Sie hören zu und klären auf

Im Café Med beantworten pensionierte Ärzte medizinische Fragen. Ohne weissen Kittel, stressfrei – und gratis.

Zweimal pro Monat verwandelt sich ein Teil des Zürcher Bistros Chez Marion ins Café Med: Brida von Castelberg, Thomas Toth, Annina Hess-Cabalzar, Ueli Münch, Kurt Hablützel, Hans Jakob Gloor, Peter Holzach und Béatrice Guggenbühl.

Zweimal pro Monat verwandelt sich ein Teil des Zürcher Bistros Chez Marion ins Café Med: Brida von Castelberg, Thomas Toth, Annina Hess-Cabalzar, Ueli Münch, Kurt Hablützel, Hans Jakob Gloor, Peter Holzach und Béatrice Guggenbühl.

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Es ist 14.50 Uhr. Das Ehepaar Tschanz betritt das Bistro Chez Marion im Zürcher Niederdorf. Weil Marianne Tschanz, 77, auf einen Rollator angewiesen ist, fuhren sie und ihr Mann Rolf, 76, mit dem Taxi vor. Diesen Montag wollten sie unbedingt ins Bistro. Nicht die Lust auf Crêpes führte sie hierher, sondern eine anstehende Operation an der Herzklappe.

Jeden zweiten und vierten Montag im Monat wird ein Teil des Bistros von 15 bis 18 Uhr zum Café Med. Fachärztinnen und Fachärzte aus verschiedenen medizinischen Gebieten, Psychologinnen und eine Sozialarbeiterin beantworten dann Fragen von Patienten und Angehörigen, geben Rat und hören zu. Kostenlos.

Willkommen im Café Med: Am Empfangsdesk schildert eine Patientin ihre Anliegen. Foto: Thomas Egli

Marianne und Rolf Tschanz werden von Béatrice Guggenbühl empfangen. Die Sozialarbeiterin ist heute für die Triage zuständig. Sie klärt also ab, mit welchem Anliegen die Patienten das Café Med aufsuchen, und weist sie den zuständigen Fachpersonen zu. Bald setzt sich der Kardiologe Ueli Münch an den Tisch des Ehepaars. «Ich möchte wissen, ob mein Brustkorb für den Ersatz der Herzklappe zwingend geöffnet werden muss», sagt Marianne Tschanz. Vor einigen Jahren musste sie bereits an der Herzklappe operiert werden. Dabei kam es zu Komplikationen, ihr Brustkorb musste zweimal aufgeschnitten werden. Nun macht sie sich Sorgen, dass das wieder passieren könnte.

Die Erinnerungen an die Schmerzen verängstigen die 77-Jährige. Sie hat aber gehört, dass man eine neue Klappe auch mittels eines Katheters über die Leiste einsetzen könne. Ueli Münch hält das für eine «alternative Methode, bei der noch wenig Langzeiterfahrungen vorhanden sind». Im Gespräch erläutert er dem Ehepaar Tschanz die Vor- und Nachteile beider Eingriffe. Ueli Münch, der mittlerweile pensioniert ist, sagt: «Ich habe schon früher viel mit den Patienten gesprochen.» Weil er das gerne tat. Und weil er durch seine Erfahrung weiss, dass die Gespräche Patienten vor Eingriffen beruhigen.

Damit der Überblick nicht verloren geht: Die Besucher werden am Empfang den Fachärzten zugeteilt. Foto: Thomas Egli

Am Holztisch neben Marianne und Rolf Tschanz sitzt Julie Rothenfluh, 59, mit dem Chirurgen Peter Holzach. Sie hat mehrere Beschwerden. Ein Zeh, der bei einem Velounfall abgetrennt und im Spital «montiert» wurde, aber schräg zusammengewachsen ist, kaputte Knie und Probleme mit der Halswirbelsäule. «Ich glaubte, ich müsste mich hier auf ein Problem beschränken», sagt Julie Rothenfluh. «Also wollte ich über die Halswirbelsäule sprechen.» Nach drei Nackenstarren war ihr vom Hausarzt eine Physiotherapie verschrieben worden, viele Fragen blieben jedoch offen. «Zudem habe ich den Arztbericht nicht ganz verstanden.» Diesen hätte sie im Café Med gerne erklärt.

