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Ein Energiebündel für eine bessere Welt

Die Ökologin Nina Buchmann kam im Jahrhundertsommer 2003 in die Schweiz. Seither sucht die ETH-Professorin nach Lösungen für eine nachhaltige Landwirtschaft.

«Wir dürfen nicht im Elfenbeinturm bleiben»: Nina Buchmann. Foto: Reto Oeschger
«Wir dürfen nicht im Elfenbeinturm bleiben»: Nina Buchmann. Foto: Reto Oeschger

Sie ist schnell. Sie denkt schnell, redet schnell und ist um keine Antwort verlegen. Dabei arbeitet sie in einem Feld,in dem es dauernd knistert: der Landwirtschaft. Biobauern gegen konventionelle Landwirte, Gross- gegen Kleinbauern, Vegetarier gegen Fleischliebhaber. Auf diese Streitpunkte reagiert Nina Buchmann gelassen, fast schon routiniert. Es sind die Klassiker in der Debatte um den Landbau und die Ernährung der Zukunft.

Ihre Meinung dazu hat die ordentliche Professorin für Graslandwissenschaften am Institut für Agrarwissenschaften der ETH Zürich schon Hunderte Male kundgetan. Für die Medien, auf Podien, für Politiker. «Das Schwarz-Weiss-Denken ist manchmal schon zermürbend, aber es hat uns niemand ein einfaches Leben versprochen», sagt sie und lacht. «Ideologien bringen uns nicht weiter.»

So erhält man von der Ökologin keine plakativen Antworten, sie differenziert, aber mit einer klaren Sichtweise. «Reine Rezeptlösungen sind meistens falsch», sagt sie zum Beispiel. Der Biolandbau liefere zwar grundsätzlich weniger Ertrag als die konventionelle Produktion, speichere aber mehr Kohlenstoff, was wiederum besser gegen den Klimawandel sei. Oder: Gentechnik müsse halten, was sie verspreche. Manchmal werde eben zu viel versprochen. «Wir retten mit genveränderten Organismen nicht die Ernährung der Welt, bei extremer Trockenheit verhält sich die Genkartoffel auch nur wie eine gewöhnliche Kartoffel.» Es gehe deshalb in der modernen Züchtung darum, die Eigenschaften der Pflanzen der Zukunft zu optimieren, nicht nur die Maximierung der Erträge.

Für ein Problem gibt es jeweils nicht eine einzige Formel

Und: Gross- und Kleinbauern gegeneinander auszuspielen, bringe gar nichts. Kleinbauern ernährten zwar einen grossen Teil der Welt. «Aber dieses System ist nicht immer von Vorteil, da arbeiten die Kleinbauern auf ihren zwei Hektaren, und wenn jemand krank ist, können die Kinder nicht in die Schule, es geht eben um mehr als nur um Produktion.» Für die Agrarforscherin gibt es jeweils nicht eine einzige Formel für ein Problem. Ökologische Lösungen sind das eine. «Doch sie müssen auch wirtschaftlich sein und gesellschaftlich eine Verbesserung bringen.»

Nina Buchmann erscheint in einem schicken Kleid und weissem Foulard zum Gespräch in ihrem hellen Büro an der Universitätstrasse. Die 53-jährige Forscherin ist locker, wirkt jugendlich mit ihren kurzen Haaren. Sie ist viel unterwegs. Ihr Forscherteam ist an zahlreichen nationalen und internationalen Projekten beteiligt.

Bei ihrer Forschung geht es stets um die ökologische und ressourcenschonende Bewirtschaftung von Grasland, Acker und Wald. «Gut 40?Prozent der Kontinente sind Grasland. Nun müssen wir uns fragen, was wir damit machen in einer veränderten Welt.» Da gibt es für sie kein Wenn und kein Aber: «Jahrhundertsommer wie dieses Jahr wird es immer wieder geben, nicht in hundert Jahren, vielleicht schon das nächste Jahr.»

