Die kontrollierte Impulsforscherin

Eine unbedachte Affekthandlung kann ein Leben ruinieren. Deshalb lohnt es sich, die Impulskontrolle besser zu verstehen. Führend dabei ist Daria Knoch an der Uni Bern.

Hirnforscherin Daria Knoch: «Zu viel Kontrolle ist nicht immer vom Besten.»

Hirnforscherin Daria Knoch: «Zu viel Kontrolle ist nicht immer vom Besten.»

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Diese Wissenschaftler! Man möchte sie dazu verleiten, auch mal etwas zu sagen, was empirisch oder theoretisch nicht bis in alle Details gesichert ist. Vor allem, wenn es um ein so interessantes Thema geht wie die Impulskontrolle. Daria Knoch, Professorin an der Universität Bern, hat sie ­erforscht und dafür Erkenntnisse aus Sozial­psychologie, Verhaltensökonomie und Hirnforschung zur Sozialen Neurowissenschaft zusammengeführt. Sie und ihr Team konnten in Experimenten nachweisen, dass der rechte präfrontale Stirnlappen der Dirigent dieser Impulskontrolle ist und weitere Hirnteile die Musiker stellen. Und dass dieses Orchester die Melodien im Alltag harmonischer macht: Wutausbrüche dämpft, auch die Lust auf Rache und Gewalttätigkeiten, ungehemmte Fresssucht und was dergleichen mehr alltägliche Dissonanzen sind.

Aufs Thema ist sie gekommen, als sie an der Neurologischen Klinik des Unispitals Zürich Patienten mit Hirnverletzungen oder krankheitsbedingten Hirnschäden untersuchte und die Angehörigen Charakterveränderungen beklagten. Meist zum schlechten, denn viele Patienten verloren durch eine Schädigung des frontalen Hirnlappens ­Respekt und Impulskontrolle und waren damit in einer Partnerschaft schwer auszuhalten. Aus rücksichtsvoll und lieb wurde taktlos und böse. Und die Protagonisten solcher charakterlicher Veränderungen sind dafür nicht selber verantwortlich, sondern haben ein krankheits- oder unfallbedingtes Problem. Die Erklärung mag es für Angehörige einfacher ­machen, im Alltag hilft es nicht.

Nun ist die Impulskontrolle gerade dort fundamental. Sie allein verhindert ein Übermass von Wutanfällen bei den stündlichen Frustrationen, ihre gewalttätige Austragung, das permanente Aussteigen aus unliebsamen Pflichten und ermöglicht einen vernünftigen Umgang mit dem eigenen Körper. Sie führt auch dazu, dass einer nach einer Auseinandersetzung um Eifersucht nicht gleich der nächsten schönen Frau nachschaut, die ihm im Beisein seiner Partnerin auf der Strasse begegnet.

Eine Karte des Gehirns

Die Fähigkeit zur Impulskontrolle lässt sich im präfrontalen Hirnlappen im Ruhezustand elektrisch und magnetisch messen. Diese Messung im Bildgebungsverfahren führt zu einer Art «Karte des Gehirns». Diese Karte verändert sich bei einem Erwachsenen ohne Krankheit oder Unfall kaum und ist deshalb wie ein neuronaler Fingerabdruck. Aber genau gleich wie ein Fingerabdruck kann sie situationsbedingt – etwa nach durchzechter Nacht – «dreckig» werden. Das soll bei diesem Gespräch nicht passieren, deshalb bleiben wir im Kunsthaus-Restaurant beim Tee, Pfefferminz und Rooibos.

Alkohol setzt die Impulskontrolle herab. Das mag erwünscht sein, wenn jemand überkontrolliert ist («Zu viel Kontrolle ist ja auch nicht immer zum Besten», sagt die Wissenschaftlerin) – einer ohnehin schwachen Impulskontrolle kommt das aber nicht zugute. Man erinnert sich in diesem ­Zusammenhang an den französischen Schauspieler Gérard Depardieu, der vor einigen Jahren in Paris vor dem Abflug nach Dublin in den Gang des auf den Start wartenden Flugzeugs pinkelte. Aber solch einfache Assoziationen halten dem neurowissenschaftlichen Befund nicht stand: «Dafür können x andere Ursachen verantwortlich sein.»

