Die Professorin, die Erfolg im Leben vorhersagt

Die Psychologin Terrie Moffitt berechnet anhand von Genvarianten einen Wert, wie gut jemand in der Schule und später im Beruf abschneiden wird.

«Es gibt kein Verbrecher-Gen», sagt Terrie Moffitt. Foto: Jacobs Foundation

«Es gibt kein Verbrecher-Gen», sagt Terrie Moffitt. Foto: Jacobs Foundation

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Eigentlich war es nur eine ganz gewöhnliche Konferenz in St. Louis, bei der die damalige Postdoktorandin Terrie Moffitt ihr Poster aufgehängt hatte. Doch wie es der Zufall wollte, hing dieses gleich neben demjenigen ihres späteren Manns Avshalom Caspi, der ebenfalls als Postdoktorand über das Thema «Abweichende Wege von der Kindheit bis zur Erwachsenenwelt» forschte.

«Es hat sofort zwischen uns gefunkt», sagt die 64-jährige Psychologin und lacht. Sie verliebten sich 1987 quasi über ihre wissenschaftlichen Daten ineinander und arbeiteten alsbald zusammen. Seit gut zwanzig Jahren haben beide sogar eine Doppelprofessur an der amerikanischen Duke University in Durham sowie am britischen King’s College in London inne. Das Forscherduo publiziert am laufenden Band und wird mit Ehrungen und Auszeichnungen geradezu überschüttet. 2007 erhielt Moffitt unter anderem den Stockholm Preis für Kriminologie.

Zwillinge: Wie sie sich entwickeln, bestimmen Gene und Umwelt gemeinsam. Foto: iStock

«Wir ergänzen uns gut, da er der analytische Zahlenmensch ist und ich eher die Kommunikative, die Ergebnisse gern in einen gesellschaftlichen Kontext stellt», erklärt sie bei unserem Treffen im Hotel Panorama in Feusisberg, wo gerade die Jubiläumsveranstaltung der Jacobs Foundation stattfindet. Mit türkisblauer Brille, burschikosem Kurzhaarschnitt und originellem Metallschmuck fällt sie dort genauso auf wie ihr Mann mit seinen schneeweissen und kinnlangen Haaren.

Moffitt hat sich darauf spezialisiert, herauszufinden, wie das Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelt unser Verhalten entweder positiv oder negativ beeinflussen kann. Dabei interessiert sie sich vor allem für asoziales und kriminelles Verhalten wie auch für den Bildungserfolg von Kindern unterschiedlicher Herkunft.

Erfolgreiche Gene

Mit ihrer innovativen Forschung sorgt sie immer wieder für Aufsehen. So verwendet sie seit ein paar Jahren sogenannte Polygenic Scores. Dies sind Werte, die bestimmte erbliche Merkmale mit genetischen Auffällig­keiten im Erbgut in Verbindung bringen. Um diese Zahl für ein Individuum zu bestimmen, wird dessen Genom nach Hunderten oder Tausenden Variationen in der DNA-Sequenz systematisch durchforstet, und die resultierenden Daten werden dann mit einem Algorithmus ausgewertet.

«Erstmals haben wir damit nun auch den Bildungserfolg berechnet», erklärt sie. Dies sei ähnlich präzis wie ein IQ-Test. So stellte sie fest, dass Kinder mit einem hohen polygenen Wert ihre ersten Wörter früher sprachen, schneller lesen lernten als andere in ihrer Klasse, aber auch in der Pubertät ehrgeiziger und verantwortungsbewusster waren. Sie waren es auch, die als Erwachsene eher aus ihrer Heimatstadt wegzogen, später mehr verdienten und sich Partner mit höherem Einkommen suchten.

Dass solche Aussagen überhaupt möglich sind, liegt auch daran, dass die amerikanisch-britische Professorin an der Quelle einer der umfangreichsten «Daten-Gruben» sitzt. So ist sie zusätzlich noch stellvertretende Leiterin der bekannten Langzeitstudie im neuseeländischen Dunedin. Dabei werden mehr als tausend Menschen, die von April 1972 bis März 1973 auf die Welt kamen, alle paar Jahre regelmässig sehr aufwendig untersucht – vom Gesundheitscheck, verschiedenen kognitiven Tests, Befragungen über Schule, Beruf und Freizeit bis hin zum Gehirnscannen.

