Die Last des Verschweigens

Geheimnisse zu haben, ist zutiefst menschlich und nicht nur schlecht. Doch es kann auch krank machen, wie Studien zeigen.

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Haben Sie ein Geheimnis, das Sie belastet? «Raus damit!», sagt Michael Slepian von der New Yorker Columbia University nach einer ganzen Serie von Studien mit erstaunlichen Erkenntnissen. Wobei Sie sich allerdings nicht zwingend der Person öffnen müssen, die durch die Beichte verstimmt bis schwer verstört sein könnte. «Das braucht eine gewissenhafte Abwägung von Nutzen und Schaden», meint der Psychologe.

Nun gibt es Geheimnisse – und richtige Geheimnisse. Die Rezeptur für das beste Tiramisu, die man zu haben glaubt. Die so rührende wie harmlose erotische Sehnsucht nach der Nachbarin aus dem zweiten Stock. Dass der Sessel im Wohnzimmer nur ein Imitat ist. Geschenkt! Dann aber: eine Zweitbeziehung, womöglich noch mit Kind, ein begangenes Verbrechen oder eine Mitwisserschaft, hohe Schulden über Jahre. Bittere Hämmer! Durchschnittlich 13 Geheimnisse schleppt jeder Mensch mit sich herum, hat Slepian ermittelt. Fünf davon, so der Psychologe weiter, «hat er noch nie einem anderen verraten».

Stress, Depression, Einsamkeit

13'000 Geheimnisse von Probanden aus etlichen Studien hat der Psychologe analysiert und in 38 Kategorien unterteilt. Zum Beispiel Lügen, sexuelle Untreue, sexuelle Orientierung, Drogenkonsum, geheime Hobbys und so weiter. 2000 neue Probanden hat Slepians Team dann gefragt, ob sie aktuell ein Geheimnis aus dem Katalog der 38 hätten. Fast alle bejahten. Einen Vertrauensbruch verschwiegen knapp die Hälfte der Versuchsteilnehmer, 60 Prozent hüllten sich in Schweigen wegen finanzieller Probleme oder einer Lüge, 33 Prozent wegen eines Diebstahls oder Unzufriedenheit bei der Arbeit. Und auch romantische Fantasien mit einem anderen Partner behielt man sehr gerne für sich.

Die Geheimniskrämerei kann allerdings schwer auf die Stimmung schlagen – in Form von Stress, Angst, Depression, Einsamkeit und mangelndem Selbstwertgefühl. «Das haben etliche Studien belegt», betont Slepian. Sogar die Intelligenzleistungen lassen ordentlich nach, wie seine US-Kollegen Clayton Critcher und Melissa Ferguson zeigten.

Zuvor hatte Slepian selbst entdeckt, dass ein Berg steiler erscheint sowie Distanzen länger und körperliche Aufgaben mühsamer wirken, wenn man ein grosses Geheimnis hüten will. «Die Wahrnehmung der Welt verändert sich», sagt der Psychologe. Das Geheimnis komme der Last eines schwer bepackten Rucksacks gleich. Ausserdem verhielten sich Geheimnisträger unsozialer, wenn es beispielsweise darum ging, Umzugskartons zu schleppen.

Ein Schönheitsfehler blieb allerdings: Andere Forschergruppen konnten die von Slepian gefundenen Effekte in ähnlichen Studienszenarios nicht bestätigen. Selbst der New Yorker Psychologe konnte seine eigenen Resultate nicht wiederholen. Davon angestachelt, beschloss Slepian, sich der Sache noch intensiver zu widmen.

Etwas zu verstecken, ist harte Arbeit.

Traditionell definieren Heimlichkeitsexperten ein Geheimnis als sozialen Akt, als willentliches Verbergen von Informationen gegenüber anderen. Etwas zu verstecken, ist demnach harte Arbeit, weil man genau darauf achten muss, was man sagt und so weiter. Slepian reichte diese Definition aber nicht.

