ihnen gegründete Institut. Kurzum, er sei nun ihr bester Freund.

May-Britt Moser ist eine Kämpfernatur. Aufgewachsen als Jüngste mit vier bis zu 21 Jahren älteren Geschwistern auf einem ehemaligen Bauernhof in Fosnavåg auf der Insel Bergsøya, rund 400 Kilometer nördlich von Bergen. «Ich kam nicht aus einer Akademikerfamilie», sagt die bodenständige, fröhliche Wissenschaftlerin. Doch ihre Eltern hätten sie immer darin bestärkt, selbstbewusst und auf eigene Faust die Welt zu erforschen. Zudem habe sie als Kind schon gelernt, dass man hart arbeiten müsse, um etwas zu erreichen.

Mit Edvard ging sie schon in die Highschool, war aber erst seit des gemeinsamen Psychologiestudiums an der Universität Oslo mit ihm zusammen. 1985 heirateten sie, wurden während des Studiums noch Eltern zweier Töchter, gingen nach der Promotion nach Edinburgh und London und gründeten 1996 das Institut in Trondheim.

«Wir wollten Kinder, wir wollten Forschung, wir wollten alles», sagt sie und lacht. Sie seien naiv gewesen. Es habe Zeiten gegeben, da hätten sie nicht gewusst, wie sie den nächsten Monat bezahlen können. Doch Edvards Eltern begleiteten sie oft auf Dienstreisen, sodass dies für ihre Töchter von klein auf normal war, ähnlich wie auch der Kontakt zu den Kollegen im Labor. Darüber hinaus besuchten die zwei Mädchen eine Krippe. So konnten sie neben der Familie auch soziale Fähigkeiten in einer anderen Gruppe entwickeln. Beide studieren jetzt Medizin.

Botschaft auf dem Kleid

Am Anfang standen die Mosers vor dem Nichts. Sie verhandelten hart, machten aus einem Job zwei. Hatten zuerst kein Labor, sondern nur einen Zivilschutzkeller. Keine Möbel, kein Equipment, keine Leute. Sie feilschten, setzten auf Risiko und legten alles in die Waagschale. Man wollte sie unbedingt in Trondheim, im hohen Norden, in der Stadt am Fjord, wo im Mittelalter der Sitz des Königs war. Eine richtige Entscheidung, denn dort fühlt sie sich wohl und geht mit dem Hund am Meer spazieren.

Heute ist ihr Institut weltbekannt. Ein Magnet für Top-Forscher. Mittlerweile haben sie mehr als 100 Mitarbeiter. Die Atmosphäre ist kollegial. Man tauscht sich aus, löst Probleme zusammen, aber feiert auch die Erfolge gemeinsam. Und die Versuchstiere hätten bei ihnen nicht nur Nummern, sondern richtige Namen, damit sie mit noch mehr Respekt behandelt werden würden, sagt Moser, sodass eine Beziehung ähnlich wie zu einem Haustier entstehe.

Bei der Nobelpreisverleihung stand ihr originelles Kleid im Mittelpunkt. Störte sie das? Nein, sie habe dadurch über ihre Forschung reden können. Ein ehemaliger Ingenieur aus London hatte die Idee, ihr ein Kleid zu kreieren, auf dem eine Nervenzelle mit verästelten Fortsätzen gestickt war. «Als sein Vorschlag per Mail kam, dachte ich, es kostet ein Vermögen», sagt sie. Doch er schenkte es ihr mit den Worten, dass es Ehre genug sei, wenn sie es an der Zeremonie trage. Nun sei es in Trondheim im Unispital St. Olav’s ausgestellt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.09.2018, 19:43 Uhr

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