Erster Masern-Toter in der Schweiz seit Jahren

In der Schweiz ist ein junger Erwachsener an Masern gestorben. Warum sich die Krankheit in Europa wieder ausbreitet.

Eine Maserninfektion ist nicht immer harmlos – auch bei Kindern nicht. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Eine Maserninfektion ist nicht immer harmlos – auch bei Kindern nicht. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

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Eigentlich war der Mann gegen Masern geimpft. Geschützt hat ihn das jedoch nicht. Er musste auf eine Intensivstation eingeliefert werden, wo er schliesslich an Lungenversagen starb. «Ein ganz tragischer Fall, wie er in der Schweiz bis jetzt zum Glück nur selten vorkommt», sagt Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). Der letzte Masern-Todesfall geschah im Jahr 2009. Damals starb ein zwölfjähriges Mädchen aus Frankreich in Genf.

Dar aktuelle Fall war bislang nicht bekannt. Vom BAG erhält man dazu nur wenige Informationen: Es handle sich um einen jungen Erwachsenen und er sei im Februar verstorben. Er litt an Leuk­ämie, und sein Immunsystem wurde durch die Therapie stark unterdrückt. Das ist auch der Grund, warum ihn die Masernimpfung nicht schützte. «Wo er sich angesteckt hat, wissen wir nicht», sagt Koch.

«Der Fall zeigt, wie wichtig es ist, dass wir das Masernvirus auch in der Schweiz eliminieren», sagt der Mediziner weiter. Es gebe viele Personen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft seien oder bei denen sich trotz Impfung nicht der nötige Schutz entwickeln könne.

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Bei seinem Vorhaben, das Masern­virus zu eliminieren, hat der Bund unlängst eine positive Zwischenbilanz gezogen. Die Durchimpfung ist demnach überall in der Schweiz erhöht worden, insbesondere in den Kantonen mit bisher tiefer Rate. Bei den jungen Erwachsenen kam es von 2012 bis 2015 zu einem Anstieg von 10 Prozentpunkten auf 87 Prozent. «Das ist besonders erfreulich, da diese Gruppe sehr schwer erreichbar ist für Impfkampagnen», so Koch.

Auch bei den Zweijährigen beträgt die notwendige Durchimpfung mit zwei Dosen nun 87 Prozent. Bei 16-Jährigen sind es 92 Prozent. Bemerkenswert: Im als impfmüde bekannten Kanton Appenzell Innerrhoden stieg die Rate bei zweijährigen Kindern zwischen 2008 und 2014 von 50 auf 84 Prozent.

Kinder impfen lassen oder nicht? Eine alte Diskussion, hier aufgewärmt nach einem Masernausbruch in New York. Video: Reuters

Für die von der Weltgesundheitsorganisation WHO angestrebte Masernelimination müsste allerdings eine Durchimpfung von 95 Prozent erreicht werden. In der WHO-Region Europa haben laut der europäischen Seuchenbehörde ECDC inzwischen 24 von 53 Ländern dieses Ziel erreicht. Am weitesten davon entfernt sind insbesondere die Länder Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Polen, Rumänien – und die Schweiz. Sie sind derzeit von Ausbrüchen betroffen.

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Viele Todesfälle in Rumänien

Verschiedene europäische Länder melden eine Häufung von Masernfällen. Das meldete die europäische Seuchenbehörde ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) Ende vergangener Woche. Am meisten betroffen ist zurzeit Rumänien, wo es alle paar Jahre zu einer Epidemie kommt. Seit September letz­­ten Jahres hat das Land annähernd 3500 Fälle registriert. Betroffen sind vor allem Babys und kleine Kinder. 96 Prozent waren nicht geimpft. «Der gegenwärtige Ausbruch in Rumänien folgt dem Muster früherer grosser Ausbrüche», schreibt das ECDC. In den Jahren 2005/6 und 2011 bis 2013 wurden jeweils rund 10'000 Erkrankungen gemeldet.

Bei der aktuellen Masernwelle in Rumänien fällt die Zahl der Todesopfer auf: Das ECDC spricht von insgesamt 17. «Das ist eine sehr hohe Zahl», sagt Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Sie entspricht 5 Fällen pro 1000 Erkrankungen. In Industrie­ländern liegt die Sterblichkeit an Masern gemäss BAG eigentlich mehr als zehnmal tiefer. In Entwicklungsländern beträgt sie allerdings oft bis zu 50 pro 1000 Erkrankte.

Die meisten Betroffenen sind zwischen 15 und 39 Jahren alt.

