«Die Wohnung verrät, wo in einer Beziehung die Probleme liegen»

Uwe Linke analysiert Menschen anhand ihrer Einrichtung. Wohnen und Psyche – wie hängt das zusammen? Ein Gespräch über das gute Zuhause.

Die Einrichtung sollte dem eigenen Lebensentwurf entsprechen: Ein Paar relaxt auf dem Sofa. Foto: Getty Images

Die Einrichtung sollte dem eigenen Lebensentwurf entsprechen: Ein Paar relaxt auf dem Sofa. Foto: Getty Images

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Herr Linke, wie kommt man auf das Thema Wohnpsychologie?
Ich habe meine Arbeit Wohnpsychologie genannt, weil es der treffendste Ausdruck ist – obwohl ich kein Wissenschaftler bin. Ich bin ein Architektenkind, habe Design studiert und hatte viele Jahre ein Einrichtungshaus. Dazu kamen psychologische Ausbildungen. Das Einrichten und die Zusammenhänge mit der Psyche sind mir zeitlebens begegnet. Mir ist aufgefallen, dass Beratungsgespräche in hochwertigen Einrichtungshäusern ähnlich sind wie Beratungen bei psychischen Problemen. Wenn Sie ein Ehepaar vor sich haben, das sich für eine Einrichtung entscheiden muss, dann merken Sie das: Es berührt uns im Innersten, warum wir Dinge schön finden und warum wir uns in einer Umgebung wohlfühlen. Ich kann in Wohnungen reinschauen und emotionale Bedürfnisse herauslesen, die den Menschen manchmal selbst nicht klar sind.

Haben Sie ein Bespiel?
Ich schliesse vom Erscheinungsbild der Wohnung auf den Charakter. Fritz Riemann (Anm. d. Red.: ein Psychoanalytiker, gestorben 1979) unterscheidet in seinem Buch «Die Grundformen der Angst» verschiedene Typen. Ich habe daraus Wohntypen abgeleitet. Zum Beispiel beim Füllgrad einer Wohnung. Wenn jemand sehr viele Gegenstände hat, die Dinge dicht aufeinanderstehen, dann ist das sehr oft ein Nähetyp. Wem Beziehungen das Wichtigste im Leben sind, der schart normalerweise auch viele Gegenstände um sich und wird eher zum Sammler.

«Man kann sich viel Analyse sparen, wenn man in die Wohnung von Leuten kommt. Häufig sieht man daran, wo Probleme liegen.»

Sie laufen durch Wohnungen und analysieren: Diese Person hat jetzt diesen Gegenstand dort stehen, also hat sie diesen Charakter?
So ähnlich, zumindest im Fernsehen mache ich das so. Neben Privatkunden berate ich gewerbliche Kunden wie Inhaber von Hotels oder Arztpraxen. Ich werde gebucht, um Konzepte zu planen, die auch auf emotionale Bedürfnisse eingehen.

«Wir tun nichts ohne Emotion»: Wohnpsychologe Uwe Linke. Foto: pd

Sie sind auch Paartherapeut. Kommt es da oft zu Überschneidungen?
Zumindest kann man sich viel Analyse sparen, wenn man in die Wohnung von Leuten kommt. Häufig sieht man daran, wo Probleme liegen.

Steckt wirklich hinter jedem Einrichtungsgegenstand eine Emotion oder ein Charakterzug?
Charakterzug bestimmt nicht immer, aber mit Sicherheit eine Emotion. Es hat ja einen Grund, warum Sie genau diesen Gegenstand mal gekauft haben oder ihn aufstellen. Wir tun nichts ohne Emotion. Das fängt schon bei der Entscheidung für eine Wohnung an: Investiere ich in eine tolle Wohnung oder habe ich andere Prioritäten? Singlemänner zum Beispiel stellen häufig erst einmal unbewusst Status her: riesiger Fernseher mit grossen Lautsprechern. Frauen hingegen legen grossen Wert darauf, dass Möglichkeiten zur Kommunikation geschaffen werden und dass alles schön kuschelig ist.

«Jedes Diktat, das mir sagen will, was schön ist und was zu mir passt, finde ich fragwürdig.»

Kann eine Wohnung glücklich machen?
Sie leistet einen sehr grossen Beitrag dazu. Die Wohnung ist mein Rückzugsbereich, in dem ich auftanken kann. Das ist der Unterschied zwischen einem Haus und einem echten Zuhause. Das Zuhause hat mit mir als Person zu tun, und damit, dass es nach mir aussieht und ich es mir angeeignet habe. Dieses Aneignen fällt weg, wenn ich mich komplett von einem Stararchitekten einrichten lasse und auch, wenn ich mir alles fix und fertig im Möbelhaus kaufe.

