«Die Pharmalobby ist viel zu stark»

Der Infektiologe Pietro Vernazza kämpft gegen die Diskriminierung von HIV-Patienten im Alltag. Zudem engagiert er sich für ein Revival günstiger und gut verträglicher Wirkstoffe.

Pietro Vernazzas Traum: Jährlich 55 Millionen Franken einsparen. Foto: Sabina Bobst

Pietro Vernazzas Traum: Jährlich 55 Millionen Franken einsparen. Foto: Sabina Bobst

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Es ist ein altes Medikament. Eines, das vor mehr als 20 Jahren erstmals bei der HIV-Behandlung eingesetzt wurde. Eines, das es jetzt aber nur noch als Generikum gibt. Der Grund: Nevirapin hat einen schlechten Ruf, weil damals etwa jeder fünfte Patient zu Beginn der Therapie schwere Unverträglichkeitsreaktionen zeigte. «Dadurch geriet es mehr und mehr in Vergessenheit», sagt der HIV-Experte Pietro Vernazza.

Zu Unrecht, findet der Chefarzt und Leiter der Abteilung für Infektiologie des Kantonsspitals St. Gallen bei unserem Treffen in seinem Büro. Er hat die Vor- und Nachteile dieses pharmazeutischen «Oldtimers» nun genauer untersucht und setzt sich vehement für ein Comeback ein. Rund die Hälfte seiner Patienten hat er inzwischen erfolgreich auf diesen Wirkstoff umgestellt.

Wenn Patienten schon mit einem anderen HIV-Medikament vorbehandelt sind, gibt es danach mit Nevirapin seltener Nebenwirkungen, und es wird auch ausgezeichnet vertragen. «Wir kennen anders als bei anderen HIV-Präparaten keine Langzeitnebenwirkungen der Substanz», betont Vernazza, der seit mehr als 30 Jahren HIV-Patienten betreut und unter anderem auch Präsident der Eidgenössischen Kommission für sexuelle Gesundheit war. Hinzu komme, dass die Krankenkassen dadurch jedes Jahr Kosten von mehreren Millionen sparen könnten.

Sex ohne Kondom

Der 62-jährige Mediziner ist dafür bekannt, dass er sich nicht unbedingt nach dem Mainstream richtet. Wenn er eine Sache für richtig hält, lässt er sich auch nicht so schnell von irgendwelchen Kritikern davon abbringen. So setzte sich Vernazza zusammen mit dem Chefarzt Enos Bernasconi aus Lugano und dem Klinikchef Bernard Hirschel aus Genf im Jahr 2008 dafür ein, dass HIV-Betroffene, die eine gut wirksame HIV-Therapie hatten, wieder angstfrei Sex ohne Kondom haben konnten.

«Die Botschaft schlug wie eine Bombe ein», erinnert sich Pietro Vernazza. Denn das sogenannte Swiss Statement brach mit einem in Stein gemeisselten Dogma. Für den Mut erhielten die Schweizer Pioniere viel Lob, aber auch Schelte. So lautete der typische Vorwurf, dass sie mit dieser Aussage die jahrzehntelange Präventionsarbeit kaputtmachen würden.

Doch Vernazza war damals schon überzeugt, dass bei einer richtigen Behandlung das Risiko einer Ansteckung vernachlässigbar klein ist. Denn mit ­Laboranalysen wies er zuvor nach, dass die Viruslast im Sperma beziehungsweise in der Vaginalflüssigkeit einer behandelten HIV-positiven Person in der Regel nicht mehr nachweisbar war. «Wir nahmen den Patienten die Angst», freut sich Vernazza. Dies sei ein Durchbruch gewesen. Betroffene Paare hätten fortan ihren Kinderwunsch auf natürliche Weise erfüllen können. Inzwischen sage er HIV-positiven Müttern unter Therapie sogar, dass sie ihre Babys ohne weiteres auch stillen könnten.

An der Oberfläche der infizierten Immunzelle sind viele winzige HI-Viren. Foto: Reuters

Dank der Fortschritte bei der Behandlung haben HIV und Aids im Gegensatz zu früher ihren absoluten Schrecken verloren. In der Schweiz muss heute niemand mehr jung an den Folgen von HIV sterben. Doch als Vernazza Mitte der 1980er-Jahre im Kantonsspital zuerst als Assistenzarzt arbeitete, erlebte er noch, wie die Patienten durch die Immunschwächekrankheit litten und am Schluss an Hirninfektionen, Lungen­entzündungen, Pilzerkrankungen oder Krebs starben.

