«Das Virus wird so schnell nicht verschwinden»

Die Zika-Epidemie ist vorbei. Doch das Virus stellt Schweizer Arbeitnehmer und Firmen noch immer vor ernste Probleme.

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«Asigris gra regoldis nanut kro!»So oder ähnlich hören sich die Funksprüche an, die im Cockpit hörbar sind. Der Blick aus dem Fenster zeigt den Kaukasus. Nach einer Weile gehören die Botschaften aus dem Lautsprecher dazu wie das Brummen der Triebwerke, man hört sie kaum noch. Zumindest als Laie. Sibylle Hiller* aber greift immer wieder zum Funkgerät und antwortet – auf Englisch. «Es dauert eine Weile, aber irgendwann versteht man die Lotsen in aller Welt», sagt sie und schmunzelt.

Seit zehn Jahren fliegt Hiller für eine grosse europäische Fluggesellschaft, seit drei Jahren ist sie auf Langstrecken unterwegs und kommt so in ferne Länder. «Niemand in meinem nicht fliegenden Freundeskreis geht so gern zur Arbeit wie ich», sagt sie.

Doch jüngst bereitete ihr der Job erstmals Sorgen. «Lange hätte ich gar nicht gedacht, dass ich überhaupt Kinder will», sagt die 36-Jährige. «Aber es kommt dann eben doch immer anders.» Grundsätzlich sei es heute auch als Pilotin gut möglich, eine Familie zu gründen. Doch ein Problem bleibt: Hiller fliegt immer wieder Gebiete an, in denen ?das Zikavirus verbreitet ist.

Entwarnung trotz Risiken

Zika wird von der Gelbfiebermücke übertragen. In den meisten Fällen kommt es bei einer Infektion nur zu schwachen und kurzen Erkrankungen. Steckt sich aber eine Schwangere an, wird es heikel. Es gilt als erwiesen, dass eine Zikainfektion Mikrozephalie bei Neugeborenen fördern kann – eine Schädelfehlbildung, die mit schweren Nervenstörungen einhergehen kann. Auch wenn die Schwangerschaft erst nach der Infektion beginnt, kann es zu Problemen kommen. Denn bei Frauen bleibt das Virus acht Wochen lang im Körper. Da Zika auch sexuell übertragbar ist, können Männer ihre Partnerin anstecken, und dies bis zu sechs Monate nach ihrer Infektion.

Die grosse Zikawelle ist inzwischen vorüber (siehe Grafik). Waren 2016 in Brasilien insgesamt 216'000 Fälle gemeldet worden, so waren es bis September 2017 nur noch 15'500 neue Fälle. Entsprechend erklärte die brasilianische Regierung letztes Jahr das Ende des 18 Monate andauernden Gesundheitsnotstands. Auch in Mexiko und Kolumbien sank die Anzahl der Infektionen stark. Dennoch beschäftigt Zika Ärzte und Forscher in aller Welt weiter. «Nur weil die Epidemie in Lateinamerika vorbei ist, heisst es nicht, dass Zika kein Thema mehr ist», sagt Christoph Hatz vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut.

Und das betrifft nicht nur Urlauber, sondern eben auch Personen, die wegen ihres Berufs viel reisen – Personen wie Sibylle Hiller. Auch die Pilotin hat mit einem Arzt über das Thema gesprochen und dann eine «Risikoabwägung» vorgenommen, wie sie es selbst nennt. Das Ergebnis: Sie fliegt weiter an alle Destinationen. «Grundsätzlich ist es zwar möglich, sich im Dienstplan nicht für diese Ziele einteilen zu lassen», sagt Hiller. «Aber dafür muss ich meinen Arbeitgeber über meine Familienplanung informieren. Und irgendwie ist mir das gerade alles noch zu offiziell», sagt sie. «Was, wenn es längere Zeit nicht klappt mit der Schwangerschaft Fangen dann alle an, darüber zu reden?»

Keine Flüge in Zikagebiete

Auch Flugbegleiter berichten von solchen Problemen. Zahlreiche Airlines bieten ihrem Personal wegen des Virus die Möglichkeit, auf bestimmte Einsätze zu verzichten. Swiss-Sprecherin Meike Fuhlrott etwa erklärt, dass sich Mitarbeitende, die sich in unmittelbarer Familienplanung befänden, zwecks Information und Anpassung des Dienstplanes melden könnten. Dies betreffe aktuell neben der Destination São Paulo auch Bangkok. Wollen Swiss-Mitarbeiter aus Kabine und Cockpit diese Ziele meiden, ist das aber nicht ganz einfach. Sie können zwar «in begründeten Fällen eine Einsatzrestriktion beim medizinischen Dienst der Swiss beantragen», teilt die Fluggesellschaft mit. Doch dafür brauchen Frauen einen Nachweis der Familienplanung durch ihren Frauenarzt, Männer einen Nachweis des Gynäkologen der Partnerin. Dann beurteilt der medizinische Dienst der Swiss den Fall.

Bei der Besatzung kommt das nicht gut an. Für Denny Manimanakis von der Flugbegleiter-Gewerkschaft Kapers sind die Hürden zu hoch: «Die Formulierung ‹in begründeten Fällen und mit Nachweis von einem Gynäkologen› zeugt von einem grossen Misstrauen gegenüber dem Personal.» Der Gewerkschafter sieht zudem ein Problem beim Persönlichkeitsschutz. Zwar gelte die ärztliche Schweigepflicht. Doch wenn ein Antrag vom medizinischen Dienst akzeptiert werde, dann wüssten automatisch auch Vorgesetzte über die Familienplanung Bescheid. Das, so fügt er an, sei wohl ein Umstand, an dem man schlicht nichts ändern könne.

«Nicht nach Lateinamerika»

Dieses Problem kennt man auch in anderen Branchen. Jürg Borner*, der für ein kleines Schweizer Hilfswerk arbeitet, bei dem Auslandeinsätze zum Job gehören, erzählt: «Meine Partnerin und ich wollen eine Familie gründen. Und das wissen nun auch alle meine Mitarbeiter.» In seinem Team sei das zwar kaum ein Thema. Doch für das Hilfswerk wird Zika langsam zum echten Problem: Ein Grossteil der Mitarbeiter befinde sich in einer ähnlichen Lebensphase und plane, eine Familie zu gründen, oder wünsche sich weitere Kinder, so Borner. Das führe dazu, dass das Hilfswerk seine Leute teils nicht nach Pflichtenheft im Ausland einsetzen könne.

Grössere Organisationen können damit besser umgehen. Sowohl Caritas als auch Helvetas erklären auf Anfrage, Zika sei für sie derzeit kein Thema. Bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) heisst es: «Mitarbeiterreisen in Gegenden, in denen ein Risiko besteht, können verschoben werden», so ein Sprecher. Man analysiere die Situation jeweils mit den Betroffenen.

Tropenarzt Christoph Hatz ist überzeugt, dass Zika die Medizin auch in den kommenden Jahren beschäftigen wird. «Das Virus hat sich jetzt festgesetzt und wird so schnell auch nicht mehr verschwinden.» Bis ein Impfstoff gefunden sei, könnten noch Jahre vergehen, wenn nicht Jahrzehnte. Auch erhalte das Institut «ausgesprochen viele» Anrufe und Anfragen zum Thema, so der Arzt. Meistens seien das schwangere Frauen oder solche mit einem Kinderwunsch, die gerade ihre Ferien planten. Die Gespräche verlaufen unterschiedlich – je nach Reiseziel und Ausgangssituation. «Schwangeren kann ich sagen: Bitte in kein Gebiet in Lateinamerika reisen, wo Zika vorkommt», sagt Hatz.

Bei Thailand differenzieren

Wenn allerdings ein Paar mit Kinderwunsch gerne nach Thailand in die Ferien reisen wolle, sehe es wieder anders aus. «Da wird das Risiko gemeinsam besprochen», so Hatz. «Absolute Sicherheit können wir einfach nicht geben, auch wenn das Risiko einer Infektion in Thailand viel geringer ist als in Lateinamerika.» Einen Vergleich, den Hatz manchmal verwendet: «Das Risiko, in Bangkok von einem Auto überfahren zu werden, ist deutlich höher, als sich mit Zika zu infizieren», so der Tropenarzt. Doch die Entscheidung liege letztlich bei den Reisenden. Einige würden dann einfach eine Weile auf entsprechende Reisen verzichten oder danach entsprechend lange verhüten. Doch das schränke ziemlich ein.

Vielleicht kommen daher auch andere zum selben Ergebnis wie Pilotin Sibylle Hiller nach ihrer Risikoabwägung. «Ich glaube, mit dem Risiko muss ich einfach leben», sagt sie trocken, wendet sich ab und antwortet auf einen weiteren unverständlichen Funkspruch.

* Namen von der Redaktion geändert.

Erstellt: 21.01.2018, 18:33 Uhr

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