Ein Chirurg, der den Nerv trifft

Stammzellforscher Raphael Guzman möchte mit Alleskönner-Zellen bald schon Kindern mit Lähmungen helfen.

Raphael Guzman forschte zehn Jahre in Kalifornien, wo er ein grosses Netzwerk knüpfte. Foto: Doris Fanconi

Raphael Guzman forschte zehn Jahre in Kalifornien, wo er ein grosses Netzwerk knüpfte. Foto: Doris Fanconi

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Nie wird Raphael Guzman den Moment vergessen, als er zum ersten Mal einem Patienten neuronale Stammzellen mitten ins offen gelegte Rückenmark spritzte. «Es war ein sehr emotionaler Moment», erzählt der 47-jährige Neurochirurg. «Sie müssen sich vorstellen, ich habe während 15 Jahren unzählige Male Stammzellen im Labor transplantiert, habe mit Mäusen und Ratten experimentiert; und dann stehe ich eines Tages mit der Spritze in der Hand in einem Operationssaal und führe diese Transplantation tatsächlich bei einem Menschen durch.» Ein wenig sei er sich vorgekommen wie der amerikanische Astronaut Neil Armstrong, als dieser 1969 als erster Mensch den Mond betrat.

Es ist Montag, früher Nachmittag im Klinikum 1 des Unispitals Basel. Raphael Guzman ist gerade vom Kinderspital im angrenzenden Gebäude gekommen, wo er für eine Zweitmeinung ein Kind untersucht hat, das dringend eine Hirnoperation braucht. Draussen zeigt das Thermometer 33 Grad Celsius. Raphael Guzman aber scheint wie die Frische selbst, als er, mit einem Cappuccino in der Hand, auf der Nase eine Hipsterbrille, die Besucherinnen in sein elegantes Büro bittet. Rote Designerstühle, farblich passend zu einem modernen Kunstwerk an der Wand; auf dem Tischchen die jüngste Ausgabe des «New England Journal of Medicine». Auf der Fensterbank Familienfotos und eine gerahmte Zeichnung, die einem berühmten Bild von Paul Klee nachempfunden ist; ein Werk seiner Tochter.

3-D-Ansicht einer kranken Nervenzelle. Foto: Getty

Raphael Guzman ist seit 2012 stellvertretender Chefarzt für Neurochirurgie am Universitätsspital. Er hält in Basel eine Professur für Kinder-Neurochirurgie – zurzeit die einzige auf diesem Gebiet schweizweit. In seiner Sprechstunde an diesem Vormittag hat er ausser dem erwähnten Kind noch eines aus Genf gesehen, ein anderes ist ihm aus Italien zugewiesen worden. Zudem stand er im Operationssaal. «Wir haben einem Patienten endoskopisch einen Tumor aus dem dritten Ventrikel entfernt», erklärt Guzman. Endoskopisch heisst minimalinvasiv, «mit einer Kamera, in deren Inneren die mikrochirurgischen Instrumente verlaufen, die wir von aussen mit Blick auf den Bildschirm steuern». Es sei ein heikler, aber interessanter Eingriff.

Therapie für Rückenmarkverletzte

Die Faszination von Raphael Guzman aber gehört den Stammzellen, die er seit 20 Jahren erforscht; etwa als Beteiligter der Rückenmark-Studie der Universitätsklinik Balgrist, deren Resultate kürzlich erschienen sind. «Es war das erste Mal, dass querschnittgelähmten Patientinnen und Patienten neuronale Stammzellen kontrolliert ins Rückenmark transplantiert worden sind», sagt Guzman. Das Ziel war, festzustellen, wie sicher die Übertragung der Zellen war. Darüber hinaus habe man natürlich gehofft, die Patienten würden sich bewegungsmässig verbessern.