Béatrice Guggenbühl unterbricht das Gespräch vorsichtig. «Peter, die Dame, die am Tisch hinten links sitzt, muss bald gehen. Sie kann nur noch einige Minuten warten.» «Einige Minuten reichen sowieso nicht für ein Gespräch», entgegnet Peter Holzach. Er beende zuerst diese Besprechung und schaue dabei nicht auf die Uhr.

Beratung ohne Zeitdruck

Genau das schätzen die Besucherinnen und Besucher des Café Med: Die anwesenden Fachpersonen unterliegen keinem Zeitdruck. «Die Patienten spüren, wenn Ärzte unter Stress stehen, und trauen sich dann nicht mehr, all ihre Fragen zu stellen», sagt Annina Hess-Cabalzar, eine der Gründerinnen des Café Med und Präsidentin der Akademie Menschenmedizin (amm).

Das sei allerdings nicht allein die Schuld der Ärzteschaft, sondern vielmehr des gesamten Systems. «Seit der Einführung der Fallpauschalen hat die Datensucht zugenommen», erklärt Brida von Castelberg, ehemalige Leiterin der Frauenklinik am Zürcher Triemlispital und zusammen mit Christian Hess ebenfalls eine Gründerin des Café Med. Jeder Schritt müsse detailliert festgehalten werden. Dadurch verbrächten die Ärzte zu viel Zeit am Computer und zu wenig beim Patienten.

Da die Initianten des Café Med nicht einfach die Entwicklung kritisieren, sondern etwas dagegen tun wollten, haben sie vor zwei Jahren das Café Med gegründet. Es wird vom unabhängigen Verein Akademie Menschenmedizin getragen.

«Hier müssen wir nichts notieren, keine Berichte schreiben und können uns voll auf das Gespräch mit den Patienten und Angehörigen konzentrieren», sagt Brida von Castelberg. Die Fachärzte behandeln nicht, stellen keine Diagnosen und verschreiben keine Medikamente. Sie hören zu und klären auf. «Wir zeigen den Patienten einen Weg auf. Ob sie ihn gehen, liegt in ihrer eigenen Verantwortung», sagt Annina Hess-Cabalzar.

Zu kompliziert: Die Patientin Julie Rothenfluh lässt sich vom Chirurgen Peter Holzach einen Arztbericht erklären. Foto: Thomas Egli

Julie Rothenfluh wird nach der Besprechung im Café Med ein Fusszentrum aufsuchen, sagt sie. «Zum Glück habe ich nicht nur von der Wirbelsäule erzählt, sondern auch von meinen Problemen mit dem schmerzenden Zeh», sagt sie. Peter Holzach habe ihr erklärt, dass der Zeh eventuell für die Beschwerden mit der Wirbelsäule verantwortlich sei. Eine Fehlbelastung des Fusses könne sich auf den ganzen Körper auswirken.

Es ist das erste Mal, dass ein Schulmediziner Julie Rothenfluh die Zusammenhänge des menschlichen Bewegungsapparats genau erklärt. «Hier wird keine Fliessbandarbeit erledigt wie bei einem akut behandelnden Arzt, bei dem bereits die nächsten Patienten im Wartezimmer sitzen», sagt Julie Rothenfluh. Im Bistro Chez Marion habe sie sich viel unbeschwerter gefühlt als in klinischen Räumen. «Dadurch getraute ich mich, anders zu fragen.»

Im Café Med sind jeweils rund zehn pensionierte Fachpersonen anwesend. Sie sind etwa Experten der Kardiologie, Gynäkologie, Chirurgie und Psychotherapie. Alle haben erfolgreiche Karrieren hinter sich und geben nun ihr Wissen auf unkomplizierte Weise weiter. David Nadal, der bis vor drei Jahren die Infektiologie des Kinderspitals Zürich leitete, sagt, er könne «dadurch der Gesellschaft etwas zurückgeben». Er ist überzeugt, dass sich viele Menschen in den Arztpraxen und Spitälern nicht getrauen, genau nachzufragen, weil sie denken, der Doktor habe keine Zeit.

Oft kommen auch Menschen, die mit einer Psychologin sprechen wollen.

Wer im Café Med mit dem Kinderarzt sprechen will, hat häufig eine Frage zu Impfungen. «Ich versuche, alles so einfach wie möglich zu erklären», sagt David Nadal. Oft erhalte er die Rückmeldung, die Unsicherheiten seien endlich geklärt worden. «Im Vergleich zu einer Herzoperation ist eine Beratung unspektakulär, aber für die Patienten wahnsinnig wichtig.»

