«Die Schweiz verliert den Führungsanspruch»

Die Protonentherapie zählt zu den zukunftsträchtigen Krebsbehandlungen. Der Ex-Direktor des Protonenzentrums, Eugen Hug, wirft der Politik vor, sie verhindere den Ausbau.

Einzigartig in der Schweiz: Der Bestrahlungsplatz Gantry I am Paul-Scherrer-Institut in Villingen.

Einzigartig in der Schweiz: Der Bestrahlungsplatz Gantry I am Paul-Scherrer-Institut in Villingen. Bild: Reto Oeschger

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Herr Hug, vergangene Woche hat sich der Nationalrat dafür ausgesprochen, dass die Protonentherapie bis auf weiteres nur am Paul-Scherrer-Institut (PSI) stattfinden soll. Sie waren bis vor kurzem der Direktor des PSI-Protonenzentrums. Wie steht es um die Zukunft dieser Krebstherapie?
Die Schweiz muss sich Sorgen machen, dass sie in Rückstand gerät. Hierzulande wird behauptet, die Protonentherapie sei nur bei seltenen Erkrankungen angezeigt. Dies entspricht jedoch nicht der weltweiten Realität. Die Protonen werden zunehmend breiter angewandt. Die Schweiz muss sich entscheiden, ob man an der Entwicklung teilhaben will oder nicht.

Das PSI baut einen zusätzlichen Bestrahlungsplatz, mit dem es international ganz vorne mit dabei sein wird. Ein weiterer Platz mit Geld aus Zürich ist angedacht. Ist Ihre Sorge nicht unbegründet?
Der neue Bestrahlungsplatz Gantry II ist tatsächlich ein ausgezeichnetes Projekt, wahrscheinlich weltweit das beste. Die Schweiz hat damit bei der technologischen Innovation immer noch die Führung. Die Behandlungskapazität bleibt allerdings auch nach dem Bau begrenzt. Man wird vielleicht ein oder zwei neue Krebsformen zusätzlich behandeln können. Der Rest der Welt evaluiert gleichzeitig aber ein ganzes Spektrum an neuen Indikationen. Der medizinische Führungsanspruch geht so verloren.

Bei der Debatte um die Protonentherapie heisst es immer, dass der Bedarf in der Schweiz nicht so gross sei und deshalb mit einem Ausbau zugewartet werden könne.
Das habe ich noch nie so gesehen. Letztlich werden in der Schweiz nur die Krebsformen behandelt, die sich das PSI herausgesucht hat, um die Wirksamkeit seiner neuen Technologien am besten aufzuzeigen. Ich habe das auch immer unterstützt. Das heisst aber nicht, dass dies auch alle Tumore sind, für welche die Protonentherapie geeignet ist. Weltweit sind sehr viele Aktivitäten im Gang, und zwar bei häufigen Erkrankungen wie Lungenkarzinomen und Tumoren im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, Verdauungstrakt und Beckenbereich.

Laut PSI gibt es nicht einmal eine Warteliste.
Als ich Direktor war, hatten wir im Jahr mehr als 500 Anfragen. Darunter waren rund 350 Patienten, welche die eingeschränkten Vorgaben des PSI erfüllten. Behandeln konnten wir insgesamt gerade mal 120. Für mich heisst das, dass eine Warteliste besteht. Zwar kam die Mehrzahl der nicht behandelten Patienten aus dem Ausland. Doch wenn sich das PSI nicht auf ganz seltene Tumore beschränken müsste, kämen auch im Inland viel mehr Patienten infrage.

Wie hoch schätzen Sie denn den Bedarf in der Schweiz?
International ist akzeptiert, dass zwischen 10 und 15 Prozent aller Patienten, die heute mit konventioneller Strahlentherapie behandelt werden, künftig für eine Protonentherapie geeignet sein werden. In der Schweiz wären dies sicherlich mehr als 3000 Patienten.

Würde sich ein neues Zentrum bereits jetzt lohnen?
Ja, sicherlich. Wenn es bei einer innovativen Technologie mehrere Jahre dauert von der Planung bis zur Inbetriebnahme, muss man rechtzeitig damit beginnen. Es ist heute in keiner Weise spekulativ anzunehmen, dass künftig mehr Patienten bestrahlt werden. Fortschritte in der Medizin geschehen nicht, wenn man wartet, bis alle Studienergebnisse da sind. Dann ist man schon zehn Jahre hinterher. Die Protonentherapie ist eine sich schnell entwickelnde Technologie, bei der man entweder dabei ist oder nicht. In der Schweiz hat man auch nicht bis zur letzten Gewissheit gewartet, bevor man Herz- und Knochenmarktransplantationszentren aufgebaut hat.

