Die Pollen sind schon da

Wegen der Klimaerwärmung rechnen Ärzte mit einer Zunahme von Heuschnupfenpatienten. Was nützt?

Früh dran: Hasel (Bild) und Erle blühen bereits – zum Leidwesen der Heuschnupfengeplagten. Bild: Martin Siepmann

Früh dran: Hasel (Bild) und Erle blühen bereits – zum Leidwesen der Heuschnupfengeplagten. Bild: Martin Siepmann

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Gerade erst ist die kälteste Woche des Winters vorüber, und Tagesanzeiger.ch/Newsnet bringt einen Artikel zum Thema Heuschnupfen – gehts noch? Doch für Allergiker hat die «Saison» bereits begonnen. «Anfang Januar waren schon die ersten Hasel- und Erlenpollen in der Luft», sagt Arthur Helbling, Leiter der Allergologisch-Immunologischen Poliklinik am Inselspital Bern. Dass diese Pflanzen so früh dran waren, hat seinen Grund: Der Januar war im landesweiten Durchschnitt der wärmste seit Messbeginn 1864. Laut Meteo Schweiz blühten die Haselsträucher 26 Tage früher als üblich, an manchen Standorten sogar 31 Tage früher, wenn man den durchschnittlichen Blühbeginn seit 1996 als Massstab nimmt. Entsprechend konsultierten die ersten Patienten bereits im Januar ihre Ärzte. Juckende, laufende Nase, Niesanfälle, Nasenverstopfung, entzündete Augenbindehäute, Gaumenjucken – die bekannten Symptome, nur früher als sonst.

Immer frühere Blütezeiten

«In den letzten Jahren sahen wir auch eine Vorverschiebung der Blütezeit von Gräsern», sagt Helbling. «Die Gräserblüte fand früher erst Ende Mai statt, jetzt ist sie schon Ende April möglich.» Etwa zwei Wochen schneller seien auch die Birken, stellt der Allergologe fest. Die World Allergy Organisation geht ­davon aus, dass die Pollensaison mit ­zunehmender Klimaerwärmung früher beginnt, intensiver wird und länger dauert. Nimmt nämlich die Konzentration des Treibhausgases Kohlendioxid weiter zu, produzieren die Pflanzen auch immer mehr Pollen. Extreme Hitzeperioden, wie sie von Klimaforschern vorhergesagt werden, könnten die Zahl der an Heuschnupfen Leidenden zusätzlich ­etwas erhöhen, wie eine US-Studie nahelegt.

Bald schon wird also wieder jeder fünfte Patient unter 50 Jahren wegen eines Heuschnupfens in der Hausarztpraxis eintreffen. «In leichteren Fällen hilft bei akuten Symptomen meist ein Antihistaminikum am besten», sagt Spezialist Helbling. Für die Diagnose braucht es vorgängig nicht zwingend einen Blut- oder Hauttest. Diese helfen aber, um genau herauszufinden, gegen was der Patient allergisch ist – wobei die Tests allein noch keine Allergie beweisen. Bestätigt wird die Diagnose erst in Kombination mit den Angaben und Beschwerden des Patienten. Unbewiesen ist die Aussagekraft von Bio­resonanz- oder Kinesiologietests, die leicht in die Irre führen können. Halten die Symptome länger an und ist die Nase verstopft, empfehlen Ärzte einen Nasenspray mit einem Wirkstoff, der dem ­Cortison verwandt ist. Er bremst die Entzündungsreaktion. «Setzt man solche Sprays ­möglichst früh ein, lassen sich die allergischen Symptome in der Nase abschwächen», stellt Helbling immer wieder fest. Ein Tipp: nicht in Richtung der Nasenscheidewand sprühen.

Die Ursache des Heuschnupfens, eine überschiessende Immunreaktion auf Pollenproteine, beseitigen diese Medikamente jedoch nicht. Beim Kontakt mit dem allergieauslösenden Eiweiss, dem Allergen, bildet das Immunsystem bei den Betroffenen Antikörper. Mit einem ihrer drei «Arme» heften sich diese Antikörper an die Oberfläche bestimmter Gewebezellen. Beim nächsten Kontakt mit dem Allergen schütten diese Zellen Botenstoffe wie Histamin aus, die die Allergiesymptome verursachen.