Er begann, die Natur des Geheimnisses grundlegend neu zu überdenken – basierend darauf, dass wir die meiste Zeit allein mit unseren Geheimnissen verbringen. «Der aktive soziale Akt, seine Geheimnisse zu hüten, ist nur ein kleiner Teil der ganze Geschichte», mutmasste der Psychologe und ging der Sache in zehn, entsprechend neu gestalteten Studien mit rund 1500 Probanden auf den Grund.

Zunächst fand Slepian heraus: Die schwere Last der Verschwiegenheit baute sich nur auf, «wenn die Probanden des Öfteren über ihre Geheimnisse sinnierten, grübelten, tagträumten», so der Forscher – also wenn sie allein waren. Die aktive Verhüllung im sozialen Kontakt schlug sich dagegen kaum aufs Wohlbefinden nieder.

Je bedeutsamer ein Geheimnis sei, desto mehr denke man darüber nach, sagt Slepian. Das erscheint auch logisch: Wenn man ein Ziel verfolgt – in diesem Falle ein Geheimnis wahren –, schweifen die Gedanken immer wieder spontan dorthin, um dieses Ziel auch wirklich zu erreichen. Nur, dass der Prozess in diesem Falle oft die Stimmung in den Keller sinken lässt.

Tagebuch schreiben hilft

Oder genauer gesagt: Nicht offen und ehrlich sein zu können – vor allem in Beziehungen – und sich nicht authentisch zu fühlen als die Person, die man ist, bekümmerte die meisten Probanden in Slepians Studien. In diesen Gedankenschleifen, gaben die Teilnehmer an, seien sie mit ihrem Leben unzufrieden. «Verschwiegenheit», definiert daher Slepian neu, «ist bereits die Absicht, eine Information zu verbergen.»

«Ein Geheimnis zu haben und eines zu hüten, sind zwei Paar Schuhe», sagt auch die Sozialforscherin Catrin Finkenauer von der Universität Utrecht. Sie weist ausdrücklich darauf hin: Informationen zu verbergen – oder zu enthüllen –, hat nicht nur schlechte Seiten. Geheimnisse sind vielmehr ein wichtiges Regulativ in sozialen Beziehungen in allen Bereichen des Lebens.

Ab dem 12. Lebensjahr begreifen Kinder, was Privatheit bedeutet. Eltern wissen das zu gut, wenn das Kinderzimmer plötzlich zum Hort von Heimlichkeiten wird. «Über Geheimnisse gewinnen Teenager Autonomie und Selbstbestimmung», sagt die Niederländerin, «sie lernen zu entscheiden, wer was von ihnen wissen darf und wer nicht.» Je mehr Geheimnisse sie vor ihren Eltern haben, umso autonomer entwickeln sie sich, hat Finkenauer herausgefunden. Allerdings können sie so auch leichter seelische Probleme bekommen, die sich aber auflösen, sobald sie ihre Geheimnisse Freunden offenbaren.

Seine Geheimnisse kontrolliert zu lüften, ist ein guter Weg, «sich sein ganzes wahres Selbst zurückzuholen», sagt auch Michael Slepian. Offenbaren kann man sich einem Therapeuten, einem Coach oder, wenn es denn sein muss, einem der eigens dafür gegründeten Internetportale. Dort kann man anonym – was immer das im Internet bedeuten mag – seine Geheimnisse preisgeben. Auch schreiben in ein Tagebuch ist eine Form des Rauslassens, die nachweislich helfen kann – selbst wenn das Geschriebene geheim bleibt.

Auf der Website keepingsecrets.org (englisch) kann man herausfinden, in welche Kategorie die eigenen Geheimnisse fallen und welche andere Menschen haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2017, 18:12 Uhr

In Zahlen

Untreue, Diebstahl, Finanzen

38 Kategorien haben Psychologen bei den Geheimnissen ausgemacht. Dazu zählen unter anderem Lügen, Untreue, Drogen oder die sexuelle Orientierung.

13 Geheimnisse trägt ein Mensch im Durchschnitt laut Psychologen mit sich herum. Fünf davon hat er noch nie einem anderen verraten.

60 Prozent verschwiegen in einer Studie finanzielle Probleme oder eine Lüge, 33 Prozent einen Diebstahl oder Unzufriedenheit im Job.

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