«Möglicherweise wurden vor allem die schweren Masernfälle erfasst, sodass die Sterberate verzerrt sein könnte», relativiert Koch die hohen Zahlen aus Rumänien. «Allerdings wären auch dann noch die Zahlen sehr hoch.» Er schliesst jedoch aus, dass derzeit ein besonders aggressiver Masernstamm unterwegs ist. Bei den Maserntoten in Rumänien handelt es sich um Personen mit geschwächtem Immunsystem oder mit mehreren bereits bestehenden Krankheiten. Dies geht aus einer ECDC-Risiko­analyse von Anfang Monat hervor.

Auch andere europäische Länder sind betroffen. In Italien sind seit Anfang Jahr laut Medienberichten 700 Fälle aufgetreten – mehr als eine Verdreifachung gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr. Die meisten Betroffenen sind zwischen 15 und 39 Jahren alt. Im Februar kam es zudem zu 75 weiteren Erkrankungen in der Stadt Pescara bei ungeimpften Erwachsenen. Ein Drittel habe hospitalisiert werden müssen, heisst es im ECDC-Bericht.

Deutschland meldet ebenfalls gehäuft Masernfälle. Seit Anfang Jahr wurden 200 Fälle erfasst; 2016 waren es insgesamt 320. In Österreich kam es dieses Jahr bis jetzt zu 70 Erkrankungen. Belgien meldete 160 Fälle, die Hälfte der Betroffenen wurde hospitalisiert. Unter den Erkrankten seien auch 15 Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Die Epidemie scheine sich weiter auszubreiten. In Frankreich ist die Mosel-Region im Nordosten am stärksten betroffen. Dort kam es zu mehr als 50 Erkrankungen. 85 Prozent waren nicht geimpft.

Verdoppelung in der Schweiz

In der Schweiz bestätigt das BAG nun den ersten Maserntodesfall seit 2009. Wie in Rumänien handelt es sich auch hier um einen Patienten mit einem geschwächten Immunsystem. Bei den Masernerkrankungen generell beobachtet das Bundesamt seit einiger Zeit eine deutliche Zunahme. So stiegt im Jahr 2016 die Zahl der Fälle mit 71 auf das Doppelte im Vergleich zum Vorjahr. Fast 90 Prozent waren dabei nicht oder nur unzureichend geimpft. Ein Viertel musste hospitalisiert werden, 8 Prozent erlitten eine Lungenentzündung.

«Es bereitet uns Sorgen, dass sich die Tendenz zu mehr Ansteckungen 2017 fortzusetzen scheint», sagt Daniel Koch vom BAG. Er erwartet in der Schweiz allerdings keine Epidemie wie in den Jahren 2006 bis 2009, als über 4400 Menschen erkrankten. «Die Durchimpfung ist gestiegen, und wir sind auch sonst gut vorbereitet, um lokale Ausbrüche schnell einzu­dämmen.»

«Wir sind gut vorbereitet, um lokale Ausbrüche einzu­dämmen.»Daniel Koch, BAG

Insgesamt registrierte das BAG acht solcher Ausbrüche im letzten Jahr. Im Kanton Schwyz steckten sich acht junge Erwachsene an infolge einer Einschleppung aus Australien. In der Waadt kam das Virus aus Europa und führte an zwei Schulen mit jungen Erwachsenen zu 22 Erkrankungen. In Freiburg infizierten sich im Januar und Februar an einer Schule eine Lehrerin und sechs Schüler und Schülerinnen. Der Ursprung ist unbekannt. Ende Dezember bis Anfang Januar kam es in Graubünden bei jungen Erwachsenen zu sieben Erkrankungen. Möglicherweise haben sich dort auch drei deutsche Touristen angesteckt.

Bei der letzten grossen Epidemie in der Schweiz wurde das Masernvirus in mehreren Fällen auch ins Ausland exportiert. Derzeit übernimmt Rumänien diese Rolle. Im vergangenen Jahr berichteten acht EU-Länder von insgesamt 34 Fällen, in denen sich die Betroffenen in Rumänien angesteckt hatten. «Auch in der Schweiz besteht der Verdacht, dass ein Fall aus Rumänien eingeschleppt worden ist», sagt Koch.

Eine Maserninfektion ist nicht harmlos

Die Todesfälle bei den jüngsten Ausbrüchen erinnern daran, dass eine Maserninfektion nicht immer harmlos ist. Komplikationen wie Mittelohrentzündung oder Lungenentzündung sind nicht selten. Eine Hirnentzündung kann in einem von 1000 Fällen auftreten. Häufiger als bislang gedacht ist zudem die sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis. Sie tritt mit einer Verzögerung von bis zu zehn Jahren auf. Es kommt zu einer Hirnentzündung, die zu schwersten Schäden und in den meisten Fällen zum Tod führt. Neuere Daten zeigen, dass sie bei Kindern unter fünf Jahren in 1 von 1700 Infektionsfällen vorkommt. Bisher ging man von einem Risiko von 1 zu 100'000 aus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2017, 06:23 Uhr

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