Wäre ein weiteres Zentrum denn überhaupt ausreichend?
Man müsste sich einfach mal dafür entscheiden, dass man mindestens ein zusätzliches Protonenzentrum haben will, um überhaupt den künftigen Bedarf der Schweiz auffangen zu können. Wird diese Entscheidung immer weiter hinausgezögert, wie dies zurzeit geschieht, führt das dazu, dass die Protonentherapie auch den Schweizer Patienten nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen wird.

Ist bei der Protonentherapie eine Konzentration überhaupt sinnvoll?
Dass man sich auf wenige Standorte beschränken will, ist aus meiner Sicht sinnvoll. Es handelt sich nach wie vor um eine teure Technologie. Es ist jedoch nicht haltbar, dass die Gesundheitsdirektoren letztes Jahr einfach die Argumentation übernommen haben, dass die Protonentherapie für die nächsten Jahre weiterhin nur für seltene Tumore angewandt werden soll. Das ist bereits heute nicht mehr korrekt. Von den Beteiligten hat vor diesem Entscheid im Übrigen niemand mit mir gesprochen, obwohl ich in der Schweiz derjenige war, der die Bestrahlungen durchgeführt hat.

Eine Protonentherapie kostet rund 30'000 Franken pro Patient. Können wir es uns überhaupt leisten, mehr Patienten mit Protonen zu bestrahlen?
Auf absehbare Zeit wird die Protonentherapie teuer sein. Die Therapie, wie sie am PSI angeboten wird, kostet zwischen 1,7- und 2,5-mal mehr als die konventionelle Strahlentherapie. Bei einer Anlage ohne Subventionen dürften die Preise höher sein, um die Investitionskosten wieder hereinzuholen. Deshalb sollte die Protonentherapie tatsächlich nur bei Tumoren angewandt werden, wo ein klarer Vorteil zu erwarten ist. Im Vergleich zu vielen, sehr teuren Chemotherapien fällt der Preisunterschied zur konventionellen Strahlentherapie allerdings nicht so gross aus. Zudem wird übersehen: Wenn ein Patient dank der schonenderen Bestrahlung unter weniger Komplikationen leidet, kostet er weniger.

Erstellt: 08.10.2011, 11:30 Uhr

Ehemaliger Direktor des Protonenzentrums am PSI: Seit Mai ist der Radioonkologe Eugen Hug (51) medizinischer Direktor bei Pro Cure, dem Betreiber mehrerer Protonenkliniken in den USA.

Streit um die Protonentherapie

Die Protonentherapie gehört in der Schweiz zu den heissen Eisen bei der Auseinandersetzung um die hoch spezialisierte Medizin. Die vielversprechende Krebsbehandlung ist aufwendig und kann nur in spezialisierten Zentren durchgeführt werden, wovon es in der Schweiz zurzeit nur eines am Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen AG gibt. Die Universitäten Zürich sowie Lausanne arbeiten eng mit dem Zentrum zusammen.

Wie bei der Herztransplantation hat die zuständige Kommission der Kantone vor anderthalb Jahren entschieden, am Status quo festzuhalten. Eine private Trägerschaft in Galgenen SZ sowie die Universität Bern hatten sich für ein weiteres Zentrum beworben. Der Standort am PSI könnte weiter gestärkt werden, wenn demnächst der Zürcher Kantonsrat darüber entscheidet, ob das Forschungsinstitut 20 Millionen Franken für einen Ausbau der Protonentherapie erhalten soll (TA vom 20. 9.).

Schonende Strahlen

Das Galgenen-Projekt, bei dem der ehemalige Direktor des PSI-Protonenzentrums, Eugen Hug, neu als Verwaltungsrat fungiert, ist bereits weit fortgeschritten. Offenbar soll schon diesen Winter mit dem Bau begonnen werden. Die Initianten haben ausserdem den Entscheid der Kantone zugunsten des PSI vor dem Bundesverwaltungsgericht angefochten. Unabhängig vom Ausgang der Beschwerde, steht das Projekt vor weiteren Hürden. Vergangene Woche hat der Nationalrat mit einer Zweidrittelmehrheit eine Motion gutgeheissen, die verlangt, dass die Protonentherapie vorerst allein Sache des PSI bleibt. Jetzt muss der Ständerat noch entscheiden.

Die Bestrahlung mit Protonen hat den Vorteil, dass sie gesundes Gewebe besser schont als die herkömmliche Therapie mit Röntgenstrahlen. Sie kommt heute besonders bei Tumoren an heiklen Stellen, etwa nahe dem Rückenmark oder dem Gehirn, sowie bei Kindern zum Einsatz.

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