Zum Hauptinhalt springen

Die kommenden Plagen

Viren sind unberechenbar. Trotz moderner Medizin müssen wir auch künftig mit ihnen leben.

MeinungWerner Bartens
Die Erreger haben meistens kein Interesse daran, Menschen zu töten: Frauchen mit Hund in Guangzhou. Foto: Keystone
Die Erreger haben meistens kein Interesse daran, Menschen zu töten: Frauchen mit Hund in Guangzhou. Foto: Keystone

Um kommende Plagen zu prognostizieren, braucht es keine medizinischen Vorkenntnisse. Viel wichtiger ist, ob man zu Optimismus oder Pessimismus neigt. Die Bedrohung durch Seuchen hat es immer schon gegeben, nicht erst seit Corona. Früher waren es Pest, Cholera, Tuberkulose. Mit Verbreitung der Antibiotika wurden bakterielle Leiden weniger, doch nicht die Infektionskrankheiten ins­gesamt.

Die Seuchen der vergangenen Jahre, also Sars, Mers, Vogelgrippe, Schweinegrippe und jetzt Corona, sind vor allem viralen Ursprungs. Es wird nicht der letzte Ausbruch durch zuvor kaum bekannte Viren sein.

Jeder Virologe weiss, dass Viren schlampig sind, wenn es darum geht, sich zu vermehren. Etliche Mutationen werden an die nächste Generation weitergegeben; oft sind sie nicht überlebensfähig, doch einige kommen durch. Ganz wenige davon können wiederum Menschen plötzlich gefährlich werden. Ob dabei – und wenn ja, wann – ein «Supervirus» entsteht, ist ungewiss. Supervirus heisst ein ­Erreger, der eine grosse Gefahr für die Menschheit darstellt, da er sich schnell ausbreiten kann und mit schweren Symptomen einhergehen würde.

Ob es überhaupt zu diesem tragischen Zufall kommt, kann niemand vorhersagen. Es könnte morgen geschehen, übermorgen, nächstes Jahr, in zehn oder in hundert Jahren – vielleicht auch nie. Die Prognose ist nicht einmal eine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung, dazu spielen zu viele unbekannte Faktoren eine Rolle, sondern ob man eben optimistisch oder pessimistisch in die Welt schaut.

Es gibt biologische Indizien, die optimistisch stimmen.

Der aktuelle Corona-Ausbruch geht zwar mit bedrückenden Zahlen an Infizierten und Todesopfern einher. Derzeit ist aus virologischer Sicht aber trotzdem noch nicht vom Supervirus die Rede. Das kann sich ändern. Mit dieser Ungewissheit werden wir auch künftig umgehen müssen, den wissenschaftlichen Fortschritten zum Trotz. Denn Viren sind unberechenbar. Zudem werden Plagen häufiger. Die globale Mobilität, das Vordringen in bisher kaum erschlossene Welt­gegenden, die Nähe zu anderen Lebewesen, das alles trägt dazu bei.

Allerdings gibt es biologische Indizien, die optimistisch stimmen. Es ist unwahrscheinlich, dass demnächst ein Seuchenzug Millionen Menschen hinrafft, denn virale Leiden schwächen sich oft ab. Die Erreger haben meistens kein Interesse daran, Menschen zu töten. Sie wollen in ihrem Wirt ein wohnliches Umfeld haben. Und je mehr Menschen infiziert sind, desto eher gewöhnt sich das Virus an «seine» Menschen und wird weniger gefährlich. Irgendwann verschwindet die Krankheit womöglich ganz oder bleibt harmlos.

Jedoch gibt es auch Gründe für Pessimismus. Wir werden damit leben müssen, dass es gegen viele virale Leiden keine Therapie gibt und keine Impfung. Insofern ist es Schönfärberei, wenn Politiker betonen, wir seien auf neue Seuchen gut vorbereitet. Klar, eine Pandemie fände nicht so schnell so viele Opfer wie etwa in Afrika.

Aber wo es keine kausale Therapie gibt, kann auch moderne Medizin wenig ausrichten. Notfallpläne kämen schnell an ihre Grenzen, wenn, wie jetzt in China, Zehntausende infiziert wären und jeder Verdachtsfall mit erhöhter Temperatur die Klinik auf­suchen würde. Kein Grund zur Panik also – aber auch kein Grund, so zu tun, als ob Europa immun wäre gegen kommende Leiden oder verheerende Seuchenzüge.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch