Die stille Volksseuche

An Hepatitis C kommen in der Schweiz jährlich mehr Menschen um als im Strassenverkehr.

Hepatitis C gilt noch immer als Drogenkrankheit, allerdings sind Blutreserven erst ab 1989 auf den Virus getestet worden: Nadeleinstich für eine Blutspende, 1995. Foto: Keystone

Hepatitis C gilt noch immer als Drogenkrankheit, allerdings sind Blutreserven erst ab 1989 auf den Virus getestet worden: Nadeleinstich für eine Blutspende, 1995. Foto: Keystone

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Wird die Viruskrankheit Hepatitis C nicht behandelt, kommt es zu einer Leberentzündung, meist gefolgt von Leberzirrhose und Leberkrebs. Wie viele Menschen hierzulande wegen des Virus sterben, war lange unbekannt. Diese Woche hat nun eine Gruppe von Forschern der Universitäten Bern, Genf und Zürich eine Studie dazu publiziert.

Sie kommt zum Schluss: Mindestens 240 Menschen sterben jährlich an Hepatitis C. «Ziemlich sicher, sind es aber deutlich mehr», sagt Beat Müllhaupt, Mitverfasser der Untersuchung und leitender Arzt Hepatologie am Universitätsspital Zürich. Denn bei vielen Todesfällen wird der Bezug zum Virus nicht bemerkt oder nicht gemeldet. Gemäss neusten Schätzungen der Forschergruppe könnten es daher bis zu 1600 sein.

Zum Vergleich, im Strassenverkehr kommen jährlich 200 Menschen um, wegen Aids 50. Philip Bruggmann, Präsident von Hepatitis Schweiz und Chefarzt an den Arud-Zentren für Suchtmedizin ist über die hohe Sterblichkeit besorgt. Er bemängelt, dass Aufklärungskampagnen sowie Screenings von betroffenen Bevölkerungsgruppen fehlen. «Die Schweiz ist Vorzeigeland im Bekämpfen von HIV. Weshalb nicht bei Hepatitis C?»

Zwischen 1950 und 1985 Geborene sind häufig betroffen

An der Viruskrankheit leiden in der Schweiz rund 40'000 Menschen. Das Beunruhigende: Nur zwei von drei Betroffenen wissen, dass sie infiziert sind. «Dies ist einerseits auf die fehlenden spezifischen Symptome und andererseits auf das mangelnde Bewusstsein zurückzuführen», sagt Chefarzt Bruggmann. «Viele sind sich nicht bewusst, dass sie das Virus in sich tragen könnten.»

Hepatitis C gilt noch immer als Drogenkrankheit schlechthin. «Doch längst nicht alle haben sich beim Spritzen oder Sniffen angesteckt», sagt Bruggmann. Erst 1989 haben Forscher das Virus entdeckt. Bis dahin sind weder Blutreserven auf Hepatitis C getestet worden, noch war ein genügender Grad an Sterilität beispielsweise in Praxen und Spitälern vorhanden. Überdurchschnittlich häufig sind deshalb zwischen 1950 und 1985 Geborene betroffen.

Das BAG prognostiziert für das kommende Jahr rund 4000 Patienten, doppelt so viele wie heute.

Den Kampf hat dem Virus das Netzwerk Hepatitis-Strategie angesagt. Das Ziel der über 80 Experten ist es, die Krankheit in der Schweiz bis 2030 zu eliminieren. Dafür müssten Hunderte Patienten Zugang zu den hoch potenten Medikamenten erhalten. Wie neuste Zahlen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zeigen, werden Ende dieses Jahres aber erst rund 2350 Kranke therapiert worden sein. Denn die Medikamente sind teuer. Zwar ermöglichen sie eine vollständige Heilung in acht bis zwölf Wochen, doch die Therapie kostete bis zu 100'000 Franken. Zu viel, fand das BAG und erlaubte nur Patienten mit fortgeschrittener Lebererkrankung Zugang zu den Pillen.

Diesen Sommer rauften sich allerdings Bund und Pharmakonzerne zusammen. Eine Firma nach der anderen senkte die Preise. Im Gegenzug hob das BAG die Beschränkung auf. Noch 30'000 Franken kostet eine Behandlung, dafür erhält jeder das Medikament. Müllhaupt ist über diese Entwicklung «hocherfreut». «Mit einer frühzeitigen Therapie kann die Sterblichkeit um 90 Prozent gesenkt und die langfristige Entwicklung der Krankheitskosten positiv beeinflusst werden», sagt er.

Generika in Indien viel günstiger

Kurzfristig wird es wohl aber zu einem Kostenanstieg kommen. Eine Umfrage bei den grossen Krankenversicherern zeigt, dass trotz Preissenkungen die Kostenproblematik nicht entschärft ist. «Die steigenden Patientenzahlen heben die tieferen Medikamentenkosten auf», sagt Helsana-Sprecherin Dragana Glavic. 50 Prozent mehr Hepatitis-Patienten verzeichnet Helsana dieses Jahr. Und auch bei der Swica und der Sanitas sind es so viele mehr.

Das BAG prognostiziert für das kommende Jahr rund 4000 Patienten, doppelt so viele wie heute. Daher ist das Netzwerk Hepatitis-Strategie sowie auch Christophe Kaempf vom Krankenkassenverband Santésuisse überzeugt, dass die Preise weiter fallen müssen. «In Indien sind Generika für wenige tausend Franken erhältlich. Das heisst, es gibt noch Potenzial», sagt Kaempf. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.11.2017, 09:33 Uhr

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