Sie pflanzt Menschen falsche Erinnerungen ein

Unser Gedächtnis arbeite nicht zuverlässig, sagt Forscherin Julia Shaw. Mit ihren Experimenten wurde sie quasi zur Memory-Hackerin.

Julia Shaw klärt Polizei und Juristen über die Tücken des Erinnerns auf. Foto: Boris Breuer

Julia Shaw klärt Polizei und Juristen über die Tücken des Erinnerns auf. Foto: Boris Breuer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Julia Shaw ist nach ihrem Vortrag schnell von Neugierigen umringt. «Kann es sein, dass ich mich an einen Flug zum Vater im Alter von zwei Jahren erinnere?», will einer wissen. «Wie wahrscheinlich ist es, dass mir jemand eine falsche Erinnerung eingepflanzt hat?», ein anderer. Für die Rechtspsychologin ist das nichts Neues. Ihre Vorträge faszinieren und verunsichern die Menschen gleichermassen. «Das, woran Sie sich erinnern, hat so vielleicht nicht stattgefunden», ist eine der Hauptbotschaften von Julia Shaw. Auch im Volkshaus Zürich hat sie soeben einen souveränen, unterhaltsamen Vortrag über ihre Forschungen gehalten. Ist hin und her spaziert auf der Bühne, während sie dem Publikum erzählt, dass man eigentlich nicht wissen kann, ob eine Erinnerung echt oder falsch sei.

Eine halbe Stunde später sitzt Shaw in einem Besprechungszimmer des Volkshauses, trinkt zügig eine Flasche Wasser leer und lacht dann, als man sie fragt, was eine Memory-Hackerin – so nennt sie sich – ausmache. «Ich pflanze Menschen falsche Erinnerungen ein oder verändere ihre Erinnerungen», sagt sie. Natürlich alles im Dienste der Forschung. Sie sieht noch jünger aus als auf der Bühne. Jung ist Shaw sowieso, erst 30 Jahre alt, und hat trotzdem schon eine beachtliche Karriere hinter sich. Kürzlich hat sie von einer Dozenten- auf eine Forschungsstelle am University College London gewechselt. Ihr Buch «Das trügerische Gedächtnis» ist letztes Jahr erschienen, im Herbst folgt bereits das nächste über das Böse im Menschen. Shaw ist Expertin in verschiedenen Verfahren, berät Polizisten und Juristen, hat kürzlich ein Start-up gegründet und hält zahllose Vorträge. «Soll unsere Arbeit Bedeutung haben, müssen wir sie einfach erklären können», ist ihr Motto.

Erfundene Vorwürfe

In einer Studie mit 60 Freiwilligen gelang es Shaw vor zwei Jahren, 70 Prozent der Teilnehmenden falsche Erinnerungen unterzujubeln. Nach drei längeren Gesprächen glaubten die 20-jährigen Studenten, sie hätten im Alter von 14 Jahren eine Jugendstraftat begangen und Ärger mit der Polizei gehabt. Doch die Vorwürfe waren frei erfunden. Mit dem Einverständnis der Teilnehmenden hatte Shaw im Vorfeld mit deren Eltern gesprochen und Episoden aus ihrem Leben gesammelt. Alle Studenten hatten in der Jugend nie mit der Polizei zu tun gehabt.

In längeren Gesprächen gewann Shaw zuerst das Vertrauen der Teilnehmenden, sprach mit ihnen über tatsächlich Geschehenes und begann dann in einer zweiten Phase über eine erfundene Straftat in der Jugend zu sprechen. Als die Teilnehmer zuerst protestierten, überredete Shaw sie, sich mit möglichst viel sensorischen Details daran zu erinnern, was damals genau abgelaufen sein könnte. Sie hätten die Erfahrung vermutlich verdrängt. Während der letzten Sitzung erzählten jene Teilnehmer, die Shaw hatte überzeugen können, schliesslich von den falschen Erinnerungen mit genauso viel Details wie von den echten.

«Echte und falsche Erinnerungen fühlen sich gleich an», sagt Shaw. Deshalb könne man sich auch nicht auf Gefühle verlassen, die man mit einem erinnerten Ereignis zu verknüpfen meine. «Es ist mir klar, dass diese Erkenntnis viele Menschen verunsichert», sagt Shaw. Doch es sei ihr sehr wichtig, dass man wisse, wie unsere Erinnerung funktioniere. Nur wenn man sich das allererste Mal an etwas erinnert, greift das Gehirn auf die Originalerinnerung zurück. Das nächste Mal erinnert man sich an die erste Erinnerung. Dieser Prozess setzt sich unendliche Male fort. Die 50. Erinnerung ist dann ein Zurückdenken an die 49. Erinnerung und nicht an das originale Ereignis.

«Echte und falsche Erinnerungen fühlen sich gleich an.»

