Die Macht der Buchstaben

Wenn ein Mensch lesen lernt, wird sein Gehirn regelrecht umgekrempelt. Das zeigt eine neue Studie mit erwachsenen Analphabetinnen – die auch den Umgang mit Lese- und Schreibschwäche verändert.

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Wie schafft es unser Gehirn, aus einer Buchstabenfolge blitzschnell ein Wort nach dem anderen zu entziffern und sofort mit Inhalt zu füllen? Schliesslich müssen wir uns unter jedem einzelnen Wort ja auch etwas vorstellen können, um das Gelesene richtig einzuordnen und zu verstehen.

«Lesen ist, evolutionär gesehen, eine sehr junge Erfindung», sagt der Entwicklungspsychologe Michael Skeide vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Obwohl unsere Urahnen vor rund zwei Millionen Jahren möglicherweise als Erste eine Art Ursprache benutzt haben, kann die Menschheit erst seit rund 5000 Jahren lesen. Allerdings verging noch sehr viel Zeit, bis das Lesen flächendeckend auch in Schulen unterrichtet wurde. «Im deutschsprachigen Raum war es vor 200 Jahren immer noch ein Privileg für Klerus und Adel», erklärt Skeide. Eine so kurze Zeitspanne sei wie ein Wimpernschlag in der Evolutionsgeschichte.

Kein Gen fürs Lesen

In der aktuellen Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift «Science Advances» berichtet Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in den Niederlanden gemeinsam mit dem Leipziger Forscher Skeide, dass im Zuge des Lesenlernens ein radikaler Umbauprozess in unserem Kopf stattfindet. Erstmals konnten die Forscher nachweisen, dass dabei nicht nur der äussere Mantel unseres Gehirns, also die Grosshirnrinde, sondern auch tiefer liegende Strukturen des visuellen Verarbeitungspfades neu organisiert werden.

«Die Biologie hat zu wenig Zeit gehabt, spezifische Strukturen im Hirn aufzubauen und ein Lese-Gen zu entwickeln», erklärt Skeide. Ähnlich wie beim Musizieren werde uns auch diese Kulturleistung nicht in die Wiege gelegt, sondern müsse nach wie vor zuerst erlernt werden. Dem Gehirn bleibe somit nichts anderes übrig, als vorhandene Ressourcen zu nutzen.

Um zu untersuchen, was dabei im Gehirn passiert, lernten in Indien Analphabetinnen im Alter von 24 bis 40 Jahren die Schrift Devanagari, deren komplexe Zeichen häufig nicht nur für einzelne Buchstaben, sondern auch für ganze Silben und Wörter stehen. Nach sechs Monaten Unterricht erreichten die Teilnehmerinnen bereits ein Niveau, das sich ungefähr mit Erstklässlerinnen vergleichen lässt. Gemäss der Studie scheint das Gehirn beim Lesenlernen – im Gegensatz zum Erwerb einer Fremdsprache – auch bei Erwachsenen noch sehr formbar zu sein, wie aus den Hirnscans der Probandinnen deutlich hervorgeht.

Ein Update im Gehirn

«Das Gehirn wird regelrecht umgekrempelt», sagt Skeide. Besonders bemerkenswert sei, dass schriftsprachliches Lernen, obwohl es eine evolutionäre Neuheit sei, selbst «alte» Bestandteile des visuellen Systems tiefgreifend reorganisiere. Dabei findet eine Art Recyclingprozess statt. Um Wörter lesen zu können, muss das Gehirn seine «Navigationssysteme» so umprogrammieren, dass wir uns nicht mehr nur in unserer alltäglichen Umgebung, sondern auch in Buchstabenwelten zurechtfinden.

