Ein Krebsforscher sucht neue «Serienmörder»

Der Onkologe George Coukos will mithilfe von Killerzellen selbst unheilbaren Krebsgeschwüren den Garaus machen.

George Coukos: «Zelltherapien sind die Zukunft der Medizin.» Foto: Nicolas Righetti (Lundi13)

George Coukos: «Zelltherapien sind die Zukunft der Medizin.» Foto: Nicolas Righetti (Lundi13)

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George Coukos hatte eigentlich alles, was sich ein Wissenschaftler und Arzt wünschen kann: eine Professur an der renommierten University of Pennsylvania, ein Forschungszentrum für Eierstockkrebs, das er selber aufgebaut hatte, ein Traumhaus für seine Familie. «Ich hatte wirklich null Grund, das alles zu verlassen», sagt der Krebsmediziner. Im Gegenteil, die Kollegen an der Uni hätten ihm heftig davon abgeraten, seine Position aufzugeben und in der Schweiz ganz von vorne anzufangen. «Ich würde Karriere-Selbstmord begehen, haben sie mich gewarnt.»

Das war 2011. Damals erhielt Coukos das Angebot, in Lausanne ein neues Krebsforschungsinstitut sowie am Universitätsspital ein Onkologie-Departement aufzubauen. «Ich flog mehrere Male nach Lausanne, sprach mit hundert Leuten», erinnert sich Coukos bei unserem Treffen in seinem Büro am Centre hospitalier universitaire vau-dois (Chuv), dem Universitätsspital in Lausanne. Er habe dabei realisiert, dass das Umfeld stimme und dass viele Komponenten, die es für ein State-of-the-art-Programm für Krebsimmuntherapie braucht, bereits vorhanden waren. «Ich habe gemerkt: Das ist die Chance meines Lebens.»

Netzwerk von Forschungslabors

Coukos packte sie. 2012 zog er mit seiner Frau und den zwei Kindern von Philadelphia nach Lausanne und begann mit dem Aufbau eines heute schweizweit, ja europaweit einzigartigen Krebsforschungszentrums. Es besteht aus zwei Abteilungen: zum einen aus einem Netzwerk von Forschungslabors, in denen neue Immuntherapien gegen verschiedene Krebsformen entwickelt werden. Diese Abteilung wird zu einem grossen Teil vom Ludwig Institute for Cancer Research und vom Kanton Waadt finanziert. Zum anderen aus dem Zentrum für experimentelle Therapeutika, an dem die neu entwickelten Therapien im Rahmen von klinischen ­Studien an Patienten getestet werden. Beide Abteilungen mit insgesamt 550 Mitarbeitern sind im Onkologie-Departement des Chuv zusammengefasst, dem Coukos als Direktor vorsteht.

Coukos’ Departement hat sich prioritär einem Ziel verschrieben: der Entwicklung neuartiger zellulärer Immuntherapien gegen Krebs. Denn das Immunsystem, das zeigt sich mehr und mehr, ist der zentrale Schlüssel zu weiteren Fortschritten in der Behandlung vieler Krebsleiden. Es muss den Forschern in Coukos’ Labors «nur» gelingen, die Immunzellen genetisch so umzuprogrammieren oder so anzustacheln, dass sie im Körper des Patienten die ­wuchernden Krebszellen erkennen, ­diese angreifen und zerstören – ohne dabei Kollateralschäden, sprich schwere Nebenwirkungen, anzurichten.

Ein T-Lymphozyt (oder T-Zelle) im Querschnitt. Foto: F1online

Was in der Theorie einfach klingt, ist in der Praxis ein äusserst schwieriges Unterfangen. So ist die Suche nach spezifischen Merkmalen, die nur Krebszellen tragen und die daher als Angriffsziel für eine Immuntherapie infrage kommen, so etwas wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Zudem ist jeder Krebs anders – zum Teil unterscheiden sich die entarteten Zellen sogar innerhalb eines Tumors –, was die Entwicklung von Therapien naturgemäss stark erschwert. Sprich: Jeder Patient braucht im Prinzip eine eigene, auf seinen spezifischen Tumor zugeschnittene Immuntherapie.