1985 baute er in St. Gallen eine Sprechstunde für HIV-Positive auf. Zwei Drittel der Patienten waren zu dieser Zeit drogenabhängig. Oftmals Randständige, mit denen keiner gern etwas zu tun haben wollte. «Für die Untersuchungen musste ich ihnen immer selbst das Blut abnehmen, weil sich sonst niemand ­getraute», sagt Vernazza. In der Gesellschaft wurde eine HIV-Infektion häufig schnell einmal abschätzig als «Lust­seuche von Schwulen, Junkies und Prostituierten» bezeichnet, die ja selbst daran schuld seien.

«Ich akzeptiere andere Lebensweisen und interessiere mich auch dafür – ein Zeichen der Wertschätzung», betont Vernazza, der zu unserem Gespräch grüne Hosen und rote Socken trägt, die ihn nicht wie einen klassischen Mediziner aussehen lassen. Auch Vernazzas Frau, mit der er drei erwachsene Kinder hat, arbeitet im Kantonsspital und ist als Pflegefachfrau gleich nebenan im Gebäude tätig. Weil dort im obersten Stockwerk seine ambulanten Untersuchungszimmer sind, hält ihn das Treppensteigen von einem zum anderen Haus jeden Tag auf Trab. Auf dem Weg dorthin singt er gern – von Pop bis hin zur italienischen Canzone.

Standardtherapie kostet aktuell 15'000 Franken pro Jahr

Heutzutage lässt sich die Vermehrung von HI-Viren zwar effizient stoppen, sodass sie nicht mehr nachweisbar sind. Doch einige inaktive HI-Viren bleiben im Körper zurück, irgendwo im Blut, im Knochenmark, im Darm oder in den Lymphknoten. Diese schlafenden Erreger können jederzeit aktiv werden. «Deshalb ist es unerlässlich, dass Betroffene lebenslang täglich ihre Medikamente einnehmen», sagt Vernazza. Dies verursache jedoch auch hohe Kosten.

Eine Standardtherapie mit der derzeit üblichen Kombipille beträgt ungefähr 15'000 Franken pro Patient und Jahr. Deshalb will der St. Galler HIV-Experte jetzt mit einer grossen Studie zeigen, dass für viele Patienten eine Behandlung mit den beiden alten Wirkstoffen Nevirapin und Lamivudin nicht nur gut wirkt, sondern auch nicht so teuer wäre. Sie würde nur noch knapp 5000 Franken pro Patient und Jahr kosten. Unterm Strich könnten die Krankenkassen, wenn etwa ein Drittel der insgesamt 16'600 HIV-Behandelten in der Schweiz auf diese Medikamente umgestellt würden, jährlich circa 55 Millionen Franken sparen, rechnet er vor.

«Pharmalobby ist viel zu stark»

Dass dies funktioniert, hat er in einer Pilotstudie mit 20 Patienten gezeigt. Nun will er es auch noch im grossen Stil mit 200 Patienten beweisen. «Leider ist die Pharmalobby viel zu stark», beschwert er sich. Und der Schweizerische Nationalfonds habe die Finanzierung der Studie vor kurzem sogar abgelehnt, weil Nevirapin niemanden interessiere. Das mache ihn ratlos, da aus seiner Sicht der Nutzen medizinisch und auch finanziell enorm wäre.

Zunehmend kommen nicht nur HIV-Positive, sondern auch HIV-Negative zu ihm. Meist sind sie aus der homosexuellen Szene und wollen sich mit einer Pille präventiv schützen. «Nach so vielen Jahren Angst beim Sex, ob mit oder ohne Kondom, haben sie endlich die Möglichkeit, den Sex entspannt und ­locker zu erleben», sagt er. «Einigen Menschen empfehlen wir die Prophy­laxe auch, weil wir im Gespräch erkennen, dass sie ein sehr hohes Risiko haben, sich mit HIV anzustecken.»

Vernazza setzt sich gegen Stigma­tisierung und Diskriminierung ein. Ihm ist es wichtig, dass sein Team lernt, Vorurteile zu reflektieren und abzubauen. Zum Beispiel, wenn jemand wiederholt mit einer Syphilis in die Sprechstunde komme.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.05.2019, 19:04 Uhr

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