Es geht nicht nur um die Maximierung der Erträge: Erntereife Karotten. Foto: Getty Images
Es geht nicht nur um die Maximierung der Erträge: Erntereife Karotten. Foto: Getty Images

Der Bevölkerung und insbesondere den Bauern müsse bewusst werden, dass wir so schnell wie möglich darauf reagieren müssten. «Die Forschung leistet hier ihren Beitrag, umsetzen müssen ihn aber die Politiker, die Produzenten und auch die Konsumenten», sagt sie. Noch versteht sie, wenn Bauern nach einer Trockenheit wie dieses Jahr den Staat um finanzielle Hilfe bitten. «Der Klimawandel ist eben ein schleichender Prozess, der nicht unbedingt als dringlich wahrgenommen wird.» Aber die Stimmung könne plötzlich kippen, sagt sie. Das hat sie in Australien erlebt, wo jene Bauern, die etwas gegen die Trockenheit unternahmen, leer ausgingen, während die «Unangepassten» von Millionen öffentlicher Gelder profitierten.

«Es braucht ehrgeizige Ziele, sonst kommt man nicht vorwärts»

Buchmann ist Mitbegründerin des World Food System Center, das 2011 ins Leben gerufen wurde. Die Institution soll ein «Kompetenzzentrum für Welternährungssysteme» sein – mit dem erklärten Ziel, Lösungen zu suchen für eine weltweit nachhaltige Ernährung und eine gesunde Bevölkerung.

Klingt das nicht mehr nach einer Vision? «Es braucht nun mal ehrgeizige Ziele», antwortet Buchmann prompt, «sonst kommt man nicht vorwärts.» Die Forschung liefere viele kleine Puzzleteile, die irgendwann zu einem Ganzen zusammengeführt würden. Noch ist der Weg dorthin holprig. «Es gibt manchmal zwei Schritte vorwärts, drei rückwärts, dann wieder drei vorwärts»,bilanziert Buchmann. Dennoch ist sie optimistisch. «Die Weltbevölkerung wächst, die Zahl der Unterernährten ist dennoch konstant geblieben.»

Wenn sie erzählt, versprüht sie eine fast schon ansteckende Begeisterung für ihr Fachgebiet. «Nur so kann man etwas bewegen.» Wer allerdings mit ihr zusammenarbeitet, muss sich im Klaren sein, was er will. «Ich mache keinen Job, ich übe einen Beruf aus. Ich mache das, weil ich es will», sagt sie. Das verlangt sie auch von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. «Wir können doch nicht im Survival-Modus unser Leben verbringen, jeder muss sich überlegen, wo er am richtigen Platz ist.» Wenn es nicht passe, dann sei das kein Problem. «Aber nur wer weiss, was er will, kann entscheiden, wohin es geht und kann dort auch etwas erreichen.»

Nicht mehr im Labor oder auf dem Feld

Ihre eigene Karriere verlief denn auch ziemlich geradlinig. Sie wuchs in einer bürgerlichen, «wissenschaftsfremden» Familie in einem Dorf bei Heidelberg auf. Mitte der 1980er-Jahre, als sich die grüne Politik allmählich etablierte, begann sie, an der Universität Bayreuth Geoökologie zu studieren – eine Fachrichtung, die es zu dieser Zeit in der Schweiz noch nicht gab. Sie promovierte in Pflanzenökologie, ging anschliessend für drei Jahre in die Vereinigten Staaten an die Universität von Utah in Salt Lake City und habilitierte danach in Botanik an der Universität Bayreuth. Von 1999 bis 2003 leitete sie am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena eine Forschungsgruppe. Schliesslich wurde sie 2003 von der ETH-Leitung für die damals neu geschaffene Professur für Graslandwissenschaften berufen. Seit August 2017 ist sie zudem Vorsteherin des Departements für Umweltsystemwissenschaften.

Auf dem Feld oder im Labor ist Buchmann nicht mehr anzutreffen, dazu fehlt ihr die Zeit. Sie gehört nicht zu jenem Typ Wissenschaftler, der nur in angesehenen Fachmagazinen publizieren will. «Das wäre mir zu langweilig», sagt sie. «Die Welt soll etwas von uns profitieren.» Die Erfahrungen müssten bei den Bauern vor Ort oder an die Politik weitergegeben werden, und Wissenschaftler sollen ab und zu den direkten Kontakt mit der Bevölkerung suchen – sei es in Ausstellungen, Messen oder auf Podien. «Wir dürfen nicht im Elfenbeinturm bleiben mit unseren Forschungsergebnissen.»

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