Was sagt Sigmund Freud dazu?

Die Soziale Neurowissenschaft ist ein Grenzgang zwischen jenen Disziplinen, die Daria Knoch stets faszinierten: Sozialpsychologie, die sie an der Universität Zürich studierte. Medizin, in der sie am Unispital Zürich tätig war und sich dort Techniken aneignete, welche die Hirnaktivität messbar und modellierbar machten. Und schliesslich die Verhaltensökonomie, an der Uni Zürich etwa von Ernst Fehr betrieben, weil diese mit ihren spieltheoretischen Ansätzen ideale Instrumente bietet, um soziale Interaktionen zu quantifizieren. Was passiert im Hirn, wenn einer im spielerischen Experiment hin- und hergerissen ist, zwischen teilen und für sich behalten, dem Gebot der Fairness entsprechen oder das Eigeninteresse auch gegen die Fairnessregeln durchsetzen?

Da wärs interessant, zu hören, wie die Soziale Neurowissenschaft zu früheren Errungenschaften in den sie mitbegründenden Disziplinen steht. Zum Beispiel zu den Erkenntnissen jenes Wiener Psychologen namens Sigmund Freud, der sich im frühen 20. Jahrhundert mit Bewusstsein, ­Unterbewusstsein und Impulsen beschäftigte. Das von den Neurowissenschaftlern vermessene Kontrollzentrum könnte ja womöglich das freudsche Über-Ich sein, dem man nun mit neuro­wissenschaftlichen Messmethoden genauer auf die Schliche kommt?

In der Tat soll es eine Skizze von Freud geben, in der der Begründer der Psychoanalyse das Über-Ich im frontalen Hirnlappen gezeichnet hat, weiss Daria Knoch. Aber weiter will sie sich nicht auf die Äste herauslocken lassen, und so spielt sie die Frage zurück, ob die von ihr vermessene Impulskontrolle nun ins Bewusste oder Unbewusste gehört: Was denkt der Journalist? Der, von Berufes wegen ein notorischer Grenzgänger, vermutet: ­Impuls unbewusst, Kontrolle bewusst.

Das ideale Mass der Impulskontrolle

Wie ein intaktes Impulskontrollzentrum entsteht, weiss man bis heute nicht. Ein Teil muss angeboren sein, ein anderer in der Sozialisation trainiert. In der Summe entsteht jene Charaktertypologie, die in der Populärpsychologie aktuell vertreten wird: Unterkontrollierte, Überkontrollierte und Resiliente, gewappnet mit dem idealen Mass an Impulskontrolle gegen die alltäglichen Widrigkeiten des Lebens, zumindest in friedlichen Zeiten (TA vom 7. 7. 2015). Vielleicht wird auch die Religion bei der Prägung dieser Typen eine Rolle spielen, vermutet der Journalist: Im Katholizismus scheint unter den Gläubigen der Anteil des unterkontrollierten Typs höher zu sein als im Protestantismus. Folglich braucht es im Katholizismus mehr Aufpasser, alttestamentarische Drohungen und Dogmen.

Daria Knoch hält das für journalistische Spekulationen und expliziert lieber die Erkenntnisse der Grundlagenforschung, sie sind interessant genug: «Wir haben festgestellt, dass Probanden, die im Alltag eine bessere Impulskontrolle haben, auch eine höhere Ruheaktivität in ihrem Frontalgehirn aufweisen. Und sind den Mechanismen auf der Spur, wie man die daran beteiligten Netzwerke im Gehirn mittels Stimulation verbessern kann», sagt sie. Dabei unterstützt die linke Hand ihre Erklärungen in der Luft, die motorische Bewegung aktiviert das Frontalhirn kontralateral, so viel habe ich gelernt: Bewegungen der linken Körperhälfte stimulieren den rechten Stirnlappen.

Ihre Hand bleibt nur auf dem Tisch, wenn sie der Journalist auf unerforschtes Gebiet locken will. Zu Recht, die Neurowissenschaft wird mit ungesicherten Aussagen angreifbar. Die sind von ihr beim ­Pfefferminztee nicht zu haben.

Erstellt: 05.09.2015, 08:58 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Was passiert bei einem Konkurs meiner Bank?

Mamablog Besonders ist nicht besser

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...