«Es gibt kein Verbrecher-Gen, sondern nur diverse Veranlagungen zu kriminellem Verhalten.»Terrie Moffitt

«Damals lernte ich sie als 13-jährige Jugendliche kennen», sagt die Psychologin. Seither verfolge sie deren Werdegänge durch alle Lebensalter hinweg. Somit hat sie als Forscherin auch Einblick in die dunklen Kapitel von einigen Personen erhalten. Sie weiss über deren finanziellen Nöte Bescheid, über Beziehungskrisen oder auch darüber, ob jemand Straftaten beging und im Gefängnis landete oder zum Alkoholiker wurde.

In England hat Moffitt zudem die «Environmental Risk»-Langzeitstudie mit 2232 gleichgeschlechtlichen Zwillingen ins Leben gerufen. Dabei wird ebenfalls der Einfluss von Genen und Umwelt untersucht. Dank dieser Daten sowie auch derjenigen aus Neuseeland fand Moffitts Mitarbeiterin Jasmin Wertz vor ein paar Monaten heraus, dass Menschen mit niedrigen polygenen Werten für den Bildungsabschluss nicht nur die Schule häufiger abbrechen, sondern auch eher straffällig werden. «Es gibt aber kein Verbrecher-Gen, sondern nur diverse Veranlagungen zu kriminellem Verhalten», erklärt Moffitt weiter. Zum Beispiel, dass jemand eine höhere Impulsivität oder geringere kognitive Fähigkeiten aufweist.

Misserfolge werden irrtümlicherweise auf Gene abgeschoben

Interessant ist, dass sich bei günstigen Lebensbedingungen die genetischen Anlagen für Asoziales oder Kriminelles nicht ausprägen. Das zeigt, dass die Persönlichkeit nicht nur von den Genen oder der Umwelt bestimmt wird, sondern stets ein Wechselspiel von beidem ist. Förderprogramme hätten somit auch bei Kindern mit «unvorteilhaften» Erbanlagen Aussicht auf schulischen Erfolg oder gute Karrierechancen, sagt Moffitt. Deshalb sei ein gutes soziales Umfeld auch so wichtig, insbesondere wenn jemand nicht gerade das grosse Los in der Gen-Lotterie gezogen habe.

Hat sie sich selbst auch mal testen lassen? «Nein», sagt sie entschlossen. Für sie seien die Projekte reine Forschung. Obwohl oft neugierige und besorgte Eltern anfragen, macht sie die Untersuchungen nur im Rahmen der Studie. Denn die Werte können auch falsch verstanden werden, sodass jemand etwa einen Misserfolg letztlich nur auf seine Gene abschiebt. Diese können zwar für bestimmte Fähigkeiten einen gewissen Vor- oder Nachteil bringen, aber jeder Mensch muss aus seinen biologisch gegebenen Talenten auch erst einmal etwas machen. Von allein geht es nicht.

22 Cousins und Cousinen

Wenn Moffitt auf ihre eigene Karriere zurückblickt, ist sie dankbar für die grosse Freiheit, die sie hatte und heute immer noch hat. So reist sie mit ihrem Mann beruflich viel zwischen London, Durham und Dunedin. In den USA lebt das «Forschertandem» unter der Woche in der Stadt in der Nähe der Universität und am verlängerten Wochenende dann auf der Farm der Grosseltern, wo sie zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwester aufgewachsen ist. «Im ganzen Dorf wohnen überall meine Verwandten», sagt sie. Insgesamt 22 Cousins und Cousinen, von denen viele wiederum auch Kinder hätten.

Fast genug für eine eigene «Moffitt»-Studie? Dafür habe sie nun wirklich keine Zeit mehr, sagt sie schmunzelnd. Denn sie hat auf der Farm ständig Besucher, muss hin und wieder grosse Familienfeste organisieren und sich natürlich auch um die Felder und das Land kümmern. Kühe hat sie im Gegensatz zu ihren Grosseltern keine mehr, obwohl sie die Tiere mag. «Immer so früh aufstehen wäre nicht mein Ding gewesen», fügt sie hinzu. Sie sei deshalb auch froh, dass sie sich damals nicht in einen Bauern verguckt habe.

Erstellt: 28.06.2019, 23:11 Uhr

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