«Dass wir die Studie mit Balgrist-Chefarzt Armin Curt in die Schweiz bekommen haben, ist nicht selbstverständlich», sagt Raphael Guzman. Denn es war eine Firma in Kalifornien, welche die neuronalen Stammzellen aus fötalem Gewebe produziert und gehofft hatte, mit dem Verfahren eine rasche, lukrative Therapie für Rückenmarkverletzte zu entwickeln. Für die klinische Studie schaute sich die Firma zunächst in den USA um, dann in Kanada, Skandinavien. «Schliesslich kamen sie auf die Schweiz – weil Swissmedic am besten organisiert war.» Nach einem aufwendigen Auswahlverfahren konnte Raphael Guzman schliesslich dem ersten der insgesamt neun Patienten die Stammzellen spritzen: 280 Mikroliter einer trüben, leicht milchigen Flüssigkeit. Das war 2011. Raphael Guzman war dafür eigens in die Schweiz geflogen, denn er lebte und arbeitete damals noch in Stanford.

Mit einem Stipendium des Nationalfonds hatte der junge Neurochirurg Anfang der Nullerjahre als Postdoc von Bern an die renommierte US-Universität gewechselt. Er wollte das Potenzial von Stammzellen bei Hirnschlag erforschen. Im Labor hatte er bald Erfolg: «Es zeigte sich: Wenn wir unseren Versuchstieren die Stammzellen in die Halsschlagader spritzen, wandern diese ins Hirngewebe. Und mehr noch: Die transplantierten Zellen kurbeln die körpereigenen Reparaturmechanismen an, das heisst, das beschädigte Hirn beginnt selbst, neue Zellen zu produzieren, insbesondere der weissen Materie.» Das sei die eigentliche Überraschung gewesen.

Aus einem Jahr wurden zwei

Aus dem geplanten Jahr in Stanford wurden zwei, schliesslich bot die Uni Guzman eine klinische «Fellowship» und danach eine Stelle als Assistant Professor an. Er blieb zehn Jahre. In einer Zusatzausbildung lernte der Schweizer alles über Gefässkrankheiten des Hirns – Aneurysmen, arterio-venöse Missbildungen, eine Krankheit namens Moyamoya, bei der sich Hirnarterien verengen oder ganz verschliessen. Daneben konnte er sein Labor aufbauen und mit Stammzellen forschen. Und nebenbei gründeten er und seine Frau, ebenfalls eine Schweizer Forscherin, in den USA eine Familie. Stanford entsprach Raphael Guzman enorm, er knüpfte ein grosses Netzwerk. «Die Stimmung für Innovation, die Möglichkeit, Forschung und Klinik zu verbinden, war einmalig und sehr inspirierend.»

Forschungscluster in Basel Downtown

Ein Stück weit habe er diese Atmosphäre in Basel wiedergefunden, im Departement für Biomedizin, im Biozentrum und im Friedrich-Miescher-Institut, die rund ums Unispital einen Forschungscluster bildeten. «Ich brauche nur durch den Innenhof zu gehen, um in mein Labor zu gelangen und zu schauen, was meine Leute dort gerade machen. Und auf dem Rückweg kann ich das Besprochene reflektieren – und wieder in meine andere Rolle schlüpfen.» Das bringe Nähe, das sei «exciting».

Die Rückenmarkstudie habe gezeigt, dass der eingeschlagene Forschungsweg mit neuronalen Stammzellen vielversprechend sei: Die behandelten Patienten konnten nach der Transplantation bis zum Bauchnabel oder bis zur Hüfte wieder etwas spüren. Damit waren die Resultate zwar weit entfernt von der bahnbrechenden Therapie, welche die Investoren erhofft hatten (die sich nach Abschluss der Studie auch prompt zurückzogen). Aber aus wissenschaftlicher Sicht, sagt Raphael Guzman, seien sie mit dem Erreichten «zufrieden».

Seine eigene Forschung hat eine andere Patientengruppe im Fokus: Kinder mit Zerebralparese. Ihnen hofft Raphael Guzman mit einer Stammzellentherapie künftig helfen zu können. Allein in der Schweiz kommen jährlich circa 150 Kinder mit zerebralen Lähmungen zur Welt, zum Beispiel infolge Sauerstoffmangels während der Geburt. Guzmans Konzept sieht vor, solche Kinder mit Stammzellen aus dem eigenen Nabelschnurblut kurz nach der Geburt zu behandeln. Ein Kollege der University of Texas bereite zurzeit eine klinische Studie vor, deren Protokoll man in Basel übernehmen könnte. «All das ist noch Zukunftsmusik», sagt Raphael Guzman. «Aber es ist realistischerweise machbar.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2017, 17:31 Uhr

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