«Es gibt auch Menschen, die nachts ihren Partner angreifen»

Schlafmediziner Bernd Herberger erklärt im Interview, wann Schlafstörungen gefährlich werden. Und wie viel Schlaf gesund ist.

Starkes Schnarchen durch Schlafapnoe sorgt oft für schlechte Stimmung im Bett. Foto: Getty Images

Starkes Schnarchen durch Schlafapnoe sorgt oft für schlechte Stimmung im Bett. Foto: Getty Images

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Wann ist ein Mensch ein Fall für die Schlafklinik?
Viele Patienten leiden an Apnoe, also an schlafbezogener Atemstörung. Andere haben Schlafstörungen wie Narkolepsie, Parasomnie oder schwere Insomnie. Es gibt auch extreme Fälle wie Menschen, die aufwachen, nachts ihren Partner angreifen und am nächsten Tag nichts mehr davon wissen. Somnambulismus, also Schlafwandeln, ist zum Beispiel verbreiteter unter Kindern, kommt aber auch bei Erwachsenen vor. Das passiert im Tiefschlaf, es ist eine spezifische Tiefschlafstörung.

Das ist doch sicher gefährlich.
Schlafstörungen können in vielerlei Hinsicht gefährlich werden. Diese Menschen sind teilweise extrem müde. Jemand, der zum Beispiel Sekundenschlaf im Strassenverkehr hat, darf dann unter keinen Umständen mehr Autofahren. Aber man muss nicht immer gleich denken, nur weil man mal schlecht schläft, ist das gleich eine Schlafstörung.

Was unterscheidet schlechten Schlaf von einer Schlafstörung?
Von einer Schlafstörung spricht man nach der Definition der ICSD, also der International Classification of Sleep Disorders, wenn bei jemandem mindestens drei, vier Wochen lang Ein- und Durchschlafstörungen auftreten und diese einen körperlich und mental tagsüber stark beeinträchtigen. Das sollte man ärztlich abklären lassen.

In der heutigen Zeit ist Schlaf ein Gesundheitsparameter, der sich, genau wie die am Tag gegangenen Schritte, per App kontrollieren lässt.
Schlaf-Apps können meist nur Ruhe- und Bewegungsphasen messen, den Schlaf selbst nicht. Sie können nur Anhaltspunkte geben. Tatsächlich ist Schlaf aber extrem wichtig. Ein schlechter Schlaf kann dazu führen, dass man kognitiv beeinträchtigt ist, weil Gedächtnisinhalte nicht mehr abgespeichert werden. Gestörter Schlaf führt zu Gewichtszunahme und triggert viele Krankheiten. Die Schlafarchitektur hat sich über Millionen Jahre entwickelt anhand von hell und dunkel, Tag und Nacht. Bei Dunkelheit steigt der Melatoningehalt im Gehirn, morgens regelt das Cortisol dagegen. Unser Stoffwechsel braucht Schlaf, um normal zu funktionieren. Schlaf dient auch der Regeneration der Organe.

«Nicht nur Mütter, auch Kinder sollten unbedingt ausschlafen können.»

Wie viel Schlaf ist gesund?
Jeder Mensch hat einen ganz individuellen Schlafbedarf. In Mitteleuropa schlafen die Menschen im Schnitt ungefähr sieben Stunden und zwölf Minuten. Im Mittelalter haben die Leute noch eine Stunde länger geschlafen. Und oft ganz anders, fraktioniert – da ist man mit der Dunkelheit ins Bett gegangen und hat drei, vier Stunden geschlafen, war dann wach und hat später noch einmal geschlafen. Aber durch die Zwänge des Arbeitsalltags muss man heute in der Regel morgens wach sein.

Klingt so, als wäre das nicht optimal.
Nicht jeder braucht gleich viel Schlaf, nicht jeder hat den gleichen Schlafrhythmus. Es gibt klassisch die «Lerchen», also Frühaufsteher, und die «Eulen», die später aktiv werden. In jeder Zelle eines Menschen ist chronobiologisch eine Uhr eingebaut, wie ein Mechanismus, der im 25-Stunden-Rhythmus abläuft – und grundlegend lässt sich der nicht verändern.

Warum dauert der Rhythmus 25 Stunden? Der Tag hat doch 24 Stunden.
Ja, das ist eine wissenschaftliche Unerklärbarkeit, aber die innere Uhr des Menschen tickt tatsächlich in der Regel im 25-Stunden-Rhythmus. Das haben Experimente gezeigt, bei denen Menschen ohne äussere Einflüsse und Lichtzufuhr eine Zeit in Bunkern verbrachten. Sie pendelten sich auf einen 25-Stunden-Rhythmus ein. Warum das so ist, weiss man nicht, es ist hochinteressant. Im Alltag gleicht sich der Mensch aber automatisch an die äusseren Umstände an, da ist diese eine Stunde kein Problem.