Meistens sind es nicht die Eltern, die mit ihren Kindern Rat bei David Nadal suchen, sondern deren Grosseltern oder Paten. «Das kann an unseren Öffnungszeiten von 15 bis 18 Uhr liegen», sagt Nadal. Es spiele aber auch gar keine Rolle, wer vorbeikommt. Die Psychotherapeutin Annina Hess-Cabalzar sagt: «Die Angehörigen waren uns von Anfang an wichtig.» Diese würden oft vergessen gehen, müssen aber viel mittragen. Pro Nachmittag besuchen durchschnittlich rund 25 Personen das Café Med. «Wir könnten aber mehr verkraften», ist sich Annina Hess-Cabalzar sicher.

Die Anliegen der Besucher würden sich gut auf die vertretenen Fachgebiete verteilen. «Besonders gesucht sind Chirurgie, Orthopädie, innere Medizin und Gynäkologie.» Oft kommen auch Menschen, die mit einer Psychologin sprechen wollen, weil ihnen zwar alles Medizinische klar ist, sie aber nicht wissen, wie sie mit ihrer Krankheit und den damit verbundenen Ängsten umgehen sollen. «Da bei uns keine Anmeldung nötig ist, wissen wir nicht im Voraus, welche Anliegen besprochen werden müssen.»

Beantwortet häufig Fragen zu Impfungen: Der Kinderarzt David Nadal. Foto: Thomas Egli

Den häufigsten Satz, den Brida von Castelberg im Café Med hört, ist: «Mir wurde dieses und jenes empfohlen, aber ich bin mir einfach nicht sicher, ob...» Viele Patienten trauen sich nicht, den Arzt direkt um eine Erklärung oder Alternativen zu bitten. Manchen fehle das Vertrauen in die Ärzte, oder sie haben Angst vor unnötigen Operationen.

«Im Café Med gibt es keine Interessenskonflikte. Alle Fachpersonen behandeln nicht mehr und sind finanziell unabhängig», sagt Annina Hess-Cabalzar. Das Café Med kann aber auf einen Kreis von Kolleginnen und Kollegen zurückgreifen, die bereit sind, Zweitmeinungen abzugeben. Es sei aber nicht die Idee, dass die Behandlung bei diesem Arzt fortgesetzt werde.

Die Informationen nahmen Ängste: Marianne und Rolf Tschanz sind nach dem Gespräch mit dem Arzt sichtlich gelöst. Foto: Thomas Egli

Marianne Tschanz hat sich nun vorgenommen, mit ihrem Mann Rolf ein sogenanntes Herzklappen-Board in einem Spital zu besuchen. Dort kommen verschiedene Experten zusammen – Herzchirurgen und die Spezialisten, welche die Kathetermethode beherrschen. Gemeinsam wird dann besprochen, welche Massnahme sich für den jeweiligen Patienten am besten eignet. «Dr. Münch erklärte mir die verschiedenen Eingriffe bereits. Jetzt habe ich einen besseren Überblick. Das ist viel wert», sagt Marianne Tschanz.

In dem Moment wendet sich Julie Rothenfluh, die gerade noch ins Gespräch mit dem Chirurgen Peter Holzach vertieft war, ans Ehepaar Tschanz: «Haben Sie einen guten Rat bekommen?», möchte sie wissen. Marianne Tschanz bejaht. Sie sei sehr zufrieden. Die Patientinnen sind sich einig: Sie verlassen das Café mit einem guten Gefühl.

Zuerst trinken sie aber ihren Kaffee in Ruhe aus. Rolf Tschanz ist trotz der anstehenden Operation seiner Frau zu Spässen aufgelegt: «Zum Glück habe ich mir vor dem Gespräch die Ohren geputzt.» Und auch Marianne Tschanz ist gelöst. «Es hat mir gut getan, einfach mal frei sprechen zu können, ohne irgendwelche Verpflichtungen.» Die lockere Atmosphäre habe ihr die Hemmungen genommen. «Ich fand es befreiend, mit einem Arzt im Café zu sprechen.»

Das Café Med ist ein unentgeltliches Angebot der Akademie Menschenmedizin. Neben jenem im Zürcher Bistro «Chez Marion» gibt es eines in Luzern in «Melissa’s Kitchen». Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Infos und Daten: www.menschenmedizin.com

Erstellt: 08.04.2019, 16:20 Uhr

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