Diese neuen Erkenntnisse sprechen gegen eine etablierte Theorie der Legasthenie. «Bisher ging man davon aus, dass erwachsene Legastheniker Defizite in der visuellen Verarbeitung zeigen», sagt Michael Skeide. Allerdings sei derzeit noch völlig unklar, ob diese Defizite tatsächlich eine Ursache oder nur eine Folge der Legasthenie sind. Es könne sein, dass Betroffene ihr visuelles System einfach weniger intensiv trainierten, weil sie weniger Zeit mit dem Lesen verbrächten. Schliesslich strengt es sie ja auch mehr an als Nicht-Legastheniker.

Die Befunde der Studie veranschaulichen, wie stark sich solche Erfahrungsunterschiede durch mehr Lesen und eine intensive Förderung schon nach kurzer Zeit ausgleichen könnten. Dementsprechend erscheine es wenig versprechend, bei Kindern mit Legasthenie die visuelle Verarbeitung zu trainieren, erklärt Skeide. Wirksam seien dagegen auditive Übungen, welche die Fähigkeit verbessern, Sprachlaute gezielt auseinanderzuhalten und mit visuellen Objekten in Zusammenhang zu bringen.

Legasthenie früh erkennen

Wenn Eltern bereits eine Lese- und Rechtschreibschwäche haben, dann liegt oft auch ein erhöhtes Risiko bei ihren Kindern vor. Mit einer Trefferquote von 75 Prozent lässt sich bei Kindern im Vorschulalter bereits dank Hirnscans herausfinden, ob sie Legastheniker sind oder nicht. Oft haben sie eine bestimmte Variante des Gens NRSN1 geerbt, das für die Entwicklung der Nervenzellen wichtig ist und im Hirn das Wortform-Areal beeinflusst, das für das Erkennen von Buchstaben und Wörtern zuständig ist.

«Die Untersuchung selbst dauert nur sechs Minuten», sagt Skeide, der zusammen mit seinem Team im Rahmen einer anderen Studie 141 Kinder für MRT-Scans in die Röhre schob. Je früher eine Legasthenie erkannt werde, desto grösser sei die Chance, dass die Ausprägung der Störung deutlich abgeschwächt werden könne. Auch sei dies besser für das Selbstbewusstsein der Betroffenen. Die Studie in Indien versteht Skeide derweil vor allem als ein ermunterndes Signal an erwachsene Menschen, die noch nicht lesen und schreiben gelernt haben. Denn wie das Training der indischen Analphabetinnen gezeigt hat, kann man in kurzer Zeit gewaltige Fortschritte erreichen. «Und dies sogar auch im höheren Alter», sagt Skeide. Das Hirn sei auch dann plastisch genug, um diese neue Fähigkeit einzubauen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2017, 21:33 Uhr

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Legasthenie ist eine Störung im Erwerb und im Gebrauch der Schriftsprache. Rund fünf bis zehn Prozent aller Schulkinder in der Schweiz sind betroffen. Ihnen fällt es schwer, lesen zu lernen. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun, darüber sind sich die Experten einig. Doch da ein Grossteil des Wissens in der Schule schriftlich vermittelt wird, haben Legastheniker erhebliche Nachteile. Häufig sind sie frustriert und verunsichert, was sie vor allem auch psychisch belastet. Denn sie merken selbst, dass sie zu langsam sind.

Im Jahr 2012 hatte eine Zürcher Forschergruppe mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) den zeitlichen Verlauf der Informationsverarbeitung im Gehirn bei mehr als hundert Schülern gemessen. Demnach brauchen Kinder im Durchschnitt 200 Millisekunden, um beispielsweise einen Buchstaben von einem Dreieck zu unterscheiden. Obwohl dies auch Legastheniker ähnlich schnell verarbeiten, reagieren sie im Vergleich zu Nichtlegasthenikern weniger stark auf Schrift und Wörter.

Viele Lehrkräfte in der Schweiz benutzen spezielle Softwarepakete wie etwa Dybuster, damit die Schüler zusätzlich noch individuell und selbstständig auch am Computer weiterüben können. (bry)

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