Aber eine Mutter mit schulpflichtigen Kindern, die von der Chronobiologie her eine Eule ist, kann sich dann ja kaum an ihren Alltag anpassen.
Nicht nur Mütter, auch Kinder sollten unbedingt ausschlafen können. Wenn Kinder morgens früh geweckt werden, weil sie zur Schule müssen, kann das wichtige REM-Phasen unterbrechen, in denen das Gehirn unter anderem emotionale Eindrücke verarbeitet. Diese Phasen sind besonders für Kinder essenziell. Vor dem Aufwachen hat man die meisten REM-Schlafphasen. Ganz kleine Kinder haben beinahe nur REM-Schlafphasen und speichern dabei komplizierte Bewegungsabläufe wie zum Beispiel Krabbeln und später Laufen ab.

Wer lange schläft, gilt schnell als faul.
In unserer Gesellschaft ist es verpönt, in der Öffentlichkeit einzuschlafen, während etwa ein Japaner, der in einem Meeting wegnickt, als besonders arbeitsam angesehen wird. Das ist eine ganz andere soziale Wahrnehmung des Schlafes. Leider haben wir hier zu wenige Möglichkeiten, den Schlaf individueller zu gestalten. Unternehmen mit Ruheraum, in dem sich Mitarbeiter zwischendurch hinlegen können zum Beispiel, sind immer noch eher eine Seltenheit. Die Menschen können heute kaum ihren Schlaf für sich entsprechend fraktionieren. Dabei sind viele zwar morgens wach, fallen aber mittags in ein Tief und müssen sich dann durch den Rest des Tages kämpfen, statt sich kurz erholen zu können.

«Anspruchsvolle Jobs lassen das Gehirn auch nachts nicht los.»

Ist es schwieriger, in einer Grossstadt entspannt zu schlafen als auf dem Land?
Generell kann man überall eine Schlafstörung entwickeln. Und besonders in der Stadt kommt es sehr darauf an, wo man wohnt. Das hängt von der Mikrostruktur ab, auch in der Stadt kann man ruhig wohnen. Aber Lärm zum Beispiel ist natürlich ein Faktor, der hier eher den Schlaf stören kann.

Lärm, Lichtverschmutzung ...
Prinzipiell ist man in der Stadt einer grösseren Stimulation von Reizen ausgesetzt, was den Stressfaktor erhöht. Und was enorm zunimmt sind Insomnien. Die sind oft stressbedingt und auch schwierig zu behandeln. Als Therapie arbeitet man zum Beispiel mit Schlafrestriktion und anschliessender langsamer Gewöhnung an einen ausgeglichenen Schlafrhythmus und Schlafdauer. Beim Stress spielt natürlich auch die Arbeitssituation eine Rolle. Anspruchsvolle Jobs lassen das Gehirn auch nachts nicht los, und selbst wenn eine stressige Phase vorbei ist, ist das Gehirn schon auf nächtliches Aufwachen konditioniert. Das Gehirn kommt aus dieser Konditionierung nur schwer wieder raus.

Erstellt: 04.09.2019, 15:00 Uhr

Kleines Lexikon des Schlafs

Schlafarchitektur
Ein gesunder Schlaf ist in Phasen aufgeteilt: Die Einschlafphase, in der der Organismus immer tiefer in die Entspannung sinkt; die Leichtschlafphase mit entspannten Muskeln, gleichmäßigem Puls und gleichmäßiger Atmung, die ungefähr die Hälfte der Schlafdauer ausmacht; der Tiefschlaf in Phasen von zehn bis 20 Minuten, der etwa 20 Prozent der Schlafdauer in Anspruch nimmt und in dem der Blutdruck fällt, Herzschlag und Atmung sich verlangsamen, die Augen ruhig sind. Und der REM-Schlaf, benannt nach dem «Rapid-Eye-Movement», den schnellen Augenbewegungen bei geschlossenen Lidern. In dieser Phase finden die meisten Träume statt, das Gehirn arbeitet aktiv und erholt sich, die Muskulatur ist maximal entspannt. REM-Phasen machen bei Erwachsenen etwa 20 Prozent des Schlafes aus.

Schlafstörungen
Umgangssprachlich einfach Schlafkrankheit genannt, ist die Narkolepsie eine seltene Schlafsucht, bei der Betroffene tagsüber unter Einschlafattacken leiden. Im Extremfall kann es zur plötzlichen Muskelentspannung und dadurch zu Stürzen kommen. Parasomnie bezeichnet eine Reihe von Phänomenen. Dazu gehört die Nachtangst, bei der Betroffene während sie schlafen mit weit geöffneten Augen schreien oder umherlaufen; Schlaflähmung, bei der man aufwacht, sich aber nicht bewegen kann, und auch Somnambulismus, umgangssprachlich als Schlafwandeln bezeichnet. Das kann vom Aufsetzen im Bett über Herumlaufen bis hin zu komplexen Tätigkeiten wie dem Zubereiten von Essen reichen. Insomnie bedeutet Schlaflosigkeit, Betroffene haben Ein- und Durchschlafstörungen und können nur verkürzt schlafen. (lka)

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