Dass das Prinzip funktionieren kann, zeigen die ersten zellbasierten Immuntherapien, die bereits Einzug in den klinischen Alltag gefunden haben. Vor etwa zwei Jahren haben die Pharmaunternehmen Novartis und Gilead eine an der University of Pennsylvania entwickelte sogenannte CAR-T-Zelltherapie lizenziert und bieten sie seit etwa einem Jahr zu einem Preis von 370'000 Franken auch Schweizer Patienten an, die an unheilbaren B-Zell-Lymphomen leiden. Die Idee: T-Zellen des Patienten werden im Labor gentechnisch so aufgerüstet, dass sie die Krebszellen im Körper attackieren und zerstören. Jede CAR-T-Zelle könne bis zu 1000 Krebszellen töten, sagt Coukos. «Das sind Serienmörder.»

75 Milliarden Zellen per Infusion

Eine ähnliche Methode testet Coukos’ Team nun in Lausanne im Rahmen von zwei kleinen klinischen Studien. Bei der sogenannten TIL-Zelltherapie isolieren Forscher in einem ersten Schritt T-Zellen aus dem Tumorgewebe des Patienten (TIL steht für tumorinfiltrierende Lymphozyten). Diese Zellen, die den Tumor zwar erkennen, ihn aber nicht effektiv bekämpfen können, werden dann im Labor stark vermehrt und heiss gemacht. Das Ziel ist es, dem Patienten 50bis 75 Milliarden von ihnen per Infusion zurückzugeben. Sieben Patienten haben die Lausanner bislang mit den TIL behandelt. «Es sieht sehr vielversprechend aus», sagt Coukos, genaue Resultate könne er aber noch nicht offenlegen.

Die TIL-Therapie ist neben der CAR-T-Zelltherapie vielleicht die am weitesten fortgeschrittene neue Krebsbekämpfungsmethode, die auf die Hilfe von Immunzellen setzt. Doch bei weitem nicht die einzige. In den Lausanner Labors tüfteln Forschergruppen an diversen anderen neuen Strategien: etwa daran, wie man die T-Zellen gentechnisch so umprogrammieren kann, dass sie gezielt Krebszellen angreifen. Dieses Konzept sei anderswo bereits erfolgreich an wenigen Patienten getestet worden, sagt Coukos. Eine weitere Strategie, welche das Lausanner Team verfolgt, sind sogenannte Neo-Antigene. Das sind Eiweissfragmente, die nur von Krebszellen gebildet werden. Gelingt es, diese im Labor zu identifizieren und zu isolieren, können die Forscher eine Impfung dagegen entwickeln – oder T-Zellen alternativ so präparieren, dass sie die Krebszellen erkennen und eliminieren.

Den zellulären Krebstherapien gehört die Zukunft, davon ist Coukos überzeugt. «Das Gebiet ist sehr aufregend», sagt er und fügt gleich an: «Persönlich glaube ich, dass Zelltherapien generell die Zukunft der Medizin sind.» – Wie bitte? Wie meinen Sie das, Herr Coukos? – «Klar, wir müssen zuerst zeigen, dass die Zelltherapie in der Onkologie bei verschiedensten Krebsformen wirklich funktioniert.» Dann könne man aber an weitere Anwendungen denken, und er zählt auf: «Bei Transplantationen? Absolut! Bei Autoimmunkrankheiten? Absolut! Bei Infektionen? Absolut! Bei Entzündungen? Absolut!» Coukos ist ­überzeugt, dass sich in den nächsten 20 Jahren aufgrund der Fähigkeit, Zellen oder Gewebe umprogrammieren zu können, unzählige neue Chancen ergeben werden. «Das sind fantastische Aussichten.»

Den Karriereschritt aus den USA nach Lausanne hat Coukos nie bereut. «Es gefällt mir hier sehr gut», sagt der 58-Jährige, der 1961 als Giorgios Koukos in Athen geboren wurde, später in Italien und dann in den USA studierte. Dass es ihm am Genfersee so gut passt, hat auch mit seiner Verwandtschaft in Griechenland zu tun, die nun viel näher ist, aber vor allem mit dem Umfeld in Lausanne. «Die Institutionen hier haben grosse Ambitionen, sie wollen Lausanne zu einem wichtigen Ort auf der Welt machen», sagt er. «Das trifft sich voll mit meinen Werten.»

Erstellt: 24.01.2020, 20:39 Uhr

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