Junge Leute häufiger betroffen

Fast immer braucht es mehrere Pollensaisons, bis es zur Allergie kommt. Entsprechend steigt die Häufigkeit des Heuschnupfens im Kindesalter steil an, eine zweite Spitze gibt es im jungen Erwachsenenalter. Nach dem 40. Geburtstag sinkt die Rate an Heuschnupfengeplagten. In schlimmeren Fällen führt die «Rhinitis pollinosa» (Heuschnupfen) zu Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen und Leistungsabfall in der Schule oder bei der Arbeit. Dann kann eventuell eine Desensibilisierung die allergische Reaktion abschwächen. Zur ihr raten Ärzte auch, wenn die Allergie «eine Etage tiefer» zu Asthma führt.

Desensibilisierung kann helfen

«Eine solche Immuntherapie sollte zwei bis vier Monate vor der Beschwerdezeit begonnen werden», betont Allergologe Helbling. Dabei kann der Patient entweder vier bis fünf Monate lang täglich eine Pollenallergenlösung unter die Zunge geben, oder er kann sich die Lösung von einem Arzt unter die Haut spritzen lassen. Beide Formen der Immuntherapie erstrecken sich über drei bis fünf Jahre. «Und beide Methoden sind vergleichbar gut», sagt Helbling. Die meisten Patienten erfahren dadurch eine Linderung der Symptome.

Vor Immuntherapien, bei denen der verdünnte Pollenextrakt in einen Lymphknoten gespritzt wird, warnt der Allergiespezialist hingegen. Einige Ärzte in der Schweiz bieten sie offenbar bereits an. Bestechend daran ist, dass nur gerade drei Spritzen zum Erfolg führen können (anstelle von 20 bis 45 bei der herkömmlichen Methode mit Spritzen unter die Haut). Auch wenn wenige Studien gute Ergebnisse gezeigt hätten, sei das noch immer eine experimentelle ­Behandlungsform, gibt Helbling zu ­bedenken. «Wenn dabei etwas schiefgeht, wird der Therapeut wohl juristisch in Schwierigkeiten geraten.»

Zu den gefürchteten, aber sehr sel­tenen Nebenwirkungen bei der Desensibilisierung gehören bedrohliche Reaktionen. Arthur Helbling zufolge treten moderate zu behandelnde Allgemein­reaktionen nach einer von 3500 bis 4000 Spritzen auf.

Erstellt: 04.03.2018, 17:28 Uhr

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Heuschnupfen: So reduzieren Sie die Pollenbelastung

Gegen den globalen Klimawandel und den dadurch vermehrten Pollenflug kann der Einzelne nicht viel ausrichten, im privaten Umfeld lässt sich aber einiges tun:


  • Beim Rasenmähen oder anderen Aktivitäten mit hoher Pollenbelastung eine Maske tragen.


  • Nach dem Aufenthalt im Freien die Nase mit Kochsalzlösung spülen, um die Pollen auszuwaschen.


  • «Pollenblocker-Creme» auf Vaseline-Basis linderte laut einer kleinen Studie die Beschwerden an der Nase. Das Produkt wurde dreimal täglich unten in die Nase gestrichen.


  • Vor dem Zubettgehen duschen, inklusive Haarwäsche.


  • Sport: Während der Pollenhochsaison möglichst am frühen Morgen oder nach Regen trainieren. Oder das Outdoortraining vorübergehend sogar bleiben lassen.


  • Beim Stosslüften gelangen weniger Pollen in die Wohnung, als wenn das Fenster ständig gekippt bleibt.


  • Pollenschutzgitter an Fenstern anbringen.


  • Im Auto: Lüftung ausschalten, Pollenfilter anbringen.


  • Kleidung, die tagsüber draussen getragen wurde, nicht nachts im Schlafzimmer deponieren.


  • Bei Gewittern (vor allem in den ersten 30 Minuten) und Stürmen werden viele Pollen aufgewirbelt, Allergiker sollten sich dann besser nicht im Freien aufhalten.


  • Beim Begrünen von Gärten und Städten Pflanzen mit geringem Allergiepotenzial wählen. Purpurerlen zum Beispiel produzieren viele Pollen.


  • Alternative Heilmittel: Wenige kleine Studien zeigten eine positive Wirkung komplementärer Methoden auf Heuschnupfen. Dazu zählen etwa Benifuuki-Grüntee, Pestwurzextrakt zum Einnehmen und ein Nasenspray mit Capsaicin und Eucalyptol. Allerdings sind auch sie nicht frei von Nebenwirkungen. Grundsätzlich neigen Menschen mit Heuschnupfen mehr als andere dazu, gegen weitere Substanzen Allergien zu entwickeln. Dazu zählen auch Kräuter.



Die aktuellen Pollenwerte sind zu finden unter www.pollenundallergie.ch. (mfr)

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