«Alle Menschen, die im Justizsystem arbeiten, sollten sich diese Tatsache immer vor Augen halten», sagt Shaw. Gerade auch bei Zeugenbefragungen. Wichtig seien zeitnahe Befragungen mit möglichst offen gestellten Fragen im Sinne von «Was ist passiert?». Sämtliche Befragungen sollten aufgezeichnet werden, findet Shaw. «Das geschieht bisher nur in Filmen.» Und man müsse sich bewusst sein, dass man nicht immer merke, wenn jemand lüge. «Alle, die meinen, Lügen gut entlarven zu können, haben einfach nicht bemerkt, wie oft man sie schon belogen hat.»

Die amerikanische Psychologin Elizabeth Loftus war in den 90er-Jahren die erste, die zu falschen Erinnerungen arbeitete. Sie zeigte, dass man sorgfältig umgehen muss mit sogenannt verschütteten Erinnerungen an sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Weil es leicht ist, die Betroffenen dazu zu bringen, sich etwas vorzustellen, das so nie stattgefunden hat. Shaw bezieht sich in ihrer Arbeit immer wieder auf Loftus. «Wichtig ist, dass der Therapeut keine Suggestivfragen stellt, nicht von sich aus das Thema eines möglichen Missbrauchs anspricht und nicht dazu einlädt, sich eine mögliche Situation einmal auszumalen.» Denn genau das könne, wie in ihrer Studie, zu falschen Erinnerungen führen. Das Konzept der verschütteten Erinnerungen, wie es Sigmund Freund einst vorschlug, entspreche heute nicht mehr dem Stand der Forschung, sagt Shaw. Das habe sich im allgemeinen Sprachgebrauch aber noch nicht durchgesetzt.

Trotz ihrer Unzuverlässigkeit seien Erinnerungen sehr wichtig. «Sie sind die Grundpfeiler unserer Identität, formen unser Ich, unsere Kultur.» Eine Zeit lang habe sie sich gefragt, weshalb sie selbst nur sehr wenige Kindheitserinnerungen habe. Dabei hatte sie ein sehr bewegtes Leben. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater Kanadier. Bis zum Alter von sechs Jahren lebte Shaw in Köln, dann zog die Familie nach Kanada, allerdings nicht ganz. «Ich bin im Monatsrhythmus zwischen den Kontinenten hin- und hergependelt.» Die Mutter arbeitete in Deutschland, der Vater in Kanada. «Wie viele Schulen ich besucht habe, kann ich gar nicht mehr zählen.» Mit zwölf kehrte Shaw nach Deutschland zurück, mit 17 wieder nach Kanada. «Umziehen ist für mich Normalzustand, es war kompliziert, aber ich denke, es hat mich auch sehr flexibel gemacht. Neues schreckt mich nicht, ich packe es an.»

«Ich habe mich immer schon für die grossen Konzepte interessiert.»

Zufällig stiess Shaw kürzlich auf ein Tagebuch, das sie zwischen neun und zwölf Jahren geführt hatte. Geschrieben hat sie darin aber nicht über ihren Alltag. «Schon auf der ersten Seite stand gross ‹Was ist Liebe?›, auf der nächsten Seite ‹Was ist Gott?›», sagt Shaw und lacht. «Ich habe mich immer schon für die grossen Konzepte interessiert.» Deshalb, ist sie heute überzeugt, habe sie auch wenige Erinnerungen. «Ich lebe im Jetzt und will lieber wissen, was als Nächstes kommt.»

So dämmerte ihr auch während des Psychologiestudiums, dass ihr die grossen Fragen und nicht die individuellen Probleme Einzelner am Herzen liegen. Sie sollte den Fall eines depressiven Mannes studieren und konnte sich nicht so richtig engagieren. «Ich möchte nicht einem Einzelnen helfen, sondern die Welt für viele verbessern.» Bei ihrem Start-up entwickelt sie nun mit anderen eine App, die Opfern sexueller Gewalt helfen soll, das Erlebte ereignisnah festzuhalten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2017, 11:50 Uhr

Artikel zum Thema

Hirnforscher mit einer guten Nachricht

Porträt Neuropsychologe Lutz Jäncke hat mit seiner Forschung zur Erkenntnis beigetragen, dass das Gehirn sehr veränderbar ist. Das bedeutet, dass wir es sogar verjüngen können – wenn wir es benützen. Mehr...

«Dann schreien die Medien gleich auf: Wie kann er nur!»

Interview Sprachforscherin Elisabeth Wehling untersucht, wie Politiker mit Begriffen Wähler manipulieren. Sie sagt, wie rechtspopulistische Sprache funktioniert – und wie wir damit umgehen. Mehr...

«Ihr Gehirn knistert vor Aktivität»

Interview Der Neurowissenschaftler Adrian Owen hat Wege gefunden, mit Menschen zu kommunizieren, die vollständig gelähmt sind. Lange Zeit galten diese als komplett bewusstlos. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...