Sie halten also nichts von Einrichtern und Innenarchitekten?
Doch, es gibt exzellente Gestalter, die auf ihre Kunden eingehen. Aber jedes Diktat, das mir sagen will, was schön ist und was zu mir passt, finde ich fragwürdig. Vor Jahren begeisterten sich Kunden in meinem Einrichtungshaus für eine Leuchte. Sie wollten aber noch ihren Innenarchitekten fragen, ob sie das Produkt kaufen dürfen. Es gibt in Deutschland eine gewisse Hörigkeit gegenüber Geschmackspäpsten. Die machen das Gegenteil von Wohnpsychologie, denn sie dekorieren hübsch nach ihrem Stil und nicht nach dem des Kunden.

Wie kann meine Wohnung mich denn glücklich machen?
Glücklich macht Wohnen nach meiner Erfahrung, wenn es so authentisch wie möglich ist. Wenn wir zehn Jahre nichts in der Wohnung ändern, führt das schnell dazu, dass wir in der Vergangenheit leben, weil sich unsere Lebensumstände verändern und wir heute vieles anders lösen würden. Dem muss man in der Wohnung Rechnung tragen, indem wir ausmisten und prüfen, ob die Einrichtung unserem Lebensentwurf noch entspricht.

«Konsum führt nicht dazu, dass man glücklich ist.»

Wie kann man das überprüfen?
Am besten kommen Sie nach einem Urlaub in Ihre Wohnung, mit ein bisschen Distanz zum Eigenen. Dann prüfen Sie mit den Augen eines Fremden, ob die Räume ihren Zweck erfüllen: Wirkt der Eingang einladend? Kann ich im Schlafzimmer entspannen und Intimität erleben? In vielen Schlafzimmern ist beispielsweise das Licht zu grell. Auch viel Kram wird dort abgeladen: Bücher, Dokumente, Körbe voller Wäsche. Gerade Räume wie das Schlafzimmer, wo kein Besuch reinkommt, sind sehr verräterisch. Sie deuten an, wie man mit dem Thema «Zur Ruhe kommen» umgeht.

Ihr Plädoyer ist also, sich mehr um das Schlafzimmer zu kümmern.
An das Wohnzimmer oder den Essplatz denken wir ohnehin. Doch das Schlafzimmer ist der einzige Raum, in den nur Leute kommen, an denen uns wirklich viel liegt und wo wir Geborgenheit erfahren. Das hat nichts mit der Grösse oder mit dem Geldbeutel zu tun. Sie können furchtbar unglücklich sein, wenn Sie viel Platz und Geld haben. Konsum führt nicht dazu, dass man glücklich ist. Im Gegenteil: Reichtum und üppige Ausstattung zwingen die Leute mehr oder weniger innerlich dazu, ständig Gäste einzuladen und das dann zu zeigen.

Wann braucht man eine Beratung?
Wenn man ein stimmiges Gestaltungskonzept möchte und keine trendige Deko sucht. Auch, wenn man sich nicht wohlfühlt, oder wenn man mit der Fülle seiner Dinge nicht fertig wird. Ich unterstütze Menschen dabei, die Wohnung oder ihr Büro zu strukturieren. Da geht es meistens um Dinge wie Loslassen, Ausmisten, aber auch: Welchen Weg will ich gehen, und wie zeigt sich das in meinem Lebensraum?

«Die Wohnung ist dann gemütlich, wenn sie ein Spiegel meines Selbst ist.»

Also ein psychologisch betreutes Aufräumkommando?
Es ist eine Art Coaching. Das Ziel ist schon eine ästhetische Gestaltung, aber letztendlich ist die Wohnung dann gemütlich, wenn sie ein Spiegel meines Selbst ist. Und weniger die Kompensation von etwas. Gerade die Werbung verführt uns dazu, mit Deko zu kompensieren.

Kommt so eine Kompensation im Wohnalltag häufig vor?
Man sieht es ja in der Gesellschaft. Je unsicherer und unberechenbarer es auf der Welt wird, desto mehr ziehen wir uns ins gemütliche Heim zurück. Zu Hause wird gegrillt und gekocht und gefrönt – wir haben ja Küchen, dass sich die Balken biegen.

Das Thema Wohnen scheint die Öffentlichkeit derzeit sehr zu interessieren. Woran liegt das?
Menschen wollen wissen, was glücklich macht und wie der Lebensraum dazu beiträgt. Ich erlebe auch Orientierungslosigkeit, weil wir in einer Welt leben, die von Fake geprägt ist. Wir machen heute viel, das nur ausschaut wie – Laminatböden oder PVC-Beläge mit Holzoptik zum Beispiel. Heute haben wir so perfekte Fotoabbildungen auf Kunststoffoberflächen, dass die Leute wieder Sehnsucht nach echtem Holz mit Astlöchern haben. Man ist wieder auf der Suche nach dem, was Echtheit ausmacht.

Erstellt: 19.01.2019, 21:05 Uhr

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